Das nette Mädel von nebenan und die Werwölfe

Nightshifted: Visite bei Vollmond - Cassie Alexander

Meine Lektüre des ersten Bands der „Nightshifted“ – Serie („Medizin um Mitternacht“) rund um die Krankenschwester Edie Spence liegt schon ziemlich lange zurück, um genau zu sein, über ein Jahr. Dem Auftakt dieser Reihe gab ich bei amazon im November 2012 4 Sterne („Gefällt mir“).  „Medizin um Mitternacht“ empfand ich als soliden Erstlingsroman, der vor allem durch die äußerst kreative Idee überzeugt, Übernatürliches und die Medizin zu verbinden. Trotz dessen hatte ich unter anderem zu bemängeln, dass Cassie Alexander den Spannungsbogen nicht durchgängig aufrechterhalten konnte. Im zweiten Band „Visite bei Vollmond“ gelang ihr dies erfreulicherweise besser.

 

Wie der Titel bereits vermuten lässt, stehen dieses Mal die Gestaltwandler im Mittelpunkt der Ereignisse. Nachdem Edie Zeugin eines schrecklichen Autounfalls wird, dem ein Werwolf zum Opfer fällt, wird dieser auf Station Y4 eingeliefert und dort behandelt. Schnell stellt sich heraus, dass dieser Werwolf kein Niemand ist, sondern der König des ansässigen Rudels „Harscher Schnee“.  Während dessen Prognose denkbar schlecht ist, muss sich Edie mit seiner Familie und dem Rudel auseinandersetzen, welche genauso von Intrigen und politischen Ränkespielen geschüttelt werden wie die Gemeinschaft der Vampire. Diese spielt in „Visite bei Vollmond“ auch wieder eine Rolle; in Form von Anna, die Edie bittet, bei einer Vampirzeremonie ihre „Gesandte der Sonne“ zu sein. Edie stimmt widerwillig zu, womit die Probleme ihren Lauf nehmen. Edie wird Opfer mehrerer erfolgloser Attentate, die allesamt von Werwölfen verübt werden, doch scheinbar besteht ein Zusammenhang mit Annas Zeremonie und der Welt der Vampire. Kann Edie all die losen Fäden entwirren, zu einem Gesamtbild zusammensetzen und dadurch ihr Leben retten?

 

In „Visite bei Vollmond“ wird der Leser erneut in eine actiongeladene und rasante Handlung geworfen. Cassie Alexander schließt darin einige Konstruktionslücken aus dem ersten Band, indem sie sowohl auf die Gemeinschaft der Vampire als auch auf das Werwolf-Rudel eingeht und deren Verbindungen und Strukturen ausführlicher erklärt. Ich habe mich vor dem Lesen bewusst dagegen entschieden, „Medizin um Mitternacht“ noch einmal zu rekapitulieren, weil ich sehen wollte, wie viel ich von Alexanders Welt ohne eine Erinnerungshilfe verstehe. Für mich funktionierte „Visite bei Vollmond“ als Geschichte gut; wirkliche Erinnerungsstützen bietet die Autorin ihren Lesern jedoch nicht, was es einem Quereinsteiger vermutlich erschwert, sich in Edies Universum zurecht zu finden. Des Weiteren ist auch der Zugang zu Edie selbst weiterhin etwas schwierig. Zwar ist eine Identifikation mit ihr weitestgehend problemlos möglich, unter anderem auch, weil sie selbst als Erzählerin fungiert, aber teilweise sind ihre Reaktionen für mich nicht nachvollziehbar. Ich finde, diese sind merkwürdig verschoben; in Momenten, in denen ich eine aktive Reaktion erwartet hätte, ist Edie zu passiv, während sie in anderen Momenten eine unüberlegte Impulsivität an den Tag legt, die ich für nicht angemessen halte. Darüber hinaus empfinde ich Edies Promiskuität als übertrieben und aufgesetzt. Die Darstellung ihres Charakters vermittelt mir, dass sie eine verantwortungsbewusste, fürsorgliche, gutmütige und etwas naive junge Frau ist; der männerfressende Vamp will da so gar nicht ins Bild passen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Frau wie Edie, die sich schnell für alles verantwortlich fühlt und ebenso schnell emotionale Bindungen aufbaut, ein Sexualleben pflegt, das von unpersönlichen One-Night-Stands geprägt ist. Ganz davon abgesehen, dass Edie anscheinend noch nie etwas von Verhütung gehört hat. Sie ist Krankenschwester, besteht aber nicht auf die Verwendung eines Kondoms, wenn sie Sex mit einem Mann haben möchte, den sie im Grunde nicht kennt? Leider sind Präservative nicht sexy; Cassie Alexander dachte offenbar, zugunsten der erotischen Momente könne man darauf verzichten. Das Thema Atmosphäre, das für mich schon im ersten Band problematisch war, bleibt unglücklicherweise auch in „Visite bei Vollmond“ aktuell. Alexander ist selbst Krankenschwester; die Szenen, die im Krankenhaus spielen, sind dementsprechend gut ausgearbeitet. Es ist sehr schade, dass sie diese Tiefe nicht völlig auf die Welt außerhalb der Klinik übertragen konnte. Immer wieder tauchten Momente auf, die ich mir nur schwer vorstellen konnte, da die Umgebungsbeschreibung nicht detailliert genug war.

 

Abschließend muss ich wieder darauf zurückkommen, dass ich die Idee der Serie einfach großartig finde und daher alle Kritikpunkte an „Visite bei Vollmond“ verzeihen kann. Ich werde „Nightshifted“ weiter verfolgen und mir den dritten Band „Diagnose zur Dämmerung“ definitiv noch zulegen. Bisher sind Band 4 und 5 nicht auf dem deutschen Markt erhältlich, es wird sich zeigen, ob der Verlag diese auch noch übersetzt. Der zweite Band „Visite bei Vollmond“ ist eine Lektüre für diejenigen, die bereits „Medizin um Mitternacht“ gelesen haben und die Verknüpfung von Medizin und Übernatürlichem mochten. Wer eine waffenschwingende Heldin erwartet, wird in „Nightshifted“ enttäuscht; wer jedoch Lust hat, das nette Mädchen von nebenan bei ihren Abenteuern zu begleiten, liegt mit dieser Wahl genau richtig.