Wortmagieblog

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Das Mädchen, der Vampir und der Werwolf

— feeling vampire
Burnt Offerings - Laurell K. Hamilton

Kürzlich habe ich ein Interview mit Laurell K. Hamilton gelesen, indem sie erklärte, sie habe Richard in Anitas Leben gebracht, um es zu vereinfachen und sie vor Jean-Claude zu retten. Das hat ja wunderbar funktioniert. Spätere Versuche, Anita vom Chaos in ihrem Leben zu erlösen, scheiterten ebenfalls. Hamilton bemerkte selbstironisch, sie sollte aufhören, die Umstände für Anita verbessern zu wollen, weil sie dabei alles nur noch schlimmer macht. Ihr ist bewusst, dass sie mit dem Liebesdreieck zwischen Anita, Richard und Jean-Claude viele ihrer Leser_innen verärgert, empfindet die Dreiecksromanze aber als Folge ihrer Entwicklung. Alle drei treffen ihre eigenen Entscheidungen, ob ihr diese nun gefallen oder nicht. Ich war gespannt auf die Entscheidungen, die mich im siebten Band der „Anita Blake“-Reihe, „Burnt Offerings“, erwarteten.

 

Anita Blake ist bereit, die Folgen ihres Handelns zu tragen. Sie kann Richards verletzten Zorn aushalten und ihre Pflichten als Lupa seines Werwolfsrudels dennoch erfüllen. Irgendwann müssen sie ihre Verbindung durch das Triumvirat erforschen, aber vorerst ist Anita mit etwas Abstand zufrieden. Schließlich muss sie den Babysitter für eine Gruppe Werleoparden spielen, die seit Gabriels Tod wehrlos sind. Die Katzen sind jedoch nicht die einzigen, die ihren Schutz benötigen. Der Vampirrat ist in der Stadt. Monster, die sogar Monster fürchten. Sie erwarten von Jean-Claude eine Rechtfertigung für den Mord an Mr. Oliver. Natürlich ist der Prozess nur die zivilisierte Fassade uralter Intrigen und kreativer Grausamkeiten, ersonnen von gelangweilten, übernatürlichen Sadisten. Schnell geraten alle, die Anita und Jean-Claude wichtig sind, in Gefahr. Hat der Rat vielleicht sogar mit den Brandanschlägen zu tun, die Vampiretablissements in ganz St. Louis treffen? Anita muss sie so schnell wie möglich loswerden. Verantwortung zu übernehmen, kann manchmal ziemlich nerven.

 

Man kann Laurell K. Hamilton vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie ihre Protagonistin Anita Blake ihre Suppe nicht selbst auslöffeln lassen würde. „Burnt Offerings“ ist sehr eng mit „The Killing Dance“ verknüpft und behandelt die Konsequenzen, die sich aus dem Vorgängerband ergeben. Trotz neuer Provokationen in Form des Vampirrats und der Brandanschläge in St. Louis stellen die Implikationen des Triumvirats, das Anita, Richard und Jean-Claude in einer Notlage eingehen mussten, meiner Meinung nach den Kern dieses siebten Bandes dar. Das Triumvirat ist eine potente magische Verbindung zwischen Gestaltwandler, Vampir und dessen menschlichen Diener. Dieser intensive mentale, emotionale und physische Bund verändert die Beziehung zwischen Anita, Richard und Jean-Claude in einem Ausmaß, das sie erst zu erfassen beginnen. Sie teilen Gefühle, Fähigkeiten und Macht und müssen lernen, mit den Vor- und Nachteilen dieser wenig erforschten Magie umzugehen. Folglich verkompliziert das Triumvirat das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen den dreien. Man stelle sich vor, man wäre auf ewig zwischen Partner und Ex-Partner gefangen, an sie gekettet und könnte ihre Emotionen spüren. Brr. Anita ist nicht zu beneiden. Ich laste es ihr daher nicht an, dass ich am Anfang von „Burnt Offerings“ den Eindruck hatte, ihr kämen die sowohl die Ermittlungen bezüglich des Brandstifters als auch die Situation der Werleoparden sehr gelegen, um sich nicht mit den beiden Männern in ihrem Leben auseinandersetzen zu müssen. Ich empfand es als bemerkenswert, wie bereitwillig Anita Verantwortung für die Leoparden übernimmt. Sie ermordete Gabriel; für sie ist es selbstverständlich, sich um die Folgen seines Ablebens zu kümmern. Hierin zeigt sich ihre Charakterstärke, obwohl sie zunächst ignoriert, dass sie nur aufgrund des Einflusses des Triumvirats fähig ist, die Rolle der Nimir Ra (und der Lupa) auszufüllen. Der Auftritt des Vampirrats beendet ihre Verdrängungsstrategie schmerzhaft, denn gegen diese uralten Blutsauger ist sie auf die Macht ihrer Dreiecksverbindung angewiesen. Der Rat ist meiner Ansicht nach die nächste Stufe in Laurell K. Hamiltons Worldbuilding, durch die sie die Vampirwelt vielfältiger gestaltet und Jean-Claude in Relation setzt. Im Vergleich zu diesen unvorstellbar machtvollen Untoten mit ihren individuellen, beängstigenden Fähigkeiten wirkt er wie ein zahmes Schmusekätzchen. Ihr beiläufiger Sadismus zeigt Anita, wie umfangreich die Liste der Personen, für die sie töten würde, mittlerweile ist. Sie wird tiefer und tiefer in das paranormale Universum hineingezogen und verliert zusehends den Kontakt zu ihrer Menschlichkeit, was Hamilton anhand der Verschlechterung ihrer Beziehungen zu Dolph und ihrer besten Freundin Ronnie elegant betont. Der einzige, der in ihrem Freundeskreis noch als einigermaßen normal durchgeht, ist Larry, der inzwischen glücklicherweise allein auf die Toilette darf.

 

„Burnt Offerings“ steht exemplarisch für den Aufbau der „Anita Blake“-Reihe, deren Bände eher durch Charakterentwicklung als durch inhaltliche Fortschritte verbunden sind. Laurell K. Hamilton untersucht primär die Frage, wie die Ereignisse ihre Protagonistin verändern, statt eine festgelegte Handlungslinie zu verfolgen. Sie konfrontiert Anita mit neuen Herausforderungen, um zu erforschen, wie sie reagiert, nicht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Es geht weniger darum, was Anita erlebt, sondern vielmehr wie sie es erlebt. Deshalb ist die Reihe so lang. Dieser Ansatz ermöglicht Hamilton Konstanz und Flexibilität. Ich möchte mich noch nicht versteifen, ob ich diese Herangehensweise nun mag oder nicht, Fakt ist aber, dass ich „Burnt Offerings“ eher mittelmäßig fand. Die Brandanschläge kamen zu kurz und waren daher überflüssig. Meinetwegen braucht nicht jeder Band einen Fall als Aufhänger und Anita muss auch nicht auf Teufel komm raus ermitteln. Seien wir doch ehrlich: um ihre Polizeiarbeit geht es bereits jetzt nur noch sekundär.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/10/17/laurell-k-hamilton-burnt-offerings

Sie waren nie für einander bestimmt

— feeling vampire
The Killing Dance  - Laurell K. Hamilton

Laurell K. Hamiltons Urban Fantasy – Reihe „Anita Blake“ war stets als Mehrteiler konzipiert. Nach dem College las sie viele Krimis und fand, dass Frauen dort grundsätzlich weniger taff als Männer auftraten. Sie wünschte sich eine Heldin, die in allen Bereichen mindestens ebenso gut wie Männer war. Sie entschied, in der Welt dieser Heldin parallel ihre Vorliebe für Folklore und Mythologie auszuleben. Die Idee zu „Anita Blake“ war geboren. Sobald dieser Ansatz gefestigt war, wusste sie, dass sie keinen Einzelband schreiben würde. Ihr war damals hingegen nicht klar, wie stark Romantik die Geschichte beeinflussen würde. Erst mit dem vierten Band „The Lunatic Cafe“ gestand sie sich ein, wie wichtig diese Ebene für „Anita Blake“ ist. Diese Erkenntnis war meiner Meinung nach die Voraussetzung für den sechsten Band „The Killing Dance“.

 

Es gibt schlimmere Schicksale als den Tod. Als der Vampir Sabin Anita Blakes Büro betritt, muss sie sich sehr zusammenreißen, um ihren Ekel zu verbergen: Sabin verfault bei lebendigem Leib. Er bittet um ihre Hilfe als mächtige Nekromantin. Anita ist nicht sicher, wie und ob sie seine Erkrankung heilen kann, ist jedoch bereit, es zu versuchen. Wären da nur nicht all die anderen Probleme, die ihre Aufmerksamkeit erfordern. Irgendjemand hat ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Mit Edwards Unterstützung bemüht sie sich redlich, allen Auftragskillern aus dem Weg zu gehen und zu ermitteln, wer sie diesmal tot sehen will, aber sie kann sich nicht völlig aus der Schusslinie heraushalten. Eine zeremoniell hingerichtete Vampirleiche, Ärger in Richards Werwolfsrudel und ihr eigenes, chaotisches Liebesleben halten sie fleißig auf Trab. Anita ist so beschäftigt, dass sie nicht bemerkt, dass ihr die Gefahr bereits näher ist, als sie glaubt…

 

„The Killing Dance“ erwischte mich kalt. Ich habe das Buch schon einmal auf Deutsch als „Tanz der Toten“ gelesen, ordnete meine Erinnerungen an die Handlung allerdings späteren Bänden zu. Ich war nicht darauf vorbereitet, bereits so früh im Rahmen meines Rereads mit einem der traurigsten, tragischsten Bände der Reihe konfrontiert zu werden. Mein Herz blutet. Es war unglaublich schmerzhaft, Anita und Richard dabei zu beobachten, wie sie sich permanent gegenseitig verletzen. Dennoch mochte ich „The Killing Dance“ sehr, weil ich den akuten Fall trotz mehrerer Komponenten im Vergleich zu „Bloody Bones“ erfreulich klar strukturiert, rund und in sich geschlossen fand und er bezüglich der übergreifenden Geschichte sehr aufschlussreich ist. Laurell K. Hamilton etabliert einige der Hauptkonflikte der Reihe, gewährt tiefe Einblicke in die von Dominanz geprägte Hierarchie eines Werwolfsrudels und erklärt Anitas belastete Beziehungen zu verschiedenen Figuren, darunter sie selbst, Jean-Claude, Dolph, Edward (von jeher mein liebster Nebencharakter) und eben auch Richard. Ihr betrübliches Drama trägt entscheidend zum Verständnis von Anitas Persönlichkeit bei und bot mir reichlich Gelegenheit zur Analyse. Die Anziehungskraft und die Gefühle, die Richard und Anita füreinander empfinden, stehen außer Frage, doch sie harmonieren einfach nicht. Liebe allein reicht eben nicht aus. Ich glaube, sie sind hauptsächlich in die Idee voneinander verliebt, die mit der Realität ihrer Beziehung katastrophal kollidiert. Zwischen Anita und Richard geht es stets darum, wer das furchteinflößendere Monster ist. Sie können einander nicht so akzeptieren, wie sie sind, weil sie sich selbst nicht akzeptieren können. Sie lehnen die inhumane Brutalität, die in ihnen beiden schlummert, sowohl in sich selbst als auch im jeweils anderen ab. Richards Wolf erzeugt eine Resonanz mit Anitas Düsternis; Anitas Bereitwilligkeit, zu töten, die sie sogar dominant in sein Rudel integriert, erinnert ihn an die kompromisslose Skrupellosigkeit seiner animalischen Seite. Er verlangt von ihr, sein Tier zu umarmen, kann es aber selbst nicht. In „The Killing Dance“ entscheidet er, ihr seinen Wolf in voller Pracht zu präsentieren und wählt dafür den krassesten Augenblick, der überhaupt möglich war. Extremer konnte er den Kontrast zwischen Wolf und Mensch gar nicht betonen. Das riecht nach Sabotage, denn er hätte Anitas ersten Kontakt mit seinem tierischen Ich durchaus schonender gestalten können. Ich werfe Anita nicht vor, dass sie Schwierigkeiten hat, diese traumatische Situation zu verarbeiten und kann nachvollziehen, dass ihr Jean-Claude, mit dem sie die Illusion, er wäre ein Mensch, deutlich leichter aufrechtzuerhalten vermag und der weder seine noch ihre Natur verleugnet, automatisch attraktiver erscheint. Ich denke mittlerweile, dass Richard und Anita nie füreinander bestimmt waren. Sie sind nicht fähig, die Wunschvorstellungen voneinander zu erfüllen und hadern mit den daraus resultierenden Implikationen: einen weißen Gartenzaun kann es für sie niemals geben.

 

Ich weiß, dass meine Rezension den Eindruck vermitteln könnte, „The Killing Dance“ hätte außer Herz-Schmerz-Drama wenig zu bieten. Das stimmt nicht. Es ist ein wirklich aufregender, spannender und atemloser Band, der mich auch neben meiner Lieblingsbeschäftigung, Anita zu analysieren, sehr gut unterhalten und einige Male überrascht hat. Für andere Leser_innen sind Elemente wie das Kopfgeld oder der abstoßende Vampir Sabin vielleicht präsenter, aber ich konzentriere mich gern auf Anitas Liebesleben, weil die Entwicklung ihres Charakters, die sich darin spiegelt, für mich der interessanteste Aspekt der Reihe ist. Sie ist der Grund, warum ich diesen Mehrteiler sogar im Rahmen der von Stereotypen geplagten Urban Fantasy als einzigartig ansehe. Vampire, Werwölfe, Nekromanten – alles schon da gewesen, doch Anita ist ein echtes Original. Nehmt es mir also nicht übel, dass es mir so viel Spaß bereitet, ihre Persönlichkeit zu entschlüsseln und mich lang und breit darüber auszulassen. Irgendwo muss ein Fangirl ihren Gedanken ja freien Lauf lassen können. ;-)

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/10/16/laurell-k-hamilton-the-killing-dance

Gewissenhaftes Worldbuilding

— feeling sleepy
The Magicians' Guild (Black Magician Trilogy, #1) - Trudi Canavan

Der erste Band der „Black Magician Trilogy“, „The Magician’s Guild”, basiert auf einem Traum der Autorin Trudi Canavan. Nachdem sie mitten in der Nacht einen Bericht über die Olympiade in Barcelona sah, der behauptete, die Regierung habe Obdachlose umsiedeln lassen, träumte sie, sie sei Teil einer Gruppe, die aus einer Stadt vertrieben wurde. Die Übeltäter waren in ihrem Traum allerdings keine Regierungsbeamte, sondern Magier. Quizfrage: wann fanden die olympischen Sommerspiele in Barcelona statt? Ich recherchierte, dass die spanische Stadt 1992 Austragungsort war. „The Magician’s Guild“ wurde 2001 erstveröffentlicht. Da sieht man mal, wie viel Zeit von der ersten Idee bis zum fertigen Buch vergehen kann.

 

Magie ist den oberen Schichten vorbehalten. Dies ist ein eisernes Gesetz in Imardin, Hauptstadt des Landes Kyralia. In der klaustrophobischen Enge der Slums gedeiht kein magisches Talent, dort sprießen Armut, Hunger und Kriminalität. Deshalb führt die Magier-Gilde einmal im Jahr auf Befehl des Königs eine Säuberung durch und jagt „Gesetzlose“ aus der Stadt. Die Säuberung ist ungerecht, brutal und herzlos. Wie viele andere Bewohner_innen der Slums demonstriert die junge Sonea gegen das unbarmherzige Vorrücken der Gilde. Sie lässt sich von der aufgepeitschten Stimmung tragen und als ihre Wut sie überwältigt, wirft sie einen Stein – und trifft. Wie ist das möglich? Nichts sollte die Schutzbarriere der Magier durchdringen können. Geschockt von ihrer eigenen Tat flüchtet Sonea. Mithilfe ihres Freundes Cery und den Dieben, einer kriminellen Untergrundorganisation, versteckt sie sich vor der Gilde, die fieberhaft nach ihr sucht. Doch ihre neuen, unkontrollierten Kräfte sind gefährlich. Schon bald kann Sonea nicht mehr garantieren, niemanden zu verletzen. Kann sie der Gilde entkommen, ohne ganz Imardin zu zerstören?

 

„The Magician’s Guild“ erforderte von mir einige Geduld. Zeitweise war ich wirklich besorgt, dass es in diesem Trilogieauftakt ausschließlich um die Flucht der magisch begabten Protagonistin Sonea vor der Magier-Gilde geht. Dieser Part, der mehr als die Hälfte des Buches einnimmt, erschien mir ausschweifend und langgezogen, da ich sicher war, den Ausgang des Handlungsstrangs zu kennen. Ich hatte niemals Zweifel daran, dass die Magier Sonea am Ende kriegen. Deshalb wünschte ich mir, Trudi Canavan würde schneller zum Punkt kommen. Ich brauchte eine Weile, um die Vorteile dieses ausgedehnten Vorlaufs zu erkennen: Soneas Flucht ermöglichte es Canavan, die spezifischen sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen Imardins ausführlich vorzustellen. Die Stadt ist tief gespalten; die Gesellschaft ist streng nach Klassen unterteilt, nicht nur baulich, sondern auch ideologisch. In den Slums herrscht starkes Misstrauen der Oberschicht gegenüber. Die Magier der Gilde werden aufgrund der jährlichen Säuberung argwöhnisch oder gar hasserfüllt betrachtet. Niemand kann sich die Dienste eines Heilers oder einer Heilerin leisten. Kinder niederer Klassen werden nicht auf magisches Talent getestet, weshalb ich davon ausgehe, dass Sonea nicht die einzige mit unentdeckten Kräften ist. Die Menschen fühlen sich abgelehnt und allein gelassen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie sich selbst umeinander kümmern. Slumbewohner_innen wenden sich mit ihren Problemen an die Diebe, ein kriminelles Kollektiv mit einer losen, mafiaähnlichen Hierarchie. Sie vertrauen den Dieben mehr als den Wachen, dem König oder der Gilde. Folglich sorgen Kriminelle in den armen Bezirken Imardins für ein Mindestmaß an Ordnung und daher ist es für Sonea naheliegend, eher bei ihnen um Hilfe zu bitten, als sich der Gilde zu unterwerfen. Canavan erläutert das Verhältnis der Bevölkerung der Armutsviertel zur Gilde sehr gewissenhaft, sodass alle Ereignisse in „The Magician’s Guild“, speziell Soneas ablehnende Haltung den Magiern und ihre ihren eigenen Kräften gegenüber, nachvollziehbar und logisch wirken. Es dauerte, bis ich mit Sonea warm wurde, weil ich sie während ihrer Flucht unvernünftig fand. Ihre mangelnde Kontrolle über ihre Fähigkeiten ist jedoch vollkommen natürlich. Canavan entschied sich für ein gradliniges, klassisches Magiesystem, in dem Menschen mit angeborenem magischem Talent in der Gilde ausgebildet werden müssen und sich später auf einen von drei Pfaden spezialisieren können. Magie ist nicht nur in Kyralia bekannt, sondern auch in den angrenzenden Nationen. Es gefiel mir sehr, dass Canavan ihr Setting und die Gilde sofort in einen internationalen Kontext integriert und fand das schlichte, elegante Magiesystem für den ersten Band einer Trilogie bereits sehr gut ausgearbeitet. Die Gilde in Imardin ist ein interessanter Haufen exzentrischer Persönlichkeiten, wodurch interne Spannungen vorprogrammiert sind. Es überraschte mich demzufolge nicht, dass der mutmaßliche Hauptkonflikt der übergreifenden Geschichte ihren Reihen entspringt. Genie und Wahnsinn liegen sehr dicht beisammen.

 

Ich freue mich auf die Fortsetzungen der „Black Magician Trilogy“. Obwohl ich „The Magician’s Guild“ inhaltlich etwas langatmig fand, schätze ich Trudi Canavans sorgfältigen Aufbau ihres Universums. Ich bin gespannt auf Soneas magische Ausbildung, die ich hoffentlich intensiv erleben darf und brenne darauf, zu erfahren, wie sie das sensible Gleichgewicht ihrer Welt zwischen Krone, Dieben und Gilde beeinflussen wird. Meiner Meinung nach wird ihre bloße Existenz die Machtverhältnisse verschieben, da sie als Bewohnerin der Slums eigentlich kein magisches Talent besitzen dürfte und die herrschende Elite somit zum Umdenken zwingt. Trotz dessen hoffe ich auch, dass Canavan zukünftig zügiger zur Sache kommt. Sollte die Handlung im nächsten Band Fahrt aufnehmen, steht einer durchweg positiven Leseerfahrung mit traditioneller High Fantasy nichts mehr im Wege. Ich bin optimistisch und halte schon mal zusätzliche Sterne parat.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/10/09/trudi-canavan-the-magicians-guild

Katzenbach ist zahm geworden

— feeling unshaven
Der Psychiater: Psychothriller - John Katzenbach, Eberhard Kreutzer, Anke Kreutzer

John Katzenbach ist meine erste große Thriller-Liebe. Ich erinnere mich noch genau, wie sehr mich „Die Anstalt“ begeisterte, mein erster Roman aus seiner Feder und meiner Meinung nach der beste, den er je geschrieben hat. Nie zuvor war ich mit einem ähnlichen Level nervenzerfetzender, psychologischer Spannung konfrontiert worden. Katzenbach begründete mit diesem Buch meine ausgedehnte Thriller-Phase. In den folgenden Jahren las ich alles, was der Mann veröffentlichte. Leider verzeichnete ich einen graduellen Qualitätsverlust, gestand ihm jedoch stets eine neue Chance zu. Mein letzter Katzenbach war 2013 „Der Wolf“, den ich insgesamt ziemlich enttäuschend fand. 2017 entdeckte ich, dass er einen neuen Einzelband geschrieben hatte: „Der Psychiater“. Selbstverständlich wollte ich auch diesen lesen.

 

Ohne die Hilfe seines Sponsors, seines Onkels Ed, hätte es der 24-jährige Alkoholiker Timothy „Moth“ Warner niemals geschafft, trocken zu bleiben. Selbst jetzt, nach 100 Tagen der Abstinenz, ist er auf seine Unterstützung angewiesen. Deshalb ist Moth alarmiert, als Ed ein wichtiges Treffen der Anonymen Alkoholiker verpasst. Besorgt fährt er in Eds Praxis. Was er dort vorfindet, lässt das Blut in seinen Adern gefrieren: die Leiche seines Onkels. Alle Spuren deuten auf Suizid hin. Die Polizei schließt den Fall.
Eds Verlust wirft Moth völlig aus der Bahn. Er kann einfach nicht glauben, dass sich sein lebensbejahender, ausgeglichener Onkel selbst getötet haben soll. Schon bald beschleicht Moth ein furchtbarer Verdacht. War es vielleicht gar kein Selbstmord? Aber wer könnte den harmonieorientierten, hilfsbereiten Psychiater tot sehen wollen? Verärgerte er einen Patienten? Verstört und in tiefer Trauer begibt sich Moth auf einen gefährlichen Weg: er ist entschlossen, Eds Mörder zu finden. Unterstützt von seiner Jugendliebe Andy Candy und der Staatsanwältin Susan beginnt er, in Eds Vergangenheit zu graben und bemerkt nicht, dass er längst beobachtet wird…

 

John Katzenbach hat seinen Biss verloren. Ich weiß nicht, wo und wie, aber für mich ist es eindeutig, dass seinen Thrillern seit einigen Jahren der spezielle Nervenkitzel fehlt, den ich in „Die Anstalt“ liebte, der mich an die Seiten fesselte und mich veranlasste, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen. Ich empfinde beim Lesen seiner Bücher schon lange keine Anspannung mehr. Katzenbach ist zahm geworden. „Der Psychiater“ ist ein psychologisch anspruchsvolles Katz-und-Maus-Spiel, das für mich leider schnell an Reiz einbüßte. Ich konnte dem Spannungsbogen des Buches einfach nicht folgen und fragte mich lange, was Katzenbach mit dieser Struktur erreichen wollte. Anfangs glaubte ich, es ginge darum, herauszufinden, ob Moth‘ Onkel Ed tatsächlich umgebracht wurde. Diese Frage klärte sich nach einigen Andeutungen endgültig mit dem ersten Kapitel aus der Sicht des Mörders. Danach mutmaßte ich, ich sollte Beweggründe und Identität des Killers erraten. Warum tötete er den liebenswerten Onkel Ed und welche Beziehung hatte er zu ihm? Das Motiv offenbart Katzenbach jedoch ebenfalls recht früh. Hm. Und jetzt? Letztendlich entpuppte sich „Der Psychiater“ als tödliches Wettrennen zwischen Moth und dem Killer. Diese Entwicklung war per se nicht schlecht, aber das Auf und Ab des Spannungsbogens und Katzenbachs Freigiebigkeit frustrierten mich, weil er mich mit jeder geschenkten Information ausschloss. Ich durfte nicht miträtseln, ich durfte nur zuschauen und ein Duell psychologischer Profile beobachten. Dieses Duell arrangierte Katzenbach allerdings vorzüglich. Die Kapitel aus der Perspektive des Mörders faszinierten mich, weil es sich um einen Profi handelt, dessen Disziplin, Kreativität und Präzision beeindrucken. Er ist ein Geist, der die Kunst, unsichtbar in der Gesellschaft zu verschwinden, perfektionierte. Es ist erschreckend, wie gründlich die Spuren einer Existenz sogar im Kommunikationszeitalter ausgelöscht werden können. Sein Kontrahent Moth verkörpert in vielerlei Hinsicht sein Gegenteil. Es war interessant, ihre Unterschiede und Parallelen zu ermitteln. Moth‘ Leben ist von seiner Suchtkrankheit geprägt; er kämpft täglich um Selbstkontrolle. Eds Verlust treibt ihn an den Rand eines Rückfalls und nur sein Entschluss, dessen Mörder aufzuspüren, bewahrt ihn davor. Daher stellte ich mir die spannende Frage, ob Moth fähig gewesen wäre, seine riskante Mission durchzuziehen, wäre er kein Alkoholiker. Ich denke nicht. Ich glaube, wäre er emotional und mental stabil, hätte er die Gefahr gescheut. Im englischen Original heißt das Buch „The Dead Student“, doch ich finde den deutschen Titel „Der Psychiater“ dennoch passend. Nicht nur, weil Ed Psychiater ist, sondern weil Katzenbach seine Leser_innen in die Position eines Psychiaters manövriert: er konfrontiert sie mit zwei erkrankten Persönlichkeiten, die durch Ed eine außergewöhnliche Verbindung teilen und überlässt es ihnen, sie zu analysieren und ihr Verhalten vorauszusagen. Deshalb sehe ich in diesem Roman eher ein psychologisches Spiel als einen mitreißenden Thriller: intellektuell stimulierend, aber leider nicht aufregend.

 

Ich weiß nicht so genau, worauf John Katzenbach mit „Der Psychiater“ hinauswollte. Das Kräftemessen zwischen Moth und dem Mörder seines Onkels erschien mir als handlungstragendes Element nicht ausreichend. Spannung oder gar Nervenkitzel wollten nicht recht aufkommen und da sich Katzenbach nicht bemühte, mich in das tödliche Duell einzubinden, fühlte ich mich zum passiven Zaungast degradiert. Auch über die Nebenfiguren fand ich keinen Zugang, weil ich ihre Rollen in der Geschichte nicht durchschaute. Das Buch spülte über mich hinweg, ohne emotionale Resonanz zu erzeugen. Theoretisch ist es eine ausgefeilte Studie psychischer Abgründe, doch praktisch erreichte es mich einfach nicht. Vielleicht ist es eine adäquate Lektüre für Psychologie-Nerds, für mich war es jedoch erneut eine Enttäuschung.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/10/03/john-katzenbach-der-psychiater

Eher "Southern" als "Gothic"

— feeling ghost
Strands of Bronze and Gold - Jane Nickerson

Als Kind fürchtete ich mich schrecklich vor dem Märchen „Blaubart“. Die unheimliche Geschichte des reichen Adligen, der seine Ehefrauen ermordet und ihre Köpfe aufbewahrt, jagte mir eine Heidenangst ein. Ursprünglich stammt das Märchen von dem französischen Autor Charles Perrault aus dem Jahr 1697; historisches Vorbild für die Figur des Blaubart war der Serienmörder Gilles de Rais, ein Mitstreiter von Jeanne d’Arc. Heute fasziniert mich das grausame Märchen, weil es erstaunlich sexualisierte Lesarten zulässt und die Moral der Erzählung eher Erwachsene als Kinder anspricht. „Strands of Bronze and Gold“ von Jane Nickerson ist eine Adaption von „Blaubart“, die in den Südstaaten der USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt.

 

1855: Nach dem Tod ihres Vaters zieht die 17-jährige Sophie Petheram zu ihrem Paten. Obwohl sie ihn noch nie gesehen hat, ist sie bereit, im Herzen Mississippis ein neues Leben zu beginnen. Das opulente Anwesen Wyndriven Abbey entzückt Sophie. All ihre Träume von Reichtum und Luxus scheinen sich zu erfüllen und ihr Pate, Monsieur Bernard de Cressac, ist ein attraktiver, kultivierter Gentleman, dessen charmante Komplimente Sophie schmeicheln. Abend für Abend essen sie gemeinsam, doch tagsüber ist sie sich selbst überlassen. Gelangweilt streift sie durch die langen Flure des Anwesens. In einem der zahllosen Zimmer entdeckt sie Kleider, Erinnerungsstücke und Gemälde von drei Damen. Sophie wusste, dass Monsieur de Cressac Witwer ist, aber sie ahnte nicht, dass er bereits dreimal verheiratet war. Ein kalter Schauer erfasst sie, als ihr auffällt, dass alle drei Frauen rotes Haar hatten – wie sie. Was ist mit ihnen geschehen? Warum ist Sophie wirklich in Wyndriven Abbey? Beunruhigt erforscht sie die Vergangenheit ihres Paten und erkennt, dass sie sich in einem goldenen Käfig befindet, den sie vielleicht nie mehr verlassen kann…

 

Ich mag Märchen-Adaptionen, die das zugrundeliegende Märchen lediglich als Basis nutzen und eine individuelle, originelle Geschichte erzählen, die um eigene Motive erweitert ist. Eine gute Adaption zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass sie eben keine Nacherzählung ist, sondern eine kreative Verarbeitung der historischen Vorlage aus einem neuen Blickwinkel. Jane Nickersons Ansatz, „Blaubart“ auf eine Plantage in Mississippi im Jahr 1855 zu transferieren, erschien mir vielversprechend und interessant, weil ich wusste, dass die Wirtschaft der Südstaaten der USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts beinahe ausschließlich von der Sklavenhaltung abhängig war. Ich hoffte, dass „Strands of Bronze and Gold“ diese Tatsache überzeugend mit dem gruseligen Märchen verbinden würde und ich es vielleicht mit einer taktvollen Aufarbeitung der US-amerikanischen Geschichte zu tun bekäme. Leider wurden meine Erwartungen bitter enttäuscht. Jane Nickerson hatte offenbar überhaupt kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Sklaverei in den USA. Sie verwendete ihr Setting ausschließlich als oberflächliche, romantisierte Bühne, die es ihrer naiven, weltfremden Protagonistin Sophie erlaubte, dekadente Kleider zu tragen, im Damensattel zu reiten und erklärte, wieso sie bei einem fremden Mann einzieht. „Strands of Bronze and Gold“ ist eine „Blaubart“-Nacherzählung im historischen Kostüm: hübsch, aber banal und irrelevant. Meiner Ansicht nach sabotierte Nickerson sich mit der Entscheidung für Sophies Ich-Perspektive selbst. Obwohl es ihr gelang, Wiedererkennungsmerkmale des Märchens durch die Augen der 17-Jährigen prominent zu inszenieren, bietet die Sichtweise der privilegierten, verhätschelten Sophie kaum Entfaltungsspielraum, da Nickerson als Schriftstellerin nicht über ausreichend Talent verfügt, um ihren Horizont aufzubrechen. Sophie stammt aus dem Norden und ist folglich entsetzt, als sie mit der Sklavenhaltung auf der Plantage ihres Paten konfrontiert wird. Sie empfindet das diffuse Bedürfnis, zu helfen und gibt sich gern Tagträumen hin, sich der Underground Railroad als Unterstützerin anzuschließen, doch effektiv hat sie keine Vorstellung vom Leid der Menschen um sie herum. Daher wirkt Nickersons Annäherung an das Thema der Sklaverei unbeholfen, unverbindlich und sehr weiß. Ich fand diese Darstellung, die immer wieder von Sophies persönlichen Ängsten ausgebremst wird, völlig unzureichend, weil sie ausschließlich schmückendes Beiwerk ist. Primär handelt „Strands of Bronze and Gold“ von Sophies gefährlicher Beziehung zu Monsieur de Cressac und ihren tollpatschigen Bemühungen, sein finsteres Geheimnis aufzudecken. Die schaurige Atmosphäre, die „Blaubart“ auszeichnet, war bedauerlicherweise jedoch nicht zu spüren. Hätte man mir als Kind statt des originalen Märchens diese Adaption vorgesetzt, hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht in eine Truhe geschlossen, weil ich mich fürchtete.

 

Es ist überaus schade, dass Jane Nickerson die komplexen Implikationen ihres Settings für ihre „Blaubart“-Adaption scheute. Meiner Ansicht nach hätte eine umfassende Verarbeitung des Themas der Sklaverei einen echten Gewinn für „Strands of Bronze and Gold“ bedeutet. Nickerson hatte die Chance, etwas völlig Neues aus einem alten Märchen zu machen und sich kritisch mit der schmerzhaften Vergangenheit der Südstaaten auseinanderzusetzen. Sie ließ sie verstreichen. Sie konzentrierte sich auf die Nacherzählung von „Blaubart“ und ließ gerade ausreichend Kritik anklingen, um zu vermitteln, dass Sklaverei abzulehnen ist. Meiner Ansicht nach ist das nicht genug.
Die Adaption selbst ist leider maximal schwaches Mittelmaß. Zwar kam ich mit der Protagonistin Sophie, die ein antiquiertes Frauenbild verkörpert, überraschend gut zurecht und habe mich nicht gelangweilt, aber die Lektüre hatte mit meinen angstbehafteten Erinnerungen an „Blaubart“ wenig zu tun. So sehr ich Southern Gothic schätze – „Strands of Bronze and Gold“ war eher „Southern“ als „Gothic“.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/10/02/jane-nickerson-strands-of-bronze-and-gold

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

— feeling sure
Without a Doubt - Marcia Clark

Ich begrüße euch herzlich zum dritten und letzten Teil unseres Rezensionsexperiments. In den letzten zwei Tagen haben wir uns mit den Fakten des Falls O.J. Simpson vertraut gemacht. Ich habe euch „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson” von Jeffrey Toobin und „If I Did It: Confessions of the Killer” von O.J. Simpson vorgestellt und meine Eindrücke mit euch geteilt. Heute kehren wir noch einmal zum Strafprozess gegen Simpson in den Jahren 1994 und 1995 zurück. Seit Beginn meiner Recherchemission war es mir wichtig, ausgeglichenen und umfassend vorzugehen. Deshalb möchte ich heute ein Buch rezensieren, das einen weiteren, einzigartigen Blickwinkel auf den Mordprozess vermittelt. Wir beschäftigen uns mit „Without A Doubt“ von der Chefanklägerin Marcia Clark.


Der Medienrummel in den USA um den Fall O.J. Simpson war gewaltig. Bereits vor Prozessbeginn mutierte die Presse zum 13. Jurymitglied – und manch ein Reporter schwang sich zum Richter und Henker auf. Seriosität und Qualität der Berichterstattung variierten enorm. Die Causa Simpson lockte eine ganze Armee von Schmierfinken aus ihren Löchern, die nicht davor zurückschreckten, Falschinformationen zu verbreiten, Beweismaterial öffentlich zu machen und Zeug_innen stolze Summen für Interviews zu zahlen. Dieser ausufernde Zirkus beeinflusste den Strafprozess maßgeblich. Die Verhandlung wurde live auf dem Fernsehsender Court TV übertragen. Die Juryauswahl wurde durch die flächendeckende Berichterstattung massiv erschwert, weil sich kaum eine Person in Los Angeles finden ließ, die nicht bereits von den Morden an Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman gehört oder gelesen hatte. O.J. Simpsons Verteidiger, das „Dreamteam“, nutzten die Presse aktiv, um den Prozess zu ihren Gunsten zu manipulieren. Zeitgleiche, inoffizielle Pressekonferenzen aus dem Stegreif von Robert Shapiro und Johnnie Cochran am Ende eines Prozesstages waren keine Seltenheit.

 

Die Staatsanwaltschaft musste auf diese Tricks natürlich verzichten. Selbst wenn sie die Medien für sich hätten einspannen wollen – sie durften es nicht. Vielleicht schoss sich die Presse deshalb auf das Team der Anklage ein. Alle Mitglieder sahen sich scharfen Angriffen ausgesetzt, wurden als unerfahren, arrogant und schlicht inkompetent dargestellt. Doch niemand von ihnen erntete so viel Spott, Häme, Bosheit und Kritik wie Marcia Clark.

 

Marcia Clark war von Anfang an in die Ermittlungen gegen O.J. Simpson involviert. Tage bevor Haftbefehl erlassen wurde, beriet sie die Ermittler, ob die Indizien ausreichten, um eine Hausdurchsuchung zu rechtfertigen. Zu Prozessbeginn war sie 40 Jahre alt (Jahrgang 1953) und arbeitete seit 13 Jahren als Staatsanwältin. Sie konnte eine beinahe perfekte Bilanz in Mordverfahren aufweisen. In 20 Prozessen erwirkte sie 19 Verurteilungen und hatte profunde Kenntnisse der wissenschaftlichen Aspekte von DNA-Analysen von Beweismaterial. Sie galt als ehrgeizig, forsch und bezeichnet sich selbst als Prozessjunkie, hatte sogar eine Beförderung in die Verwaltung aufheben lassen, um wieder im Gerichtssaal stehen zu können. Demzufolge war sie durchaus geeignet, die Staatsanwaltschaft gegen O.J. Simpson zu vertreten. Trotz dessen wollte ihr Boss, Gil Garcetti, sie nicht allein die Leitung des Falls übernehmen lassen, weil es Spannungen mit der Führungsebene des L.A.P.D. gab und er Bedenken hatte, dass Clarks brüske Art diese zusätzlich verschärfen könnte. Außerdem war im Büro der Staatsanwaltschaft bekannt, dass sie gerade die Scheidung ihrer zweiten Ehe erstritt und ihre beiden Söhne allein erzog, was sich selbstverständlich auf ihre zeitliche Verfügbarkeit auswirke. Ihr wurde Bill Hodgman als nominell gleichberechtigter Partner zugeteilt. Später, als Hodgman mit gravierenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, stieß Christopher Darden hinzu.

 

Marcia Clark hatte niemals Zweifel an O.J. Simpsons Schuld. Die Beweislage war eindeutig und verdichtete sich mit Fortschreiten des Prozesses kontinuierlich. In Jeffrey Toobins literarischer Dokumentation „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson” gewann ich den Eindruck, dass es eben diese überwältigende Beweislast war, die die Staatsanwaltschaft in trügerischer Sicherheit wiegte, sie zu Arroganz verleitete und letztendlich zum Freispruch durch die Jury führte. Obwohl ich verstand, dass Clarks Team es nicht leicht hatte und durch die medienwirksame Strategie der Verteidigung sowie durch fragwürdige Entscheidungen des Richters Lance Ito behindert wurde, sah ich sie definitiv mitverantwortlich für das Scheitern des Prozesses. Ich vertraute Toobins Einschätzung, der Fehler der Anklage live im Gerichtssaal erlebt hatte. Nun, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, besonders wenn das Thema dermaßen kontrovers ist und einen gewissen Interpretationsspielraum bietet. Deshalb wollte ich Marcia Clarks eigene Wahrnehmung des Prozesses kennenlernen. Ich wollte wissen, wie sie von ihrer Rolle in der Verhandlung berichtet und ob sie fähig ist, Fehler einzugestehen. Glücklicherweise schrieb Clark – wie so viele Beteiligte des Sensationsprozesses – ein Buch, wodurch ich nicht gezwungen war, mir selbstständig ein Bild ihrer Person zusammenzubasteln. „Without A Doubt“ ist ihr Manifest, für das sie angeblich ein Honorar von über 4 Millionen Dollar einstrich.

 

Eines habe ich während der Lektüre von „Without A Doubt“ gelernt: Marcia Clark weiß VIEL mehr über das US-amerikanische Rechtssystem als ich. Das ist nun nicht überraschend und war zu erwarten, aber ihre Kompetenz und ihre intimen Kenntnisse der Gesetze und rechtlichen Statuten der USA beeindruckten mich sehr. Sie ist eine intelligente, ehrgeizige Powerfrau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und die Dinge beim Namen nennt. Ich fand ihren direkten, ruppigen Charakter erfrischend und kann mir ohne Schwierigkeiten vorstellen, dass sie in der (damals) männerdominierten Staatsanwaltschaft aneckte. Es fühlten sich sicherlich einige Herren auf den Schlips getreten.

 

Mit diesem Buch macht sie sich vermutlich ebenfalls wenig Freunde, denn sie geizt nicht mit Kritik. Alle kriegen ihr Fett weg: der Richter Lance Ito, die Presse und natürlich die Verteidigung, allen voran Johnnie Cochran. Clark beschreibt eindringlich, dass die Anklage unter nahezu unmenschlichen Bedingungen arbeitete. Das „Dreamteam“ bestand auf ein beschleunigtes Verfahren für O.J. Simpson, wodurch der Staatsanwaltschaft sehr wenig Zeit für die Vorbereitung blieb. Die Fülle des Beweismaterials war Fluch und Segen zugleich, da sie all die Spuren, die am Tatort gesammelt worden waren und Indizienbeweise, wie zum Beispiel der zeitliche Ablauf der Mordnacht oder Simpsons Vorgeschichte von häuslicher Gewalt, nachvollziehbar aufarbeiten mussten, um sie der Jury schlüssig präsentieren zu können. Die Verteidigung funkte immer wieder dazwischen, indem sie jeden ihrer Schritte in Frage stellte. Eine denkwürdige, lächerliche Anhörung beschäftigte sich mit der Frage, wie viele Haare Simpson für eine Analyse abzugeben hatte. Jede Kleinigkeit musste erbittert erkämpft werden.

 

Parallel musste das Team der Anklage die Hoffnung auf ein gesundes Privatleben aufgeben. Nicht nur arbeiteten sie Tag und Nacht, um den Unmengen an Beweismaterial Herr zu werden und auf jede neue Perfidität der Verteidigung angemessen reagieren zu können – sie wurden permanent von den Medien verfolgt. Die Presse beobachtete sie mit Argusaugen. Selbst die kleinste Unbedachtheit konnte zu gehässigen, verletzenden Artikeln, wilden, absurden Theorien und Falschinformationen führen, die der Gesellschaft als bare Münze verkauft wurden. Als Chefanklägerin traf es Marcia Clark besonders hart. Ihre Vergangenheit, ihr Familienleben, selbst ihre äußere Erscheinung sezierte die Presse genüsslich bis ins Detail. Sie analysierten ihre Kleidung. Eine Veränderung ihrer Frisur während des Prozesses mutierte beinahe zum Skandal. Man versuchte, anhand der Tiefe ihrer Augenringe Rückschlüsse auf die Fortschritte der Staatsanwaltschaft zu ziehen. Eine Zeitung veröffentlichte sogar alte Fotos von ihr, auf denen sie im Urlaub in Europa oben ohne zu sehen war. Sie konnte nicht einmal mehr unbehelligt über die Straße gehen. Die Medien trieben sie wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf. Es ist bewundernswert, dass sie unter diesem enormen Druck nicht zusammenbrach, obwohl sie mehrfach kurz davorstand.

 

Unterschwellig spielte in der medialen Berichterstattung über Marcia Clark stets die Tatsache eine Rolle, dass sie eine Frau ist. Sowohl außerhalb als auch innerhalb des Gerichtssaals war Sexismus an der Tagesordnung. Keiner ihrer männlichen Kollegen musste sich für die Wahl seiner Anzüge rechtfertigen und niemand fragte, ob Robert Shapiro ausreichend Zeit für seine Kinder hatte. Scheinbar bereitete es Kopfschmerzen, dass Gil Garcettis bester Mann für den Job „O.J. Simpson“ ein Mädchen war. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde Clarks Kompetenz von Anfang an durch ihr Geschlecht in Frage gestellt. Der Aspekt der häuslichen Gewalt, deren Opfer Nicole Brown Simpson durch ihren Ex-Ehemann geworden war, lenkte den Fall in eine ähnliche Richtung, trotz Clarks ursprünglichem Unwillen, diesen in ihre Strategie aufzunehmen. Ich war überrascht, zu erfahren, dass sie anfangs zögerte, diese heikle Thematik zu integrieren und erst von Mitgliedern ihres Teams davon überzeugt wurde. Jeffrey Toobin hatte in „The Run of His Life“ vermittelt, Clark sei diejenige gewesen, die die Gewalt zwischen O.J. und Nicole unbedingt als integralen Bestandteil präsentieren wollte, da sie in der Vergangenheit bereits derartige Fälle verhandelt hatte. Laut „Without A Doubt“ ist das nicht wahr. Es stimmt, dass Clark Erfahrung mit dem Vorwurf von häuslicher Gewalt gesammelt hatte, aber ihr war vollkommen bewusst, dass es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert handelte, weil viele potentielle Jurymitglieder Gewalt innerhalb einer Ehe nicht als Verbrechen, sondern als Privatsache betrachteten. Sie wusste, dass es schwierig sein würde, sie vom Gegenteil zu überzeugen und anhand der Vorfälle ein Motiv zu suggerieren, ebenso, wie sie wusste, dass O.J. Simpsons Popularität und seine Hautfarbe entscheidend sein würden.

 

Ich war verblüfft, wie realistisch die Anklage ihre Chancen auf eine Verurteilung einordnete. Vor „Without A Doubt“ dachte ich, sie hätten die exorbitanten Dimensionen des Falls kolossal unterschätzt. Ich dachte, sie seien sich zu sicher gewesen und hätten sich zu sehr auf die physische Beweislage verlassen. Marcia Clarks Ausführungen korrigierten diesen Eindruck. Sie waren sich darüber im Klaren, dass alles gegen sie sprach und ein Freispruch eine reelle Möglichkeit war. Clark wusste von Anfang an, was mir erst durch ihr Buch bewusst wurde. Der Prozess gegen O.J. Simpson touchierte alle drei großen gesellschaftlichen Konflikte, mit denen die Menschheit seit Jahrhunderten weltweit konfrontiert ist: Rasse, Klasse und Geschlecht (bzw. Gender). Ich denke, dass der Fall deshalb dieses außerordentliche öffentliche Interesse erfuhr. Natürlich wurde dieses auch durch Simpsons Prominentenstatus und die grauenvollen Details der Morde ausgelöst, aber meiner Ansicht nach lag der Hauptgrund darin, dass sich jeder Mensch mit mindestens einer Facette des Falls identifizieren konnte und eine eindeutige Meinung dazu hatte. Deshalb war die Zusammenstellung der Jury, für die Marcia Clark und ihr Team scharf kritisiert wurden, so mühsam. Jede einzelne Person, die potentiell für den Geschworenendienst in Frage kam, war bereits lange vor Prozessbeginn voreingenommen, selbst wenn sie das Gegenteil behauptete. Da die Verhandlung in Downtown L.A. stattfand, war die Auswahl begrenzt und führte automatisch zu einer überwiegend afroamerikanischen Gruppe. Zu dem Vorwurf, sie habe gezielt einen hohen Anteil schwarzer Frauen in der Jury akzeptiert, weil sie ihrem Bauchgefühl vertraute, äußert sich Clark allerdings nicht. Sie impliziert lediglich, dass der Bildungsstand der Juror_innen einen größeren Einfluss als das Geschlecht hatte.

 

O.J. Simpson wegen zweifachen Mordes ersten Grades anzuklagen, also vorsätzlichen Mordes, wurde gemeinschaftlich von der Staatsanwaltschaft beschlossen. Es war Marcia Clark, die diese Vorgehensweise anstieß. Juristisch betrachtet war diese Entscheidung weit weniger riskant, als es den Anschein hat. Die Staatsanwaltschaft ist zwar verpflichtet, zu beweisen, dass der/die Beschuldigte den Vorsatz hatte, das Opfer zu töten, aber nicht, wann dieser Vorsatz gefasst wurde. Selbst wenn der Täter oder die Täterin nur Sekunden vor dem Mord entscheidet, diesen zu begehen, ist eine Anklage wegen Mord ersten Grades gerechtfertigt. Entscheidend ist die bewusste Absicht, nicht die Zeitspanne zwischen Entschluss und Tat. Leider gehört diese juristische Definition nicht zum Allgemeinwissen, weshalb in der Presse der Eindruck erweckt wurde, Marcia Clark führe einen persönlichen Feldzug gegen O.J. Simpson. Diese Wahrnehmung ist nicht korrekt. Tatsächlich wusste die an Sport desinteressierte Staatsanwältin vor den Morden nicht einmal, wer Simpson ist und hegte demzufolge auch keinen privaten Groll gegen den ehemaligen Footballspieler. Ich fand, dass sie sich in „Without A Doubt“ recht professionell gibt. Ihr Urteil über ihn ist ausschließlich auf den Fall bezogen, zu spekulativen Analysen seiner Persönlichkeit lässt sie sich nicht hinreißen. Sie spricht über ihn als Mörder und gewalttätigen Ehemann und findet ihrer Art entsprechend teilweise harsche Worte für ihn, aber ich konnte keinen Hass darin erkennen. Ich hatte das Gefühl, sie betrachtet ihn mit beruflicher Distanz und empfand während des Prozesses das Gleiche, das sie für alle Angeklagten empfand, die sie für schuldig hielt.

 

Trotz dessen traut Marcia Clark O.J. Simpson meiner Ansicht nach zu viel zu. Sie glaubt daran, dass er den Mord an Nicole plante und mit dem festen Vorsatz zu ihrem Haus fuhr, sie zu töten. Das glaube ich nicht, besonders nicht nach der Lektüre von „If I Did It: Confessions of the Killer“. Mir erschien die Tat eher impulsiv. Ich bin nicht überzeugt, dass Simpson die Frage, warum er am Abend des 12. Juni 1994 zu Nicoles Haus fuhr, wahrheitsgetreu beantworten könnte. Ich glaube nicht, dass er es weiß. Ich denke, er hatte das diffuse Bedürfnis, Nicole, den Störfaktor in seinem Leben, zu konfrontieren. Dass ihr Aufeinandertreffen dermaßen eskalieren könnte, erwartete er meiner Meinung nach selbst nicht. Clark hingegen war bereit, alle Indizien zu Simpsons Nachteil zu interpretieren. Sie ließ dadurch in ihrer Strategie vor Gericht sehr wenig Spielraum für alternative Szenarien und schränkte sich selbst ein.

 

Insgesamt fand ich, dass sich Marcia Clark in „Without A Doubt” kaum hinterfragt. Sie gesteht nur ein einziges Mal wirklich einen Fehler ihrerseits ein: sie hätte Lance Itos Entscheidung, das beleidigende, verletzende und rassistische N-Wort (auch ich möchte es nicht ausschreiben) im Prozess zuzulassen, anfechten müssen. Ich stimme ihr diesbezüglich zu, denn dieses Urteil öffnete der „Rassenkarte“ Tür und Tor, die mit der Frage, ob O.J. Simpson ein Mörder ist, nicht das Geringste zu tun hatte. Vielleicht hätte sie den Freispruch auf diese Weise verhindern können. Es erscheint mir allerdings unwahrscheinlich, dass sie ihr Verhalten im Nachhinein offenbar weitgehend als makellos und fehlerfrei einschätzt. Ich bin fest überzeugt, dass sie damals völlig nach bestem Wissen und Gewissen handelte und ihre Erläuterungen, inwiefern der Staatsanwaltschaft die Hände gebunden waren bzw. wurden, sind durchaus glaubhaft. Doch betrachten wir ihre Situation. Während des Prozesses war sie krank, übermüdet, gestresst und häufig überlastet. Das mörderische Tempo, das die Verteidigung diktierte, forderte seinen Tribut. Sie musste das Arbeitspensum des Falls, die Erziehung ihrer beiden Söhne, ihre Scheidung, die Presse und später sogar einen Sorgerechtsstreit managen. Und bei all diesen Anforderungen will sie nur einen einzigen Fehler gemacht haben?

 

Ich weiß nicht, ob Marcia Clark im Stillen härter mit sich ins Gericht geht – in ihrem Buch erwähnt sie jedenfalls nur diesen einen Fehler explizit. Dadurch wirkt sie defensiv, trotzig, stur, uneinsichtig, unreflektiert und arrogant. Sie hat einen latent aggressiven Zug an sich, der nicht sehr sympathisch ist. Auch schien sie mir eine gewisse Verbitterung über den Ausgang des Prozesses zu empfinden, speziell angesichts der Verurteilung im späteren Zivilprozess. Ich kann verstehen, dass die Erfahrung, den Jahrhundertprozess zu verlieren, frustrierend für sie war, doch beinahe ausschließlich andere dafür verantwortlich zu machen, ist kindisch und zu einseitig. Ich denke, ihre eigenen Entscheidungen trugen ebenfalls zum Freispruch bei.
Letztendlich kann ich aber natürlich nicht beurteilen, ob die Staatsanwaltschaft irgendetwas hätte anders handhaben können. Meine juristischen Kenntnisse sind maximal rudimentär. Fakt ist, Clark begründet ihr Vorgehen meist nachvollziehbar und autoritär, sodass kaum Zweifel über andere Optionen aufkommen.

 

Für mich war während der Lektüre vor allem interessant, wie unterschiedlich bestimmte Szenen der Verhandlung von Marcia Clark und Jeffrey Toobin erlebt wurden. Die Juryauswahl, die Affäre Mark Fuhrman, das Verhör der Zeug_innen der Verteidigung und Clarks Festlegung auf ein Zeitfenster für die Morde schildern Journalist und Anwältin gänzlich verschieden. Gemeinsam illustrieren „Without A Doubt“ und „The Run of His Life“ daher die unüberbrückbare Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des Mordprozesses und der Wahrnehmung der Anklage hervorragend. Marcia Clarks Erinnerungen boten mir noch einmal eine ganz neue Perspektive auf diesen Fall. Ich empfand die Lektüre definitiv als lohnend und bin ihr dankbar, dass sie sich nicht scheute, Details zu offenbaren, die unter anderem ihr Privatleben betreffen und einen einzigartigen Kontext schufen. Sie vermittelt einen lebhaften, intimen Eindruck dessen, wie schmerzhaft, erschöpfend und frustrierend der Prozess für ihr Team und sie selbst war. Ich vermute, sie wollte mit diesem Buch auch ihr öffentliches Bild korrigieren. Nach all dem Schmutz, mit dem sie beworfen wurde, sei es ihr gegönnt.
Sie kehrte nach dem Prozess nicht mehr zur Staatsanwaltschaft zurück. Sie hängte ihren Job an den Nagel und ist heute Krimi-Autorin.

 

Drei Bücher habe ich nun zum Fall O.J. Simpson gelesen und für euch besprochen. Nach diesen drei Auslegungen der Fakten glaube ich, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Für mich ist es mittlerweile nicht mehr wichtig, was genau damals in der Nacht vom 12. Juni 1994 geschah. Ich bin überzeugt, dass O.J. Simpson ein Mörder ist. Das einzige, was zählt, ist, dass Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman seinetwegen nicht mehr am Leben sind. Was ihnen angetan wurde, war Unrecht und es ist beschämend, dass die US-amerikanische Justiz im Strafprozess nicht fähig war, Gerechtigkeit für sie zu erwirken. Mir ist egal, wer dafür verantwortlich ist, denn Schuldzuweisungen lindern weder den Schmerz ihrer Familien noch bringen sie diese beiden Leben zurück oder berühren O.J. Simpson. Aus meiner Sicht wird dieser Justizirrtum für immer ein hässlicher Fleck in der Geschichte der USA sein. Ich wünsche mir, dass sich darin zumindest eine Lehre für zukünftige Generationen verbirgt.


Meine Recherchemission war äußerst erfolgreich, wenn auch anstrengend und aufwühlend. Meine Neugier ist befriedigt. Jetzt kann ich mit der Akte O.J. Simpson endlich abschließen. Ich hoffe, dass ich euch wenigstens ein bisschen unterhalten konnte, obwohl das Thema sicherlich sehr speziell ist. Lasst mich wissen, wie euch das dreiteilige Rezensionsexperiment gefallen hat. Hiermit kehren wir jetzt offiziell zur gewohnten Tagesordnung zurück.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/27/marcia-clark-without-a-doubt

Das "hypothetische" Geständnis eines Mörders

— feeling sad
If I Did It: Confessions of the Killer - The Goldman Family

Herzlich Willkommen zum zweiten Teil unseres dreiteiligen Rezensionsexperiments zum Thema „O.J. Simpson“. Gestern habe ich „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson” von Jeffrey Toobin besprochen und euch die Fakten des Strafprozesses gegen den ehemaligen Footballspieler nahegebracht. Heute widmen wir uns dem zweiten Buch in diesem Themenkomplex: „If I Did It: Confessions of the Killer“, O.J. Simpsons hypothetisches Geständnis der Morde an Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman am 12. Juni 1994. Die Geschichte dieses höchst umstrittenen Werkes ist – wie so ziemlich alles, was Simpson betrifft – äußerst verzwickt, kompliziert und kann ausschließlich im Kontext des Zivilprozesses der Familien Goldman und Brown gegen Simpson betrachtet werden. Daher bin ich gezwungen, erneut weit auszuholen und Hintergrundinformationen zusammenzufassen. Ich verlange also wieder eine Menge Geduld von euch. ;-)


O.J. Simpsons Strafprozess wegen zweifachen vorsätzlichen Mordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und dem Kellner Ronald Goldman endete am 03. Oktober 1995 mit einem vollständigen Freispruch. Trotz der überwältigenden Beweislast befand ihn die 12-köpfige Trial Jury in allen Anklagepunkten als unschuldig. Da die Geschworenen ihr Urteil nicht begründeten, ist unklar, ob sie die Unschuldsvermutung zugunsten des Angeklagten anwendeten oder Simpson im Sinne der „Jury Nullification“ entgegen geltenden Rechts und der Beweise freisprachen.
Sollte O.J. Simpson jedoch geglaubt haben, er sei damit vom Haken, irrte er sich.

 

Bereits im Oktober 1995 wurde Fred Goldman (Rons Vater) der Anwalt Daniel Petrocelli empfohlen, der eine verlässliche Reputation als Zivilprozessanwalt vorweisen konnte. Goldman und Petrocelli trafen sich und beschlossen, eine Zivilklage wegen widerrechtlicher Tötung gegen O.J. Simpson anzustreben. Diese Entscheidung war mehr als ungewöhnlich. Jeffrey Toobin schrieb in „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson”, dass er keinen einzigen Präzedenzfall finden konnte, indem eine Zivilklage gegen eine Person angestoßen wurde, die in einem Strafprozess wegen Mordes von allen Anklagepunkten freigesprochen wurde.

 

Zivilprozesse unterliegen in den USA harmloseren Bedingungen als Strafprozesse. Zwar werden diese ebenfalls vor einer Jury verhandelt, während der Richter oder die Richterin als Moderator_in des Verfahrens fungiert, doch ihr Urteil muss nicht einstimmig sein. 9 von 12 Stimmen genügen für eine Verurteilung. Außerdem kommt der Grundsatz der Schuld „beyond reasonable doubt“ hier nicht zur Anwendung. Die Anklage muss lediglich eine überwiegend eindeutige Beweislage gegen den/die Beschuldigte_n präsentieren. Vermutlich rechneten sich die Goldmans und Daniel Petrocelli deshalb gute Chancen aus, Simpson dieses Mal erfolgreich zur Rechenschaft zu ziehen. Sie behielten Recht.

 

Petrocelli war im Vergleich zur Staatsanwaltschaft, vertreten von Marcia Clark und ihrem Team, zweifellos im Vorteil. Dem Zivilprozess, der im Oktober 1996 begann, wurde der Richter Hiroshi Fujisaki zugeteilt, der kurz darauf in den Ruhestand trat. Es war sein letzter Fall. Er scherte sich im Gegensatz zu Lance Ito nicht im Geringsten darum, ob er sich mit seinen Entscheidungen Feinde machte und hatte keinerlei Geduld für Selbstdarstellungen und lange Diskussionen in seinem Gerichtssaal. Simpsons Verteidigung, angeführt von Robert Baker, der darauf spezialisiert war, Versicherungsunternehmen in Kunstfehlerprozessen zu vertreten, biss sich an Fujisaki die Zähne aus.

 

Von Anfang an verbannte Fujisaki die berüchtigte „Rassenkarte“ aus seinem Prozess, was die Verteidiger zwang, eine alternative Strategie zu der im Strafprozess eingesetzten Verschwörungstheorie zusammenzuschustern. Da der Prozess allerdings in Santa Monica verhandelt wurde, wo die Bevölkerung überwiegend weiß war, hätten sie ohnehin Schwierigkeiten gehabt, die Jury mit dieser Theorie zu überzeugen. Sie entschieden, Simpsons Ruhm in den Mittelpunkt zu stellen und behaupteten, es sei unrealistisch, dass der ehemalige Footballstar, dem Frauen reihenweise zu Füßen lägen, seine Ex-Frau aus Eifersucht getötet habe. Vielmehr müsse jemand aus ihrem dubiosen Umfeld sie ermordet haben. Sie unterstellten Nicole Drogenprobleme und kriminelle Kontakte, wofür es keinerlei Beweise gab. Baker deutete an, durch ihren riskanten Lebenswandel sei Nicole indirekt selbst schuld an ihrem Tod. Victim Blaming in Reinkultur.

 

Die neue Strategie der Verteidigung fußte auf O.J. Simpsons persönlichem Auftritt als Zeuge. Durch seinen Freispruch im Strafprozess konnte er ohnehin nicht länger Gebrauch von seinem Recht machen, die Aussage zu verweigern. Er durfte in den Zeugenstand berufen werden und musste aussagen. Petrocelli nutzte die Gelegenheit, ihn ins Kreuzverhör zu nehmen, natürlich gnadenlos aus. Simpson schadete sich selbst massiv. Er präsentierte sich als unsympathisch, ungeduldig, arrogant und reagierte auf Widersprüche, die Petrocelli aufzeigte, mit aggressiver Starrköpfigkeit. Beispielsweise leugnete er weiterhin in drastischen Worten, ein Paar Schuhe der Marke Bruno Magli zu besitzen, die vom Spezialisten für Fuß- und Schuhabdrücke im Strafprozess mit den Abdrücken am Tatort in Verbindung gebracht worden waren. Nach dem Strafprozess tauchten Fotos von Simpson auf, in denen er eben jene Schuhe trug. Petrocelli führte sie mit Freuden vor. Ein ums andere Mal demaskierte er Simpson als Lügner.

 

Die Jury fällte ihr Urteil am 04. Februar 1997, nach etwa einer Woche der Beratungen. Die Geschworenen verurteilten O.J. Simpson zur Zahlung von insgesamt 33,5 Millionen Dollar an die Kläger_innen. Sie empfanden ihn als unglaubwürdig und waren von der Gültigkeit der physischen Beweise, wie zum Beispiel der DNA-Spuren, überzeugt. Kein einziges Mitglied der rechtsprechenden Jury war afroamerikanisch. Die einzige Person, die zugunsten des Beklagten entschieden hätte, fungierte als Ersatz und wurde nicht in den Dienst berufen. Sie war eine schwarze Frau in den mittleren Jahren.

 

Der Zivilprozess korrigierte die Fehlentscheidung der Jury im Strafprozess indirekt. Zwar war O.J. Simpson noch immer ein Mörder auf freiem Fuß, doch zumindest hatten die Browns und die Goldmans bewiesen, welches Unrecht er ihren Familien angetan hatte. Das Problem war, dass O.J. Simpson das völlig anders sah.

 

Die Jury verteilte die Summe, zu der sie Simpson verurteilte, wie folgt: die Browns sollten 12,5 Millionen Dollar Schadensersatz erhalten; den Goldmans sprachen sie 7 Millionen Dollar Entschädigung und ebenfalls 12,5 Millionen Dollar Schadensersatz zu. Sie befanden, dass der Beklagte verantwortlich für die Tode von Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman war. Doch niemand erklärte den Familien, was sie tun sollten, falls sich O.J. Simpson weigerte, die geforderten Summen zu zahlen. Natürlich konnte Simpson 33,5 Millionen Dollar nicht aus dem Ärmel schütteln, schon gar nicht, nachdem er sich das unsagbar teure „Dreamteam“ im Strafprozess geleistet hatte. Der Punkt ist allerdings nicht, dass er nicht zahlen konnte, er wollte es nicht. Tatsächlich unternahm er alle möglichen und unmöglichen Schritte, um nicht zahlen zu müssen. Er zog nach Florida, weil dort Rentenbezüge und selbst bewohnte Immobilien nicht pfändbar sind. Er gründete Firmen im Namen seiner Kinder, um sein Einkommen vor dem Zugriff der Justiz zu schützen, während er sich selbst weiterhin munter bereicherte. Speziell die Goldmans kämpften jahrelang erbittert darum, ihn endlich zu fassen zu bekommen. Erfolglos. Und dann kam das Buch.

 

2006, 12 Jahre nach den Morden an Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman, kündigte der Verlag HarperCollins eine Sensationsveröffentlichung an: ein Buch von O.J. Simpson, in dem er beschrieb, wie er die Morde begangen hätte, wäre er der Täter. Titel: „If I Did It“. Als die Familie Goldman davon erfuhr und herausfand, dass Simpson angeblich einen Vorschuss in Höhe von mehr als 1 Million Dollar erhalten hatte, waren sie entsetzt. Angewidert. Verletzt. Zornig. Sie starteten eine Gegenkampagne, um das Erscheinen des Buches zu verhindern. News Corp., der Mutterkonzern von HarperCollins, setzte sich daraufhin mit den Goldmans in Verbindung, um mit ihnen eine Entschädigungszahlung zu vereinbaren. Sie waren bereit, ihnen eine gewaltige Summe zu überlassen, aber nicht, die Veröffentlichung zu stoppen. Die Goldmans berieten sich mit den Browns, ob es richtig wäre, das Angebot anzunehmen. Welche Botschaft würde dieser Schritt der Öffentlichkeit vermitteln? Sie wurden ohnehin als geldgierig angefeindet; ihnen wurde vorgeworfen, auf O.J. Simpson herumzuhacken, weil sie versuchten, das Urteil des Zivilprozesses durchzusetzen. Am Ende eines sehr angespannten Wochenendes im November 2006 erhielten sie einen Anruf der Browns, denen News Corp. einen Bruchteil der Entschädigungssumme versprochen hatte, den sie den Goldmans angeboten hatten. Die Browns lehnten ab und die Goldmans ebenfalls. Stunden später wurde die Veröffentlichung von „If I Did It“ gestoppt.

 

Anwälte erteilten den Goldmans den Rat, offiziell Anspruch auf die Rechte am Buch zu erheben, wenn sie vermeiden wollten, dass es jemals das Licht der Welt erblickte. Erneut war die Familie hin- und hergerissen. Wollten sie wirklich Eigentümer eines Dokuments sein, das den Mord an einem der ihren beschrieb? Letztendlich siegte ihr Kampfeswille. Sie wollten O.J. Simpson davon abhalten, sich weiter durch den Mord an Ron zu bereichern. Sie entschieden, sich dieser schwierigen Aufgabe zu stellen. Bevor es jedoch zur Auktion der Rechte kommen konnte, meldete Simpsons Firma Lorraine Brooke Associates (LBA) Insolvenz an. LBA hatte als Strohfirma zwischen HarperCollins und O.J. Simpson gedient. Sie war nach den Zweitnamen seiner beiden Töchter, Arnelle Lorraine und Sydney Brooke, benannt. Arnelle wurde als Präsidentin geführt und seine Kinder aus der Ehe mit Nicole (Sydney und Justin) hielten jeweils 25% der Anteile der Firma. Auf diese Weise hätte Simpson ungefähr 630.000 Dollar mit der Veröffentlichung von „If I Did It“ verdient, auf die das Urteil des Zivilprozesses nicht anwendbar waren. Seine Familie befürwortete das Erscheinen des Buches übrigens.

 

Die Insolvenz von LBA war ein strategischer Schachzug. Die Anwälte der Scheinfirma hofften, die Rechte am Buch schützen zu können. Für die Goldmans gab es nun lediglich die Möglichkeit, das Manuskript vor das Konkursgericht zu zwingen. Sie waren demotiviert und resigniert, schöpften allerdings neue Hoffnung, als das Konkursgericht LBA als Scheinfirma einstufte. Es gelang ihnen, das Buch zur Verhandlung zu bringen. Der Richter hatte Erbarmen. Als größte Gläubiger (mit Zinsen schuldete ihnen Simpson zu diesem Zeitpunkt bereits 38 Millionen Dollar) wurden ihnen die Rechte an „If I Did It“ zugesprochen.
Die Konkursvereinbarung sah vor, dass sie das Buch veröffentlichen und 10% der Erträge an das Konkursgericht übergeben würden, womit weitere Schulden von LBA abbezahlt würden. Die Situation war zweifellos paradox. Mit diesem Manuskript würden sie helfen, die Schulden von Rons Mörder zu tilgen.

 

Der Weg bis zur Veröffentlichung 2007 war für die Goldmans lang, steinig und emotional äußerst aufwühlend. Mittlerweile hatten sie begriffen, dass es sich bei „If I Did It“ nicht um die befürchtete Anleitung zum Mord handelte, sondern um ein „hypothetisches“ Geständnis. O.J. Simpson beschrieb in eigenen Worten, wie und warum er seine Ex-Frau Nicole und Ron ermordet hatte. Dies zu lesen, muss unheimlich schmerzvoll gewesen sein. Im Vorwort der überarbeiteten Ausgabe berichtet die Familie, dass sie für die Entscheidung, das Buch zu veröffentlichen, harte Kritik ernteten. Erneut warf man ihnen vor, O.J. als Goldesel zu missbrauchen und sich an Rons Tod zu bereichern. Ich kann verstehen, wieso sie sich dazu durchrangen und ich glaube ihnen, dass sie es sich damit nicht leicht machten. Sie „missbrauchen“ den Mörder ihres Familienmitglieds nicht – sie fordern ein, was ihnen zusteht. Es geht nicht ums Geld. Es geht ums Prinzip. Es geht darum, dass jede Tat Konsequenzen hat und O.J. Simpson sich länger als ein Jahrzehnt Arme und Beine ausriss, um diese Konsequenzen zu umgehen. Mit dem Erscheinen von „If I Did It“, nun um den Untertitel „Confessions of the Killer“ erweitert, kamen sie ihrem Ziel, Gerechtigkeit für Ron zu erwirken, endlich ein Stück näher. 90% der Erlöse des Buches fließen in eine Stiftung in seinem Namen.

 

Als ich das erste Mal von „If I Did It“ las, traute ich meinen Augen nicht. Ich konnte es wirklich nicht fassen. Wer ist denn so dämlich, nach einem Freispruch ein „hypothetisches“ Geständnis zu verfassen und dieses als Buch veröffentlichen zu wollen? Mir ist zwar klar, dass man in den USA für dasselbe Verbrechen nicht mehrfach angeklagt werden kann, aber ich bitte euch. Wer macht sowas? Warum macht man sowas? Wenn man mit zweifachem Mord davongekommen ist, hält man den Mund und nimmt die Erinnerungen an die Tat mit ins Grab. Man zieht nicht los und erklärt der ganzen Welt, wie man es getan „hätte“, „wäre“ man der Mörder. Aus meiner Sicht verrät diese Handlungsweise sehr viel über O.J. Simpsons Persönlichkeit. Er erträgt es nicht, irrelevant zu sein. Er badet im Scheinwerferlicht, vollkommen unabhängig davon, ob die Aufmerksamkeit, die er erhält, positiv oder negativ ist. Übrigens ein Verhalten, das ich von meiner Hündin kenne. Als sie ein Welpe war.

 

„If I Did It“ auf meine Lektüreliste zum Fall O.J. Simpson zu setzen, hatte mehrere Gründe. Primär hoffte ich, durch dieses umstrittene Buch besser verstehen zu können, was für ein Mann Simpson ist. Seit ich die Details des Prozesses kannte, ging mir die Frage, wie er seelenruhig im Gerichtssaal hocken und zuschauen konnte, wie seine Verhandlung zur Farce mutierte, obwohl er wusste, dass er seine Ex-Frau und einen unschuldigen jungen Kellner ermordet hatte, nicht aus dem Kopf. Begriff er nicht, dass er für lange Zeit ins Gefängnis gehen könnte? Eine Zeit lang schwebte sogar die Todesstrafe im Raum. Hatte er denn keine Angst? Empfand er keine Schuld, keine Reue? Wenn schon nicht für Ron, dann zumindest für Nicole? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er wirklich dieser arrogante, eiskalte Bastard ist, der keine Miene verzieht, während über seine Zukunft verhandelt wird. Mit diesem Buch erhielt ich die Chance, in seinen Kopf zu gucken.
Zusätzlich erwartete ich, meine Auffassung des Falles um eine Facette erweitern zu können. Ich bemühte mich sehr um Objektivität und dazu gehörte meines Erachtens nach eben auch, den Angeklagten zu Wort kommen zu lassen.
Zu guter Letzt muss ich zugeben, dass in meine Entscheidung, das „hypothetische“ Geständnis lesen zu wollen, eine gute Portion Neugier und Sensationslust hineinspielte. Ich brannte darauf, zu erfahren, was O.J. Simpson über die Mordnacht zu sagen hatte. Sicherlich nicht die reinste Motivation, aber äußerst typisch für alles, was diesen Fall betrifft. Skandale faszinieren Menschen. Ich bin da keine Ausnahme.
Gut Mr. Simpson, dachte ich, dann lassen Sie mal hören.

 

„If I Did It: Confessions of the Killer” beginnt mit dem Vorwort der Familie Goldman, in dem sie zusammenfassen, welchen verschlungenen Weg sie einschlugen, bis das Buch in seiner aktuellen Form veröffentlicht wurde. Darauf folgt ein Prolog des Ghostwriters Pablo F. Fenjves. Fenjves, Fenjves… da klingelte etwas in meinem Hinterkopf. Ich kannte den Namen. Ich fand schnell heraus, woher. Fenjves hatte im Strafprozess gegen Simpson ausgesagt. Er war einer der Nachbarn, die Nicoles Akita hatten bellen hören, unmittelbar nach den Morden. Was für ein seltsamer Zufall. Mittlerweile glaube ich, dass es vielleicht gar kein Zufall war. Vielleicht wollte O.J. Simpson mit Fenjves arbeiten, aus welchen verworrenen Gründen auch immer. Während seines Prozesses hatte er persönlich in die Besetzung des „Dreamteams“ eingegriffen, warum also nicht bei diesem Projekt? Fenjves wurde gesagt, es handle sich mit Garantie um ein Geständnis, doch O.J. sei lediglich bereit, hypothetisch über die Morde zu sprechen.

 

Fenjves beschreibt seine Zusammenarbeit mit O.J. Simpson und schildert, wie sich der ehemalige Footballstar ihm gegenüber verhielt. O.J. fühlte sich mit dem Kapitel, das die Morde thematisiert, nicht wohl. Er hasste diesen Abschnitt und betonte immer wieder, dass er unschuldig sei. Fenjves glaubte ihm nicht. Nur mit Mühe konnte er eine Rekonstruktion der Tatnacht aus Simpson herauskitzeln. Als sie das Rohmaterial fertiggestellt hatten, begann Fenjves, zu schreiben. Er hielt engen Kontakt mit Simpson und nahm seinen Wünschen entsprechend Änderungen vor. Das Kapitel über die Morde blieb Diskussionsgegenstand. O.J. wollte es herausnehmen und strich wiederholt Details, die ausschließlich der Mörder wissen konnte. Er behauptete, Fenjves habe ihn zu fiktiven Spekulationen gedrängt. Er bekam kalte Füße. Es dämmerte ihm, was für eine irre Idee das Buch war. Trotz dessen stimmte er Fenjves‘ Manuskript letztendlich zu und es ging in die Produktion.

 

Die Medien bekamen Wind von dem Projekt und Proteste gegen das Buch wurden laut, besonders seitens der Goldmans. Der Inhaber von News Corp. stoppte die Veröffentlichung. O.J. Simpson kontaktierte Pablo F. Fenjves telefonisch, um ihm mitzuteilen, dass er sich trotz der massiven Kritik nicht gegen ihn wenden würde. Fenjves verstand nicht. O.J. erklärte, dass das Kapitel über die Morde hauptsächlich von Fenjves stammte, nicht von ihm. Das war selbstverständlich Quatsch. Es war O.J.s Buch. Er hatte ausreichend Gelegenheit, falsche Aussagen und Missverständnisse zu korrigieren. O.J. behauptete jedoch, er habe bewusst Fehler im Manuskript belassen, damit er sich später verteidigen könne. Fenjves war nicht glücklich mit der Unterstellung, er habe sich Passagen ausgedacht. O.J. log. Er habe die Zusammenarbeit mit Fenjves zwar geliebt und empfände das Projekt als kathartisch, es sei jedoch hauptsächlich darum gegangen, die Wahrheit über seine Beziehung zu Nicole öffentlich zu machen.

 

Fenjves begriff, dass Simpson versuchte, sich von dem Buch zu distanzieren. Einen Tag nach ihrem Telefonat wandte sich Simpson an die Presse und argumentierte, es sei fiktional und hauptsächlich das Werk seines Ghostwriters. Die Presse stürzte sich auf Fenjves. Es gab eine Menge Rummel. Alle Welt wollte Interviews oder die Chance, das Buch zu lesen. Fenjves lehnte alle Anfragen ab. Erst als die Goldmans die Rechte am Manuskript erwarben und Simpson erneut beteuerte, er habe mit dem Kapitel über die Morde nichts zu tun gehabt, äußerte er sich und erklärte, alles, was in „If I Did It“ stünde, sei O.J.s Gedankengut, inklusive aller Fehler, Andeutungen und Offenbarungen.
An dieser Stelle endet der Prolog. Mit dieser wirren Geschichte im Hinterkopf begann ich die Lektüre des originalen Manuskripts.

 

Jeder Mensch ist der Held seiner eigenen Geschichte. Im Fall O.J. Simpson ist das vermutlich zutreffender als bei irgendjemandem sonst. „If I Did It“ hat meine Meinung von O.J. Simpson definitiv verändert; ich musste mein Bild von ihm anpassen. Meine Wut auf ihn ist verraucht – übrig blieb trauriges Bedauern für einen Mann, der völlig den Kontakt zur Realität verlor.

 

Ich bin überzeugter denn je, dass Simpson schuldig ist. Meiner Ansicht nach ist dieses Buch tatsächlich ein lupenreines Geständnis. Das Possenspiel rund um die „hypothetische“ Mordnacht kaufe ich ihm nicht ab. Die Beschreibungen der Tat sind viel zu detailliert, konkret und glaubwürdig, um ein Produkt seiner Fantasie zu sein. Ich glaube jedoch, dass O.J. Simpsons nicht bewusst ist, dass er die Morde beging. Es handelt sich um einen Fakt, den er tief in seinem Unterbewusstsein wegschloss. Er spaltete seine Erinnerung an die Morde von sich ab. In der Psychologie ist lange bekannt, dass solche schützenden Strategien erstens möglich und zweitens nicht ungewöhnlich sind, wenn bestimmte Erlebnisse zu schrecklich sind, um sie zu verarbeiten. Schuld in diesem Ausmaß ist schrecklich. Allerdings funktioniert diese Strategie nicht ewig. „If I Did It“ beweist für mich, dass sich seine Erinnerungen Bahn brechen, obwohl er sich noch immer nicht eingestehen kann, dass er Nicole und Ron ermordete. Er kann die Realität nicht akzeptieren, deshalb griff er auf einen hypothetischen Ansatz zurück. Solange er die Morde lediglich in der Theorie begangen hat, kann er behaupten, unschuldig zu sein.

 

Ich denke, O.J. Simpson wurde missverstanden. Ich halte ihn nicht für einen kaltblütigen Killer, der von Bosheit und Niedertracht erfüllt ist. Meiner Einschätzung nach ist er ein Mann mit massivem Gewaltpotential, das impulsiv explodiert. Die Morde an Nicole und Ron waren verabscheuungswürdig und ich vermute, dass Simpson unter gravierenden psychischen und emotionalen Defiziten leidet, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er plante, Nicole umzubringen (von Ron mal ganz zu schweigen, der unglücklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort war). Für einen vorsätzlichen Mord fehlt es ihm an Intelligenz, Weitsicht und Organisationstalent, was die zahllosen physischen Beweise, die am Tatort gefunden wurden, unterstützen. Er ist ein Mann mit geringer Aggressionsschwelle und Frustrationsgrenze. Nicole war für ihn ein Störfaktor, weil sie sich nicht so verhielt, wie er es sich wünschte. Ich bin sicher, dass er wirklich glaubte, sie ruiniere kontinuierlich sein Leben. Der Störfaktor musste unter Kontrolle gebracht werden. Dass sein Bedürfnis, Nicole zu kontrollieren, in dieser verhängnisvollen Nacht tödlich eskalieren könnte, hätte er sich selbst wahrscheinlich niemals zugetraut. Er ist meiner Meinung nach längst nicht so skrupellos und kalkulierend, wie Medien und Staatsanwaltschaft behaupteten.

 

Es ist wichtig, zu begreifen, dass O.J. Simpsons Realität nicht mit der Faktenlage korreliert. Er sieht sich als unschuldig, weil die Annahme seiner Schuld nicht mit seinem Bild von sich selbst vereinbar ist. An dieser Überzeugung hält er mit der Sturheit eines verzweifelten Mannes fest. Sie befähigt ihn, jegliche Widersprüche zu ignorieren oder weg zu erklären. Das ist schwer nachvollziehbar und ich musste mich sehr anstrengen, um seinem Weltbild zu folgen. Doch irgendwie gelang es mir, mich in ihn hineinzuversetzen und seine verschobene Perspektive einzunehmen. Dadurch entwickelte ich eine Ahnung davon, warum er sich überhaupt auf dieses absurde Buchprojekt einließ. Ich denke, er hat Pablo F. Fenjves die Wahrheit gesagt. Er wollte die öffentliche Wahrnehmung seiner Beziehung mit Nicole korrigieren und folglich auch die Wahrnehmung seiner Person. Er wollte das Narrativ ihrer Beziehung zu seinen Gunsten umdeuten.

 

Laut Jeffrey Toobin brachten Simpson Erwähnungen von häuslicher Gewalt im Strafprozess aus der Fassung. Im Zivilprozess verärgerten ihn Andeutungen, dass er Nicole anbettelte, ihrer Beziehung noch eine Chance zu geben. Für ihn ist es nicht mit seiner Realität vereinbar, dass Nicole nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte, weil er sie misshandelte und er dann zum Stalker wurde, der sie letztendlich tötete. Er musste die Situation umdrehen, um sich rechtfertigen zu können: seiner Meinung nach war Nicole diejenige, die ihre Beziehung unbedingt weiterführen wollte. Nicht sie, er fühlte sich bedrängt und verfolgt. Sie war diejenige, die ausflippte und gewalttätig wurde. Sie verhielt sich irrational und unberechenbar. Sie hatte Probleme. Er wollte Abstand. Er wollte die endgültige Trennung. Das Schlimme daran ist, dass ich denke, er glaubt tatsächlich alles, was er Fenjves aufschreiben ließ. Er verdrängt, ignoriert und leugnet alle Fakten, die seinem Bild von sich selbst als liebender, fürsorglicher, vernünftiger, rücksichtsvoller, verständnisvoller und geduldiger Ehemann, Vater, Ex-Mann, Sohn, Schwiegersohn und Freund widersprechen. Er beschreibt, wie er sich selbst sieht und wie er in der Öffentlichkeit gesehen werden möchte. Fehler seinerseits räumt er nur ein, um ihre Fehltritte zu betonen und sich selbst besser darstellen zu können. Dass dieses subjektive Porträt durch harte Tatsachen entkräftet wird, spielt für ihn keine Rolle. Seine Wahrnehmung ist meiner Ansicht nach komplett gestört: er ist der Gute, Nicole war die Böse.

 

„If I Did It“ beeinflusste meine Einschätzung von O.J. Simpson maßgeblich. Auf gewisse Weise konnte er sein Ziel also erfüllen. Ich bezweifle allerdings, dass er mit meinem Fazit zu diesem grotesken Buch zufrieden wäre. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass O.J. Simpson, Promi, Runningback, Schauspieler, Golfer und Werbeikone, eine Kunstfigur ist. Ich glaube, den wahren Menschen hinter dieser Fassade, den Mann namens Orenthal James Simpson, bekommt kaum jemand jemals zu Gesicht. Vermutlich nicht mal er selbst. Meiner Ansicht nach kappte er den Kontakt zu sich selbst bereits vor langer Zeit. Ich denke, nicht O.J. Simpson tötete Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman – Orenthal James Simpson tötete sie. In der Mordnacht eskalierte sein wahres Ich, nicht diese künstliche Hülle, die er den Medien zeigt. Durch diese Divergenz in seiner Persönlichkeit konnte er sich selbst glaubhaft weismachen, unschuldig zu sein. Ich möchte es ganz deutlich betonen: O.J. Simpson ist kein Lügner. Er glaubt, er ist unschuldig. In „If I Did It“ teilt er die Wahrheit mit, wie er sie interpretiert. Er verdreht und pervertiert, aber er lügt nicht.

 

Wie passt das Kapitel über die Morde in diese Theorie?
Simpsons eigentliches Geständnis nimmt lediglich geringen Raum im Buch ein, ca. 10 Seiten. Auf mich wirkten diese 10 Seiten ein bisschen wie ein Unfall. Vielleicht kann man von einer Verselbstständigung seines Unterbewusstseins sprechen. Ich glaube, Simpson wurde vom Momentum seiner Erzählsituation mit Pablo F. Fenjves mitgerissen. Obwohl Fenjves berichtete, es sei so mühselig wie Zähne ziehen gewesen, sein Gegenüber zum Reden zu bewegen, gelang es ihm mit ein paar psychologischen Tricks eben doch, Simpson ausreichend Sicherheit zu vermitteln, damit er sich öffnete. In der flauschigen, trügerischen Watte „hypothetischer“ Schilderungen rutschten ihm Details raus, die er vermutlich sogar vor sich selbst verbarg und die ihn meiner Meinung nach eindeutig als Mörder identifizieren. Ich stelle mir vor, wie es ihn eiskalt durchlief, als ihm klar wurde, was er verraten hatte. Orenthal James Simpson hatte sein hässliches Haupt gehoben. Interessant ist, dass O.J. Simpson innerhalb kürzester Zeit wieder die Kontrolle übernahm und sofort das Märchen erfand, Fenjves habe sich das Kapitel ausgedacht. Wie normal muss es für ihn sein, als Kunstfigur durchs Leben zu schreiten, um sein eigenes Verhalten problemlos leugnen und verzerren zu können?

 

Ich kann nicht leugnen, dass ich O.J. Simpson als Person bedauere. Er tut mir leid. Ich kann lediglich spekulieren, was ihn veranlasste, sich eine Kunstfigur zu erschaffen, sie unter allen Umständen zu schützen und als dominante Persönlichkeit zu etablieren. Einen Menschen, der niemals er selbst ist, der in einer illusorischen Traumwelt lebt und über keinerlei Kontakt zur Realität verfügt, kann ich nur bemitleiden. Das ändert jedoch nichts daran, dass er ein Mörder ist. Mein Mitleid spricht ihn nicht frei, das möchte ich keinesfalls suggerieren. „If I Did It“ ist ein Geständnis und verdient keine Sterne-Bewertung. O.J. Simpson ermordete Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman. Für dieses schreckliche Verbrechen hätte er ins Gefängnis gehört.


Morgen werden wir uns mit den Erinnerungen einer Person beschäftigen, die meinem letzten Satz in dieser Rezension zweifellos zustimmen würde: Marcia Clark, die leitende Staatsanwältin im Strafprozess gegen O.J. Simpson. „Without A Doubt“ schildert die Verhandlung aus ihrer Perspektive und erklärt die Entscheidungen der Anklage, die in der Presse häufig als Inkompetenz verurteilt wurden. Berichten zufolge erhielt Clark für dieses Buch ein Honorar von mehr als 4 Millionen Dollar. Schaut morgen wieder vorbei, wenn ihr herausfinden wollt, ob die Chefanklägerin diese gewaltige Summe zurecht erhielt.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/26/o-j-simpson-if-i-did-it-confessions-of-the-killer

Er ist ein Mörder

— feeling what?!?
The Run of His Life: The People v. O. J. Simpson - Jeffrey Toobin

Heute starten wir zusammen ein Rezensionsexperiment. In den nächsten Tagen werde ich euch drei Rezensionen präsentieren, die drei Bücher mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf dasselbe Thema besprechen. Wir werden uns mit einer der bedeutendsten Fehlentscheidungen der US-amerikanischen Justiz auseinandersetzen, die drei verschiedene Personen vollkommen divergierend wahrnahmen, erlebten und beschrieben. Wir werden uns mit dem Fall O.J. Simpson beschäftigen.

 

Wir beginnen mit Jeffrey Toobins literarischer Dokumentation „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson”. Ich muss euch warnen: bevor ich über das Buch selbst spreche, werde ich euch mit Fakten und Hintergrundwissen überfluten. Meiner Ansicht nach können wir uns erst dann über das Buch verständigen, wenn wir einen annährend ähnlichen Wissensstand erreicht haben. Außerdem dient die heutige Rezension als Basis für die beiden folgenden Besprechungen in den nächsten zwei Tagen. Ich betrachte diese drei Rezensionen als Verbund, die aufeinander aufbauen. Heute legen wir das Fundament.


Laut US-amerikanischem Strafprozessrecht steht jedem bzw. jeder Angeklagten eine faire Verhandlung vor einer Jury zu. Diese sogenannte Trial Jury besteht aus 12 Geschworenen, die im Idealfall einen Querschnitt der Gesellschaft wiederspiegeln. Diese 12 Laien entscheiden über Schuld oder Unschuld des/der Angeklagten. In der Regel verfügen sie über keinerlei juristisches Vorwissen und stützen ihr Urteil auf die Beweislage, die ihnen von Anklage und Verteidigung während des Prozesses präsentiert wurde. Anders als in Deutschland hat der Richter oder die Richterin keinen direkten Einfluss auf Schuld- oder Freispruch. Er/Sie erfüllt eher eine moderierende Funktion und kann das Urteil einer Jury ausschließlich unter sehr spezifischen Bedingungen aufheben oder ändern.

 

Um Voreingenommenheit zu vermeiden, dürfen die 12 Geschworenen keine Vorkenntnisse über den zu verhandelnden Fall haben. Für die Dauer des Prozesses wird die Gruppe isoliert, um nachfolgende Beeinflussung ebenfalls auszuschließen. Sie werden oft in einem Hotel auf Staatskosten untergebracht und ihr Zugang zu Medien wie Zeitung, Fernsehen und Internet wird reglementiert. Besuch von ihren Familien dürfen sie nur unter strengen Auflagen erhalten.
Geschworenendienst bedeutet häufig Erwerbsausfall. Nicht nur werden Juroren für ihr Engagement häufig mager bezahlt (die Süddeutsche Zeitung spricht von 10$ pro Tag), viele Firmen stellen ihre Lohnzahlungen bereits nach kurzer Zeit ein. Langwierige Prozesse können ein Jurymitglied finanziell ruinieren.

 

In einem Strafprozess muss das Urteil der Jury einstimmig sein. Es obliegt der Anklage, sie davon zu überzeugen, dass der/die Angeklagte die Tat „beyond reasonable doubt“ begangen hat – das heißt, es dürfen keine berechtigten Zweifel bestehen, dass er oder sie schuldig ist. Da diese Voraussetzung keiner festen Definition folgt und die Geschworenen nicht verpflichtet sind, ihr Urteil zu begründen, besteht die Möglichkeit, dass Angeklagte willkürlich schuldig oder freigesprochen werden. Selbst wenn die Beweislage erdrückend ist.

 

Warum erzähle ich euch das alles?

 

Ich erkläre euch die Grundzüge des US-amerikanischen Geschworenensystems, weil dieses Wissen eine Voraussetzung ist, um zu verstehen, wie Orenthal James Simpson am 03. Oktober 1995 des zweifachen Mordes freigesprochen werden konnte. Ich erkläre es euch, damit ihr versteht, warum O.J. Simpson trotz überwältigender physischer Beweise für unschuldig befunden werden konnte.

 

Der Fall O.J. Simpson ist wie kaum ein zweiter im kollektiven Gedächtnis der USA verankert. Anspielungen auf seinen spektakulären Prozess sind in der Popkultur keine Seltenheit. Wann immer die US-amerikanische Justiz kritisiert oder durch den Kakao gezogen wird, ist die Erinnerung an O.J. und den berüchtigten Handschuh nicht weit.

 

Orenthal James Simpson ist ein ehemaliger Profi-Footballspieler. Er wurde am 09. Juli 1947 in San Francisco geboren. Als Runningback spielte er von 1969 bis 1979 bei den Buffalo Bills und den San Francisco 49ers und verdiente sich aufgrund seiner schnellen Füße und seiner Initialen (O.J. = Orange Juice) den Spitznamen „The Juice“.  Nach seiner erfolgreichen aktiven Karriere arbeitete er als Sportkommentator und strebte ins Showbusiness. Er versuchte sich als Schauspieler und verkörperte mehrere kleine Rollen, unter anderem in der Filmreihe „Die nackte Kanone“, konzentrierte sich jedoch hauptsächlich auf die Vermarktung seiner selbst. Er war jahrelang Werbepartner der Autovermietung Hertz.
Seit 1985 war O.J. Simpson in zweiter Ehe mit der Kellnerin Nicole Brown Simpson verheiratet. Kennengelernt hatte er sie bereits sieben Jahre zuvor, als sie 18 Jahre alt war und er in Trennung von seiner ersten Ehefrau lebte. Das Paar bekam zusammen zwei Kinder. Ihre Beziehung war stets turbulent und von teils gewalttätigen Auseinandersetzungen geprägt, die durch Zeugenaussagen und Polizeiberichte belegt sind. Sie ließen sich im Oktober 1992 scheiden, versuchten später allerdings, sich wieder zu versöhnen. Erst im Frühjahr 1994 entschieden sie, sich endgültig zu trennen.

 

Nicole Brown Simpson wurde kurz nach Mitternacht am Morgen des 13. Juni 1994 tot vor ihrem Haus in Los Angeles aufgefunden. Neben ihrem leblosen Körper befand sich die Leiche des jungen Kellners Ronald Goldman. Beide Opfer wiesen erhebliche Verletzungen auf und lagen in einer Blutlache. Die Gerichtsmedizin schlussfolgerte später, dass sie mit einem Messer angegriffen worden waren.
Am Tatort entdeckten die eintreffenden Ermittler einen schwarzen ledernen Herrenhandschuh, Blutstropfen und Fußabrücke, die von Browns Heim fortführten. Als sie ihren Ex-Mann O.J. Simpson, der nur wenige Minuten entfernt wohnte, von ihrem Tod informieren wollten, standen sie vor verschlossenen Türen. In der Einfahrt parkte ein weißer Ford Bronco, an dem den Polizisten ebenfalls Blutspuren auffielen. Besorgt, dass Simpson in Gefahr sein könnte, verschafften sie sich Zutritt und erfuhren von seiner Tochter aus erster Ehe, dass ihr Vater am Abend geschäftlich nach Chicago geflogen war. Auf dem Grundstück bemerkten sie weitere Blutstropfen, die ins Haus zu führen schienen, außerdem entpuppte sich ein Bündel auf einem Pfad neben einem der Gästehäuser als schwarzer Lederhandschuh. Nun galt O.J. Simpson inoffiziell als tatverdächtig.

 

Simpson weilte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in Chicago, kehrte aber noch am 13. Juni nach L.A. zurück. Er wurde aufs Revier gebracht und befragt. Obwohl seine Aussagen teilweise widersprüchlich und wirr waren und er nicht erklären konnte, wie er sich eine blutende Wunde am Finger zugezogen hatte, ließen ihn die Ermittler wieder gehen. Die nächsten Tage verbrachte Simpson im Haus seines Freundes Robert Kardashian, während die Polizei weitere Beweise gegen ihn sammelte. Am 17. Juni wurde offiziell Haftbefehl erlassen. Simpson entzog sich seiner Verhaftung und wagte einen skurrilen Fluchtversuch in Begleitung seines Freundes Al Cowlings. In Cowlings weißem Ford Bronco (das gleiche Modell, das Simpson besaß und in dem Blutspuren gefunden wurden) schlichen sie über die Straßen in Los Angeles und lieferten sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd im Schneckentempo. Cowlings fuhr, Simpson saß auf der Rückbank und drohte, sich selbst zu erschießen. Seine Flucht wurde live im TV übertragen und wurde zum meistgesehenen Fernsehereignis der 90er Jahre. Die Einwohner_innen von L.A. waren nicht etwa schockiert, sondern feuerten ihren Footballhelden an und malten sogar Schilder, um ihm vom Straßenrand aus zuzujubeln. Die irrwitzige Verfolgungsjagd endete am Abend vor Simpsons Haus. Er ließ sich festnehmen, ohne Widerstand zu leisten. In Cowlings Wagen fanden Polizeibeamte Bargeld, einen Reisepass und einen falschen Schnurrbart. Die Vermutung, O.J. habe sich über die Grenze absetzen wollen, lag nahe, er behauptete jedoch, er habe lediglich Nicoles Grab besuchen wollen.

 

O.J. Simpson wurde am 30. Juni 1994 offiziell des zweifachen vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der eigentliche Prozess begann am 22. Juli 1994. Den Vorsitz führte der Richter Lance Ito, die leitende Staatsanwältin war Marcia Clark. Simpson wurde von einem Team hochdekorierter Anwälte vertreten, darunter sein Freund Robert Kardashian, Robert Shapiro, F. Lee Bailey, der Harvarddozent Alan Dershowitz, der DNA-Spezialist Barry Scheck und der afroamerikanische Anwalt Johnnie Cochran, der bereits häufig schwarze Mandanten gegen die Stadt vertreten hatte. In den Medien wurde Simpsons Verteidigung das „Dreamteam“ genannt. Die vorherrschende Meinung besagte, er habe sich die besten Anwälte, die „für Geld zu haben sind“ gesichert.

Der Strafprozess gegen O.J. Simpson war ungemein kompliziert und komplex. Viele Faktoren spielten eine Rolle, die Anklage förderte bergeweise Beweismaterial gegen Simpson zu Tage und es kam zu spektakulären Szenen im Gerichtssaal, zum Beispiel, als Simpson von der Staatsanwaltschaft aufgefordert wurde, die belastenden Handschuhe anzuprobieren, die sowohl seine als auch DNA-Spuren der Opfer trugen. Durch die geschickte Haltung seiner Hände täuschte er vor, die Handschuhe seien zu klein. Der alles bestimmende Aspekt der Verhandlung war allerdings die Entscheidung seitens Simpsons „Dreamteam“, angeführt von Johnnie Cochran, die sogenannte „Rassenkarte“ auszuspielen.

 

O.J. war ein schwarzer Mann, der von der bekanntermaßen mit Rassismus in den eigenen Reihen kämpfenden, überwiegend weißen Polizei von L.A. festgenommen worden war. Cochran war fest entschlossen, seinen Fall als Verschwörung des korrupten, rassistischen L.A.P.D. gegen seinen schwarzen Mandanten zu inszenieren. Die Verteidigung behauptete, Beweise seien manipuliert und platziert, O.J. sei hereingelegt worden. Diese Theorie war nicht nur aufgrund der logischen Abläufe während der Ermittlung sehr weit hergeholt, sondern auch, weil Simpson sich einerseits nie für die afroamerikanische Community eingesetzt hatte und sich selbst offenbar nicht als schwarz begriff (Einem berühmten Zitat zufolge soll er gesagt haben „Ich bin nicht schwarz, ich bin O.J.“) und andererseits sehr gute Beziehungen zu den Polizisten des L.A.P.D. unterhielt. Viele Beamte waren in den vergangenen Jahren auf seinem Grundstück ein und aus gegangen und deckten ihn bezüglich der Vorfälle von häuslicher Gewalt gegen Nicole. Es war absurd, anzunehmen, O.J. sei das Opfer einer Verschwörung. Doch die Taktik der Verteidigung ging auf.

 

Die Jury im Prozess gegen O.J. Simpson bestand hauptsächlich aus schwarzen Bürger_innen. Während der Vorbereitungen hatten sowohl die Teams der Verteidigung als auch der Anklage herausgefunden, dass speziell afroamerikanische Frauen dazu neigten, O.J. als unschuldig zu betrachten. Ungeachtet der Beweise sah die schwarze Bevölkerung in O.J. einen Helden, der seine schwierige Herkunft überwunden und in der Welt der Weißen erfolgreich geworden war. Diesen Helden zugunsten des rassistischen, weißen L.A.P.D. zu verurteilen, war für viele vollkommen unvorstellbar. Die Theorie der Verteidigung, O.J. sei das Opfer einer Verschwörung, lieferte ihnen eine plausible Berechtigung, die Beweise zu ignorieren und ihn freizusprechen.

O.J. Simpson wurde nach über einem Jahr der Prozessdauer am 03. Oktober 1995 von den 12 Geschworenen bedingungslos freigesprochen. Die Jury beriet sich trotz der Länge und Komplexität des Prozesses lediglich vier Stunden. Sie begründeten ihr Urteil nicht. O.J. war ein freier Mann.

 

Ein Jahr nach dem Urteil im Strafprozess musste sich O.J. Simpson in einem Zivilprozess verantworten, den die Familien der Opfer, die Browns und die Goldmans, initiierten. Die Voraussetzungen für eine Verurteilung in einem Zivilverfahren sind deutlich lockerer. Er wurde schuldig gesprochen. Mittlerweile gilt als bewiesen, dass O.J. Simpson ein Mörder ist. Er tötete seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson und den Kellner Ronald Goldman.

 

Puh. Habt ihr jetzt auch das Bedürfnis, erst einmal tief Luft zu holen? Ich weiß, ich habe euch nun mit einer Menge Fakten konfrontiert. Ich habe mich bemüht, den Mordprozess gegen O.J. Simpson so knapp wie möglich zusammenzufassen, doch die Komplexität des Falles zwang mich, ordentlich auszuholen. Ich wollte sicher sein, dass ihr genau wisst, wovon ich spreche, wenn wir uns der Rezension zu „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson“ von Jeffrey Toobin widmen. Bevor wir uns mit diesem brillanten Buch beschäftigen, möchte ich euch allerdings zuerst eine kleine Verschnaufpause gönnen und berichten, wie es überhaupt den Weg in mein Bücherregal fand.

 

Der Fall O.J. Simpson tanzte lange am Rande meiner Wahrnehmung entlang. Durch die starke popkulturelle Präsenz, die dieser Mordprozess erlangte, wurde ich in unregelmäßigen Abständen mit Anspielungen konfrontiert, die ich lediglich ansatzweise verstand, beispielsweise in den „Simpsons“ oder im Song „Lifestyles of the Rich and the Famous“ der Band Good Charlotte. Ich begriff, dass O.J. Simpson irgendein Promi war, der leugnete, ein furchtbares Verbrechen begangen zu haben, aber ich kapierte nicht, wieso er damit beißenden Spott provozierte. Während des eigentlichen Prozesses war ich selbstverständlich noch viel zu jung, um überhaupt zu realisieren, was dort in diesem fernen Land namens Amerika passierte. Folglich verfügte ich über keinerlei Kontext, um die bissigen, ironischen Erwähnungen von O.J., des Handschuhs oder Johnnie Cochran korrekt einzuordnen. Ich plante zwar immer, den Fall irgendwann einmal zu recherchieren, aber wie es eben so ist im Leben, habe ich es nie getan.

 

Meine Neugier wurde erst richtig geweckt, als ich die Ankündigung las, dass es einen Ableger von „American Horror Story“ geben sollte. In diesem Spin-Off mit dem Titel „American Crime Story“ werden reale Fälle der US-amerikanischen Justiz vorgestellt, die große öffentliche Aufmerksamkeit erregt haben. Die erste Staffel behandelt den Fall O.J. Simpson. Da „American Horror Story“ zu meinen Lieblingsserien zählt, hatte ich keine Zweifel, was die Qualität von „American Crime Story“ betrifft und betrachtete es als günstige Gelegenheit, meine Wissenslücken endlich zu schließen.
Die erste Staffel gefiel mir außerordentlich gut. Ich fand die filmische Umsetzung des Prozesses gegen O.J. Simpson ungemein spannend und mitreißend. Die Tatsache, dass es sich um reale Ereignisse handelte, verursachte einen zusätzlichen Kitzel und als ich die 10 Folgen der Staffel vollständig gesehen hatte, ließ mich das Thema nicht los. Ich war fasziniert und wollte unbedingt noch mehr über diesen sensationellen Fall, der als beispielloser Justizirrtum in die Geschichte der USA einging, wissen. Ich wollte mehr Details. Ich wollte wissen, wie akkurat „American Crime Story“ die Fakten verarbeitet hatte und wie viel Interpretation in den Szenen steckte. Ich wollte mir eine eigene Meinung bilden.

 

Zuerst sah ich mir Fotos der Beteiligten an und surfte durch Wikipedia-Artikel, aber als passionierter Bücherwurm war es für mich natürlich naheliegend, Antworten in Büchern zu suchen. Glücklicherweise haben beinahe alle Mitwirkenden irgendwann biografische Bücher ihrer Erlebnisse während des Prozesses veröffentlicht, sodass ich nicht mühsam Lektüre ausfindig machen musste, sondern einfach auswählen konnte, was mich interessierte. Ich nahm Abstand von den Biografien der Verteidiger, weil mich die Selbstinszenierung, die viele der Anwälte in O.J.s Kielwasser betrieben hatten, abstieß. Stattdessen entschied ich mich für drei Werke, die den Fall meinen Erwartungen zufolge umfassend abdeckten: „Without A Doubt“ von der leitenden Staatsanwältin Marcia Clark, das hypothetische Geständnis „If I Did It“ von O.J. Simpson selbst und „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson“ des ehemaligen Anwalts und Journalisten Jeffrey Toobin.

 

„The Run of His Life“ landete aus zwei Gründen auf meiner Auswahlliste: erstens wusste ich, dass dieses Buch als Vorlage für „American Crime Story“ diente; zweitens erhoffte ich mir von Toobin eine objektive Schilderung des Prozesses, da er als Journalist selbst nicht direkt involviert war. Aus denselben Gründen entschied ich, meine private Recherchemission mit exakt diesem Bericht zu beginnen.

Jeffrey „Jeff“ Toobin arbeitete zur Zeit des Strafprozesses gegen O.J. Simpson als Journalist beim New Yorker und wurde von seinem Blatt nach L.A. geschickt, um wenn möglich direkt aus dem Gerichtssaal zu berichten. Er war selbst eine Zeit lang Anwalt und qualifizierte sich daher als geeigneter Reporter, der die Feinheiten juristischer Strategien erkannte, begriff und den Leser_innen erklären konnte. Toobin begleitete den gesamten Prozess, da er einen der wenigen, heiß begehrten festen Sitze für die Presse in Lance Itos Saal ergatterte. „The Run of His Life“ ist das Ergebnis seiner persönlichen Beobachtungen, Analysen und Gedanken aus über zwei Jahren der Berichterstattung, sowie der ausführlichen Sichtung von Beweis- und Medienmaterial und zahlreicher Interviews mit mehr als 200 Menschen, die in irgendeiner Form vom Mordprozess gegen O.J. Simpson betroffen waren.

 

Meiner Meinung nach ist „The Run of His Life” ein Recherche-Meisterwerk. Es ist eine unglaublich aufwendige Fleißarbeit, in der Jeffrey Toobin eine überzeugende, detailreiche Zusammenfassung des über ein Jahr andauernden Strafprozesses gegen O.J. Simpson bietet. Er integrierte neben seinen persönlichen Erinnerungen Hintergrund- und biografische Informationen zu allen (wichtigen) Beteiligten, nachvollziehbare Einschätzungen der Vorgänge im Gerichtssaal, sowie Augen- und Zeitzeugenberichte. Obwohl das Buch durch eine ausgeglichene, sachliche Schilderung der Ereignisse beeindruckt, gelang es Toobin, seine private Meinung subtil auf der Metaebene einfließen zu lassen. Er kritisiert und urteilt diskret, ohne Spekulationen anzustellen oder seine Leser_innen aggressiv zu beeinflussen. Ich erhielt nicht nur einen einzigartig intensiven Einblick in die Fakten des Prozesses, es war mir auch problemlos möglich, eigene Ansichten zu entwickeln.

 

Für mich besteht kein Zweifel, dass O.J. Simpson schuldig ist. Er ist ein Mörder. Er tötete Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman. Das Urteil der Jury war eine kolossale gerichtliche Fehlentscheidung und nicht gerecht. Die Beweislast war erdrückend; er hätte verurteilt werden müssen. Ich begreife nicht, wie die 12 Geschworenen seinen Lügen Glauben schenken konnten. Aus meiner Sicht hätte es vollkommen unerheblich sein müssen, dass sie in ihm ein Symbol sahen. Es hätte keine Rolle spielen dürfen, dass er schwarz und berühmt ist. Es ist richtig, dass das L.A.P.D. Schwierigkeiten mit rassistischen Beamten hatte und dass der Polizist Mark Fuhrman, der den berüchtigten Handschuh auf O.J.s Grundstück fand und im Prozess traurige Berühmtheit erlangte, ein beschämendes Negativbeispiel für diese Schwierigkeiten darstellte, aber seine menschenverachtenden Ansichten schlugen sich nicht auf seine Arbeit am Tatort nieder. Er verhielt sich vorschriftsgemäß. Es gab keine Verschwörung. Es wurden weder Beweise platziert noch manipuliert. Die Schritte, die dafür nötig gewesen wären, waren viel zu kompliziert und unrealistisch, um sie tatsächlich zu vollziehen. Es mag sein, dass während der Ermittlungen Fehler geschahen und sich einige Mitarbeiter_innen fahrlässig verhielten, doch nachfolgende Untersuchungen zeigten, dass keiner dieser Fehler die Fakten kompromittierte. Die Fakten, das waren Blut- und DNA-Spuren, Faserrückstände, Fußabdrücke, zeitliche Abläufe und die tragische Vorgeschichte des Ehepaars Simpson. O.J. Simpson hatte Motiv und Gelegenheit und nichts, was seine Verteidigung, sein „Dreamteam“, während des Prozesses aus dem Hut zauberte, überzeugte mich vom Gegenteil. Ich wiederhole mich: O.J. Simpson ist ein Mörder. Seine Hautfarbe und sein sozialer Status hatten keinen Einfluss auf die Fakten, folglich hätte die Jury den Simpson-Fall nicht missbrauchen dürfen, um ein Exempel zu statuieren. Sie verwehrten Nicole und Ron Gerechtigkeit.

 

Ich werfe diesen fatalen Justizirrtum sowohl der Anklage als auch der Verteidigung vor. Die Rassendimension des Falls wurzelt tief in den Konflikten der US-amerikanischen Gesellschaft, in der Rassismus ein anhaltendes, konkretes, nicht zu leugnendes Problem ist. Auf gewisse Weise ist das L.A.P.D. selbst verantwortlich für die Wendung, die der Prozess gegen O.J. Simpson nahm, indem es von Hass getriebene Personen wie Mark Fuhrman beschäftigte und vermutlich bis heute beschäftigt. Trotz dessen war es die Verteidigung rund um Johnnie Cochran, die Rassismus als beherrschenden Aspekt der Verhandlung inszenierte und der Presse, dem 13. Jurymitglied, zum Fraß vorwarf, um von der Schuld ihres Mandanten abzulenken. Es oblag der Anklage, diese Fehlinterpretation der Fakten als Nonsens zu entkräften und die Jury von einem vernunftbasierten Urteil zu überzeugen. Sie versagten. Natürlich wurden sie durch willkürliche, schwer nachzuvollziehende und teils schlicht falsche Entscheidungen des Richters Lance Ito behindert, aber die Beweise hätten ungeachtet dieser Komplikationen zu einer sicheren Verurteilung führen müssen. Ich hatte den Eindruck, dass Marcia Clark und ihr Team den Fall durch Arroganz, Unfähigkeit und Unerfahrenheit an die Wand fuhren. Sie dachten, sie hätten bereits gewonnen. Manchmal wollte ich ins Buch greifen und die Staatsanwaltschaft geschlossen schütteln, weil sie einige wirklich dumme Fehler machten, die der Verteidigung direkt in die Hände spielten.

 

Über das legendäre „Dreamteam“ könnte ich eine seitenlange Schimpftirade verfassen. Es erschließt sich mir nicht, wie sich überhaupt jemand finden konnte, der den völlig offensichtlich schuldigen O.J. Simpson reinen Gewissens vertreten konnte. Rational weiß ich natürlich, dass ihr Gewissen die geringste Sorge seiner defensiven Armada war. Die Antwort, warum sich Anwälte darum rissen, ihn zu vertreten, ist sehr einfach: Geld. Geld und Ruhm. Jeder einzelne seiner Verteidiger nutzte den Mordprozess für eine private Agenda, die vor allem aus der Pflege ihrer Egos bestand. Ich finde sie alle abstoßend. Es spricht Bände, dass ich mich bewusst dagegen entschied, eines ihrer Bücher zu lesen. Ich muss nicht Zeugin werden, wie sich Robert Shapiro als missverstandener Edelmann porträtiert, dem übel mitgespielt wurde. Nein, danke, ich könnte auch einfach verschimmelte Lebensmittel herunterwürgen, wenn ich Brechreiz verspüren möchte.

 

Obwohl ich sie alle für egozentrische Verbrecher in teuren Anzügen halte, erkämpfte sich Johnnie Cochran einen speziellen Platz im Zentrum meiner Abneigung. Ich hatte nie das Gefühl, dass sein Einsatz für die afroamerikanische Bevölkerung aufrichtig war. Vielleicht schätze ich ihn falsch ein, aber das Credo „Der Zweck heiligt die Mittel“, das er im Simpson-Prozess verfolgte, lässt mich an seinen Motiven zweifeln. Der Kampf um Gerechtigkeit darf niemals zugunsten des Unrechts geführt werden. Hätte Johnnie Cochran wirklich daran gelegen, die Situation für Afroamerikaner_innen zu verbessern, hätte er dann in Kauf genommen, dass ein Mörder davonkommt? Ich glaube, er sah im Prozess gegen O.J. Simpson eine profitable Einnahmequelle und eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit, das Rampenlicht zu beanspruchen. Eine weitere Schlacht in seinem heiligen Krieg gegen Rassismus und Willkür in den Rängen der Polizei. Ich vermute, dass sein Kampf eher gegen die Polizei als für die schwarze Bevölkerung ausgerichtet war. Er instrumentalisierte den Fall auf Kosten der Familien der Opfer – für einen Mann, der sich niemals um seine afroamerikanischen Wurzeln scherte. Cochran wird gewusst haben, dass Simpson sich nicht als schwarz identifizierte und ich denke auch, dass Cochran wusste, dass sein Mandant schuldig ist. Er glaubte ebenso wenig an eine Verschwörung des L.A.P.D. wie die Anklage. Den Fokus des Falls trotz dessen auf das Thema Rassismus zu lenken, war zutiefst unmoralisch, womit er sich allerdings in bester Gesellschaft befand.

 

Angeblich soll sich Simpson anfangs höchstpersönlich gegen das Ausspielen der „Rassenkarte“ gestellt haben. Das Zitat „Ich bin nicht schwarz, ich bin O.J.“ tauchte sowohl in „American Crime Story“ als auch in „The Run of His Life“ auf und – ich kann es nicht anders sagen – es passt zu O.J. Simpson. Letztendlich ließ er sich dennoch davon überzeugen, diese Strategie zu verfolgen, weil sie erfolgsversprechend war, aber es handelte sich dabei um wenig mehr als eine clevere Farce. Sein Image hatte für O.J. Simpson stets oberste Priorität. Auch er nutzte den Prozess zur Selbstdarstellung. Weder interessierte er sich tatsächlich für die Zukunft seiner Kinder, die er immer nur dann vorschob, wenn er Mitleid erregen wollte, noch verschwendete er jemals einen Gedanken an Nicole, Ron oder ihre Familien. Ich halte ihn für einen ganz und gar widerlichen Menschen. Er ist ein narzisstischer Frauenschläger, ungebildet, prahlerisch und wehleidig. O.J. Simpsons Existenz dreht sich ausschließlich um O.J. Simpson. Es will mir nicht in den Kopf, wie man so werden kann. Ein Psychotherapeut hätte vermutlich seine wahre Freude an ihm. Ich kann mir vorstellen, dass er über einige psychische Dysfunktionen verfügt. Er erweckt in mir eine so starke Antipathie, dass ich ihm den tiefen sozialen Fall, den er nach seinem Freispruch erlebte, von Herzen gönne. O.J. Simpson wanderte nämlich doch noch ins Gefängnis. Nicht für die Morde an Nicole und Ron, sondern für einen bewaffneten Raubüberfall, den er am 13. September 2007 in Las Vegas verübte. Er saß fast neun Jahre und wurde erst letztes Jahr, im Oktober 2017, auf Bewährung entlassen. Zwar bringt diese Strafe Nicole und Ron nicht zurück und ist lediglich ein trauriger Ersatz für die Gerechtigkeit, die sie verdient hätten, aber es verschafft mir eine bösartige Genugtuung, dass ihn sein (vergangener) Ruhm und seine Hautfarbe dieses Mal nicht retten konnten. Keine Lügen mehr, keine Ausreden, gehe nicht über Los. Tragen Sie die Konsequenzen ihrer Taten, Mr. Simpson.

 

Mit „The Run of His Life“ konnte ich meine Mission, mein Wissen zum Fall O.J. Simpson zu erweitern, definitiv erfüllen. Die erste Staffel von „American Crime Story“ bewegte sich zwar sehr dicht an Jeffrey Toobins Buch, musste jedoch selbstverständlich vieles deutlich kürzen. Ich bin froh, dass mich meine Neugier dazu trieb, die vielen Details und Feinheiten, die diesen Prozess bestimmten, zu ermitteln und mein Verständnis dessen, wie dieser gewaltige Justizirrtum möglich war, zu vertiefen. Toobin hat sich selbst übertroffen und mit seinen exorbitanten Recherchen ein wichtiges Zeugnis unserer Zeit erschaffen. So unwahrscheinlich es mir auch erscheint, solltet ihr jemals das Bedürfnis verspüren, euch selbst mit dem Fall O.J. Simpson zu beschäftigen, kann ich euch diese detaillierte, zuverlässige und spannend geschriebene Dokumentation nur ans Herzen legen.


Wir haben das Fundament errichtet. Morgen wird es hier die nächste Rezension zum Thema „O.J. Simpson“ geben, die das zweifellos umstrittenste Buch aus meiner Auswahl bespricht: „If I Did It“, das Simpson mithilfe eines Ghostwriters nach dem Prozess schrieb. Wie der Titel bereits vermuten lässt, handelt es sich dabei um ein hypothetisches Geständnis, in dem Simpson beschreibt, wie die Morde an Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman geschehen wären, hätte er sie begangen. Das Buch ist untrennbar mit dem Zivilprozess der Familien der Opfer gegen Simpson verknüpft, das heißt, hierzu werde ich erneut einige Hintergrundinformationen bereitstellen. Schaut vorbei, wenn ihr erfahren wollt, was es mit diesem fragwürdigen Buch auf sich hat und wie O.J. Simpson die Tatnacht erinnert – natürlich rein hypothetisch.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/25/jeffrey-toobin-the-run-of-his-life-the-people-v-o-j-simpson

Wie viel Sympathie ist erlaubt?

— feeling confused
Der goldene Handschuh - Heinz Strunk

„Der goldene Handschuh“ ist ein Tatsachenroman des Autors Heinz Strunk, der den Serienmörder Fritz Honka in den Mittelpunkt stellt. Honka war in den 1970er Jahren in Hamburg aktiv und ermordete mindestens vier Frauen, deren Leichen durch Zufall entdeckt wurden. Seine Opfer waren gescheiterte Existenzen ohne soziales Netz, weshalb niemand sie als vermisst meldete. Honka gabelte sie in den übelsten Kneipen im Bezirk St. Pauli auf, darunter auch das Lokal „Zum goldenen Handschuh“. Er wurde im Juli 1975 verhaftet und im Dezember 1976 zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Gericht ordnete eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik aufgrund verminderter Schuldfähigkeit an. Er starb 1998. Zu Recherchezwecken erhielt Strunk Einsicht in Honkas Prozessakten, die bis dahin verschlossen im Hamburger Staatsarchiv lagerten. Der daraus entstandene Roman ist eine von Kritikern gelobte Milieustudie, die mir von einem Kollegen empfohlen und ausgeborgt wurde.

 

Fritz Honka ist ein Frauenmörder. Innerlich verkommen und äußerlich entstellt, findet er seine Opfer am untersten Bodensatz der Gesellschaft. Er ist ein Verlierer, der von einem besseren Leben träumt und seinen verstörenden Fantasien nicht entkommen kann. Er weiß, er ist ein Säufer, ein bedauernswerter Tropf, eine Niete. Doch Frauen lassen sich selbst für einen wie ihn auftreiben. Die Verlorenen. Die Verzweifelten. Diejenigen, die längst nicht mehr auf bessere Tage hoffen. In der Hamburger Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ geht Honka auf die Jagd. Dort kreuzen sich die Wege aller sozialen Klassen. Arm und Reich trinken Schulter an Schulter, Jung und Alt begegnen sich in den ranzigen Schatten der schäbigen Kaschemme. Im „Handschuh“ ist das Elend zu Hause. Und es ist kein Privileg der Unterschicht.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ein literarisches Experiment, dessen zweifelhafter Reiz meiner Meinung nach in der starken, unerwarteten Bindung an den tragischen, grenzwertigen Protagonisten liegt. Heinz Strunk porträtiert Fritz Honka, genannt Fiete, als ganz und gar abstoßenden Mann mit widerlichen Neigungen und Fantasien, der von Beginn an zu Grausamkeiten gegenüber Frauen tendiert. Er ist Alkoholiker und ein Sozialversager, wie er im Buche steht. Sein Umfeld ist ebenso degeneriert wie er selbst, seine Stammkneipe „Zum goldenen Handschuh“ ein Moloch menschlichen Elends und Scheiterns. Der Vorhof zur Hölle. Dort ist mal jemand auf einem Barhocker gestorben und niemand hat es gemerkt. So weit, so scheußlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie entsetzt ich war, als ich beobachtete, dass Fritz Honka an meinem Herzen zupfte. Ich hatte Mitleid mit ihm! Heinz Strunk nötigte mir Mitgefühl für einen brutalen, ekelhaften Frauenmörder auf! Ich musste feststellen, dass mich die Charakterisierung seines Protagonisten als jämmerliches Würstchen keineswegs kaltließ. Schriftstellerisch ist das ein beeindruckender Geniestreich. Ich drückte Honka während seines Versuchs, vom Alkohol loszukommen, die Daumen und als das nicht funktionierte, erwischte ich mich dabei, auf irgendein Erfolgserlebnis für ihn zu hoffen, sei es nun eine heiße Nacht mit der Putzfrau seiner Arbeitsstelle oder die Verwirklichung seiner abartigen Fantasie von zwei Frauen. Ich wünschte ihm Glück, ich wünschte ihm Befriedigung, obwohl er es nicht verdiente. Ich erforschte meine Emotionen und fand eine erschreckende Bereitschaft, mich auf Honka einzulassen. „Der goldene Handschuh“ ist ein provokantes Buch, weil Heinz Strunk darin die Beziehung zwischen Leser_in und Protagonist ungeniert in Frage stellt. Wie weit darf Sympathie gehen? Für mich ergab die Lektüre, dass meine persönliche Schmerzgrenze sehr hoch angesetzt ist. Ich habe durch diesen Roman etwas über mich selbst gelernt: meine Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, wird durch drastische, schockierende Schilderungen nicht beeinträchtigt. Die Hauptfigur kann abscheulich wie Fritz Honka sein, drückt der Autor oder die Autorin geschickt meine Knöpfe, kann ich trotzdem mit ihr fühlen. Heinz Strunk gelang dieses Kunststück, weil er sich auf jeder Seite des Romans um Authentizität bemüht. Ich fühlte mich nicht manipuliert, ich sah der ehrlichen Realität der Hamburger Kneipenszene der 70er Jahre ins Auge, die Strunk durch einen direkten, unzensierten Schreibstil illustriert. Der „Handschuh“ ist ein Schmelztiegel, ein Knotenpunkt, den man vielleicht als deprimierendes Wartezimmer für Suchende beschreiben kann. Was die einzelnen Akteure in der Kaschemme suchen, ist natürlich sehr unterschiedlich: Ablenkung, Zuflucht, ein Bett für die Nacht, ein wenig Gesellschaft. Daher überraschte es mich nicht, dass fast alle auftretenden Figuren, auch diejenigen, die standesgemäß weit über so einer Kneipe rangieren, irgendwann dort aufschlagen. Am Rande der Gesellschaft ist eben immer Platz. Um es mit Tolstoi zu sagen: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ohne Zweifel ein interessantes Buch, weil es Leser_innen herausfordert und sie vor die Frage stellt, wie viel Zuneigung sie sich für einen verabscheuungswürdigen Protagonisten erlauben. Es ist eine ungeschminkte Milieustudie, die den Mikrokosmos der Hamburger Kneipen im Dunstkreis der Reeperbahn in all seiner Hässlichkeit abbildet. Nicht schön anzuschauen, aber ehrlich und echt. Intellektuell schätze ich sehr, was Heinz Strunk mit diesem Roman zu demonstrieren versucht, ich kann jedoch nicht behaupten, dass mir die Lektüre Freude bereitet hätte. Obwohl sich beim Lesen eine gewisse Faszination des Grauens einstellte, empfand ich das Buch insgesamt als zu trostlos. Daher empfehle ich „Der goldene Handschuh“ an experimentierfreudige Leser_innen, die sich gern selbst beobachten und nicht allzu zart besaitet sind. Betrachtet es als mentale Übung, um eure eigenen Grenzen auszuloten.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/18/heinz-strunk-der-goldene-handschuh

Shakespeares Erbin

— feeling hypnotized
If We Were Villains - Linda M. Rio

Das Theater ist ein wesentlicher Bestandteil im Leben der Amerikanerin M.L. Rio. Ihre erste Rolle übernahm sie in der ersten Klasse, entdeckte kurz darauf Shakespeares Stücke und entwickelte eine unsterbliche Leidenschaft für ihn. Sie studierte Englisch und Dramatik und zog nach ihrem Abschluss nach London, um am renommierten King’s College ihren Master in Shakespeare Studies zu machen. 2016 gewann sie zum 400. Todestag Shakespeares eine Reise zu Hamlets dänischem Schloss Kronborg und war die erste Person, die dort seit 100 Jahren übernachtete. Rio ist ein Shakespeare-Nerd. In den ersten Semestern ihres Masterstudiums begann sie, ihren Debütroman zu schreiben, der sowohl ihrer Begeisterung fürs Theater als auch für den alten Barden Ausdruck verleiht: „If We Were Villains“.

 

„Das Leben ist eine Bühne“ – für Oliver Marks und seine Freunde war dieses Sprichwort Realität. Ihre exklusive Ausbildung an der elitären Dellecher Kunsthochschule überzeugte sie davon, sich als Erben Shakespeares zu verstehen. Glorreiche Tage voller Verse und Dekadenz. Sie lebten und atmeten ihre Rollen, nahmen sie in Besitz, bis ihre Rollen auch von ihnen Besitz ergriffen. Sogar abseits der Bühne verkörperten sie die Charaktere, denen sie Leben einhauchten. Ihre Leidenschaft schweißte sie zusammen. Sie waren unzertrennlich, unbesiegbar. Doch in ihrem Abschlussjahr entflammte eine nie gekannte Rivalität. Ihre Lehrer_innen änderten die Besetzung und provozierten einen Konkurrenzkampf, der ihre Gemeinschaft vergiftete. Aus Freunden wurden Feinde und eines Morgens war ein Mitglied ihrer Clique tot. 10 Jahre später wird Oliver aus dem Gefängnis entlassen und kehrt nach Dellecher zurück, um die Wahrheit zu offenbaren. Noch einmal durchlebt er seine schmerzvollen Erinnerungen an die überreizten Monate, die in einer katastrophalen Tragödie endeten. Hat er das furchtbare Verbrechen, für das er büßte, wirklich begangen?

 

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. „If We Were Villains“ ist streng genommen ein Krimi. Normalerweise sind mir Krimis zu langweilig. Dieses Buch hingegen ist mehr als ein schnöder Krimi. Es ist eine formvollendete Tragödie in Shakespeare-Manier, was wahrscheinlich das größte Kompliment ist, das man M.L. Rio aussprechen kann. Ich glaube, ihr Debütroman hätte dem alten Barden gefallen. Es ist ihr gelungen, in jeder Facette der Geschichte eine unvergleichliche Intensität einzufangen, die die frenetische Atmosphäre prägte. Die Strukturierung des Buches in Szenen und Akte unterstützte den Eindruck eines shakespeareesken Theaterstückes natürlich, aber ich bin sicher, dass dieser auch mit einer konventionellen Einteilung entstanden wäre, weil die Figuren in bedeutendem Maße dazu beitragen. Shakespeares Stücke zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass seine Figuren innerhalb sehr kurzer Zeit ein überwältigendes Wechselbad der Emotionen durchleben. Diese erratische Sprunghaftigkeit ist M.L. Rios Charakteren ebenfalls eigen. Olivers Clique lebte in einem Shakespeare-Stück. Sie führten Dialoge in Zitaten und ließen sich völlig von der komprimierten Darstellung menschlicher Beziehungen vereinnahmen. In der elitären Umgebung der Dellecher Kunsthochschule verloren sie den Kontakt zur Realität. Die Schule wirkte auf mich beinahe wie eine Sekte, denn Oliver und seine sechs Freunde wurden in dem Empfinden, dass eine Welt außerhalb ihrer Mauern nicht existent oder zumindest irrelevant ist, subtil bestärkt. Ihre Ausbildung war ihr Universum; Dellecher war ihr Heim, ihre Freunde waren ihre Familie und Shakespeare war ihre Religion, der sie mit kompromissloser Opferbereitschaft huldigten. Die uneingeschränkte Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Rollen einnahmen, war geradezu unheimlich. Mir war nicht immer klar, wo die Rolle aufhörte und der Mensch begann. Ihre Mimikry war vollkommen bis zur Selbsttäuschung und beeinflusste die Dynamik ihrer Gruppe maßgeblich. Eine Umbesetzung seitens ihrer Lehrer_innen störte das sensible Gleichgewicht zwischen ihnen und ihre Freundschaft wankte. Bis zum Ende des zweiten Akts lag die Spannung von „If We Were Villains“ folglich darin, herauszufinden, welches Mitglied der Clique den Tod finden würde. Danach ist die bestimmende Frage, wer schuldig ist. Meine Verdächtigungen variierten, lediglich den Protagonisten Oliver zog ich nie in Betracht. Sein unterstützendes Wesen, das Wesen einer Nebenrolle, das sich allerdings ausschließlich auf ihre Gemeinschaft bezog, zeichnete diese Möglichkeit für mich als unvorstellbar. Der Tod des Mitglieds und die resultierenden polizeilichen Ermittlungen zwangen die Clique in eine Lage, in der sie nicht mehr fähig waren, ihre Rollen aufrechtzuerhalten. Der enorme emotionale Druck zerrte die Persönlichkeiten hinter den Rollen hervor. Ihre Gruppe brach auseinander, weil sie nicht länger funktionierten, was Oliver 10 Jahre später, nach seiner Inhaftierung, durchaus bewusst zu sein scheint. Durch seine rückblickende Erzählung erfasst M.L. Rio den Niedergang der sieben Jugendlichen eindringlich und vermittelt glaubhaft, dass sie sich gegenseitig zugrunde richteten. Niemand konnte ihnen etwas anhaben – nur sie selbst.

 

„If We Were Villains“ ist der vermutlich beste Krimi, den ich je gelesen habe, weil sich das Buch eben nicht wie ein Krimi anfühlte, sondern wie ein waschechtes Shakespeare-Stück. Der Mord ist lediglich ein einzelnes Puzzleteil in dieser berauschenden Erzählung von Leidenschaft, Besessenheit und Hingabe. Die psychologisch komplexe, vielschichtige Darstellung einer komplizierten, prekären Freundschaft, die ausschließlich unter sehr spezifischen Bedingungen überlebte und eskalierte, sobald sich diese Bedingungen änderten, beeindruckte mich und hätte den alten Barden stolz gemacht. M.L. Rio darf sich meiner Meinung nach ohne Arroganz Shakespeares Erbin nennen – obwohl in ihrem Roman nicht alle Figuren sterben.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/12/m-l-rio-if-we-were-villains

Das wandelnde Chaos

— feeling ashamed
Bluteid  - Vanessa Lamatsch, Kim Harrison

Kim Harrison begann ihre Karriere unter ihrem echten Namen Dawn Cook als High Fantasy – Autorin. Anfang der 2000er wagte sie eine radikale Veränderung und schrieb den ersten Band der „Rachel Morgan“ – Reihe, der von ihrem Verlag Ace abgelehnt wurde. Sie fand zwar einen neuen Verlag, ihre Vertreter_innen wollten jedoch einen Neuanfang – mit einem neuen Namen. Ihre Lektorin wählte das Pseudonym Kim Harrison aus, damit sie im Buchhandel neben Laurell K. Hamilton einsortiert würde. Um die Abgrenzung von Dawn Cook noch deutlicher zu gestalten, empfahl sie ihr sogar, sich eine Perücke zu besorgen. Deshalb wurde Kim Harrison als Rothaarige bekannt, obwohl sie eigentlich blond ist. Mittlerweile kann sie auf die Perücke verzichten. Trotz ihres überwältigenden Erfolgs ist meine Beziehung zu der Reihe etwas schwierig, daher sind seit meinem letzten Ausflug in die Hollows vier Jahre vergangen. „Bluteid“ ist der achte Band und ein gewohnt turbulentes Abenteuer mit der Hexe Rachel Morgan.

 

Mithilfe ihrer Freunde hat Rachel Morgan schon einiges überstanden. Dieses Mal kann sie sich jedoch nicht darauf verlassen, dass ihr Ivy und Jenks den Hintern retten. Der Hexenzirkel für moralische und ethische Standards hat es auf sie abgesehen. Ihre Vorwürfe sind lächerlich. In Wahrheit geht es nicht um Rachels vermeintliche Verbrechen. Der Zirkel hat erfahren, dass sie die Schülerin eines Dämons und zum Teil selbst ein Dämon ist. Sie sehen in ihr eine Bedrohung und planen, sie entweder magisch und körperlich zu kastrieren oder lebenslang in Alcatraz verschwinden zu lassen. Als sie herausfindet, dass sowohl ihr Erzfeind Trent Kalamack als auch ihr Ex-Freund Nick ihre Finger im Spiel haben, beschließt sie, zurückzuschlagen. Sie entwirft einen riskanten Plan, um den Zirkel, Trent und Nick loszuwerden. Dafür muss sie allerdings bei Trent einbrechen – und sich den Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit stellen…

 

Es fällt mir heutzutage schwer, nachzuvollziehen, was ich jemals in der „Rachel Morgan“ – Reihe und ihrer Protagonistin gesehen habe. In der Rezension zum letzten Band „Blutkind“ schrieb ich, dass ich Rachel aufgrund ihres aufbrausenden Wesens mag. Ich urteilte, dass ihre Neigung, ihr Herz auf der Zunge zu tragen, sie real und echt wirken lässt. Vier Jahre und hunderte Bücher später kann ich dem nicht mehr zustimmen. Es ist wahr, dass Rachel in der Riege der Urban Fantasy – Heldinnen eine Ausnahme ist, weil sie selten alles unter Kontrolle hat und ihr Temperament ihr häufig gewaltige Probleme einbrockt. Ich erkenne an, dass Kim Harrison eine individuelle, einzigartige Heldin konzipierte. Aber ich kann nicht mehr verstehen, wie mir ihr Charakter jemals sympathisch erscheinen konnte. Heute finde ich Rachel unerträglich. Sie ist aggressiv, hysterisch, waghalsig und trifft überstürzte Entscheidungen, die der Lösung ihrer Probleme eher entgegenwirken. Nicht mal in Kleinigkeiten sind wir einer Meinung. Unsere Reibungen sind so gravierend, dass ich den Großteil der Lektüre von „Bluteid“ damit verbrachte, mich über sie zu ärgern und ihr zu widersprechen. Ich hätte in jeder einzelnen Situation des Buches vollkommen anders gehandelt. Ich war schockiert, wie unreif Rachel sich verhält. Im achten Band muss sie sich ihren Erinnerungen an ihre Kindheit stellen, um ihre schwer belastete Beziehung zu Trent Kalamack zu verstehen. Dadurch erhalten Leser_innen das zweifelhafte Privileg, sie als 12-Jährige zu erleben. Ich war wie vom Donner gerührt. Sie hat sich kein bisschen weiterentwickelt! Sie ist noch immer genau wie im Alter von 12 Jahren. Ein Armutszeugnis, meiner Meinung nach. Die Handlung von „Bluteid“ ist allerdings auch nicht dazu geeignet, Rachels positive Eigenschaften zu betonen. Theoretisch hätte die Affäre mit dem Hexenzirkel wunderbar als Bände-übergreifende Handlungslinie dienen können. Stattdessen quetschte Kim Harrison Rachels Konflikt mit ihnen in einen einzigen Band, wodurch ich das Gefühl hatte, inhaltliche Entwicklungen werden durch laute Action ersetzt. „Bluteid“ weist keinerlei Tiefe auf, Szenen sind oberflächlich gehalten, übertriebener Aktionismus verdampft das Potential der Geschichte. Ständig wird gekreischt und geschrien. Kampf folgt auf Kampf, sodass ich glaubte, in einer Wiederholungsschleife gefangen zu sein: der Zirkel greift an, Rachel entkommt. Wieder von vorn. Daneben passiert meiner Meinung nach überhaupt nichts. Harrison versuchte, emotionale Integrität zu erzeugen, indem sie Rachel eine Identitätskrise aufbürdete, die mich nicht mal ansatzweise überzeugte. Es ist zwar verständlich, dass sie ihr dämonisches Erbe überfordert, da sie sich selbst als weiße Hexe definiert, doch ihre Gewissensbisse sind völlig willkürlich. Sie vertritt keine konsequenten Prinzipien und widerspricht sich, wann immer es ihr passt. Sie ist das wandelnde Chaos und egal, wie oft Harrison sie in rührselige Dialoge verwickelt, ich kann für sie einfach keine Zuneigung aufbringen.

 

Es gibt für die „Rachel Morgan“-Reihe und mich keine Zukunft. Schon nach dem letzten Band kritisierte ich, dass Kim Harrisons schriftstellerische Begabung nicht ausreicht, um ihre Ideen effektiv umzusetzen. Mit „Bluteid“ bestätigt sich dieser Eindruck. Sie hat die Grenze ihres Könnens erreicht. Sie ist nicht fähig, Action als Mittel zum Zweck einzusetzen. Stattdessen ist der achte Band ein einziger repetitiver Schlagabtausch ohne inhaltliche Tiefe und nur darauf ausgelegt, Leser_innen atemlos von einer Situation in die nächste zu jagen. Das Buch besteht ausschließlich aus Action. Mir ist das zu wenig und ich glaube nicht, dass ich in den Folgebänden eine Besserung erwarten kann. Besäße ich nicht bereits zwei weitere Bände, würde ich die Reihe an dieser Stelle abbrechen. Es ist ärgerlich, dass ich so viel Vertrauen in Kim Harrison und „Rachel Morgan“ hatte, aber um die Bände ungelesen wegzugeben, ist es mir um mein investiertes Geld zu schade. Fazit: zwei Bände noch und Tschüss.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/11/kim-harrison-bluteid

Harry, erobere mein Herz!

— feeling beaten
Fool Moon - Jim Butcher

Jim Butcher sieht für seine „Dresden Files“ etwa 20 Bände vor. Derzeit sind 15 vollwertige Bände und einige Kurzgeschichten um den Magier Harry Dresden erschienen. Zwei weitere Bände sind in Planung. 2015 war Butcher noch nicht sicher, wie viele Fälle sein Protagonist tatsächlich lösen wird, ob es 20 oder 21 werden, aber er plante, die Reihe mit einer bombastischen Trilogie abzuschließen. Ich konnte leider nicht herausfinden, ob dieser Plan heute noch aktuell ist. Ich hoffe es. Ich finde die Idee toll, weil mir ein dreibändiges Finale als würdiger Abschied von einer Figur erscheint, die viele Leser_innen jahrelang begleiteten. Ich selbst befinde mich in den „Dresden Files“ noch ganz am Anfang. Ende Mai 2018 habe ich den zweiten Band „Fool Moon“ ausgelesen.

 

Am Tatort finden sich Pfotenspuren. Die völlig zerfleischte Leiche weist grausige Biss- und Kratzwunden auf. Es ist Vollmond. Eindeutigere Hinweise kann es kaum geben. Harry Dresden, einziger übernatürlicher Privatdetektiv Chicagos, muss lediglich eins und eins zusammenzählen, um dahinterzukommen, was den armen Mann tötete: es war ein Werwolf. Harry muss jetzt nicht nur herausfinden, wer der Werwolf ist, er muss auch ermitteln, um welchen Typ es sich handelt. Seine Nachforschungen deuten darauf hin, dass er es mit einem Loup-Garou zu tun hat – natürlich die wildeste und gefährlichste Art. Einfach fantastisch. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die Fakten passen nicht zusammen. Ein Loup-Garou tötet willkürlich. Es scheint allerdings, als seien einige Opfer bewusst ausgeschaltet worden. Es sind Johnny Marcones Männer. Nutzt jemand die Bestie, um Marcone zu bedrohen? Harry würde Chicagos mächtigem Untergrundboss keine Träne nachweinen, doch ein Loup-Garou kann nicht kontrolliert werden. Will er die Bevölkerung Chicagos schützen, muss er vielleicht Marcones Leben retten…

 

Keine Urban Fantasy – Reihe ohne Werwölfe. Irgendwann tauchen sie immer auf. Jim Butcher integriert die mondsüchtigen Pelzträger recht zeitig in „The Dresden Files“. Ich denke, er entschied sich für einen frühen Auftritt in „Fool Moon“, weil sein Bestiarium vergleichsweise umfangreich ist. In der alternativen Realität des Harry Dresden tummeln sich neben Werwölfen auch Vampire, Feen, Dämonen, Geister, Magier_innen und vermutlich viele weitere Spezies, die mir bisher noch nicht begegneten. Ich finde es nachvollziehbar, dass er erst einmal die Kreaturen vorstellt, die den Leser_innen bereits bekannt sind und sich später ausgefalleneren Exemplaren widmet. Werwölfe verleiten gern zu einer gewissen Faulheit. Da sie Liebhaber_innen des Genres bestens vertraut sind, tendieren UF-Autor_innen dazu, sich auf dem Wissensstand ihrer Leser_innen auszuruhen und kein Konzept für diese Spezies zu entwickeln. Nicht so Jim Butcher. Seine Herangehensweise an Gestaltwandler empfand ich als überraschend originell und kreativ. Es gibt verschiedene Typen, die sich je nach eingesetzter Magie, Art der Verwandlung und Gefährlichkeit unterscheiden. Auf diese Weise trägt Butcher den variierenden Legenden rund um Werwölfe Rechenschaft, was mir sehr gut gefiel. Ob es nötig war, Harry gleich im zweiten Band mit vier dieser Typen auf einmal zu konfrontieren, bezweifle ich hingegen. Meiner Meinung nach ist Butcher der Versuchung einer actionüberladenen Handlung erlegen, die sich durch zahlreiche Kampfszenen gestreckt und langgezogen anfühlte. Natürlich war es interessant, Harry öfter zaubern zu sehen, weil ich dadurch eine bessere Vorstellung davon gewann, wozu er fähig ist und wie sich seine Verbindung zur Magie gestaltet, doch ein paar Prügeleien weniger hätten es auch getan. Ich hätte mehr Ruhe definitiv bevorzugt, um Raum für intime Momente mit dem Protagonisten zu schaffen, die mir erlaubt hätten, Harry enger kennenzulernen. Zwar involviert Butcher einige neue Hinweise bezüglich seiner Vergangenheit, aber bisher ist es mir nicht gelungen, eine stabile Beziehung zu ihm aufzubauen. In „Fool Moon“ entpuppt er sich als Einzelgänger, der Angst hat, zu vertrauen und tiefere Bindungen einzugehen. Folglich kann ich mit den Nebenfiguren leider nicht viel anfangen. Trotz grundsätzlicher Sympathie, besonders für Murphy, hindert mich Harrys Distanz daran, sie ins Herz zu schließen. Auf irgendeiner Ebene ist ihm wohl klar, dass er dringend eine_n Vertraute_n bräuchte. Gegen Ende des Buches führt er ein Zwiegespräch mit seinem Unterbewusstsein, das ihn für seine Bindungsängste ermahnt. Obwohl ich diese Szene unterhaltsam fand, zeigt sie meiner Ansicht nach, dass Butcher zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Fool Moon“ (2001) ein eher unerfahrener Autor war. Eine Diskussion mit sich selbst ist schriftstellerisch keine äußerst elegante Lösung, um einer Figur zu Erkenntnis zu verhelfen. Ich bin allerdings geneigt, ihm diesen plumpen Schnitzer zu verzeihen, weil ich damit rechne, dass er sich im Laufe der Reihe als Autor weiterentwickeln wird. Er steckte damals einfach noch in den Kinderschuhen.

 

„Fool Moon“ ist eine UF-Reihenfortsetzung, wie sie zu erwarten war. Im Vergleich zum ersten Band „Storm Front“ haben sich Tempo und Actionlevel deutlich gesteigert, die übergeordnete Handlung erzielt hingegen lediglich zaghafte Fortschritte, die sich hauptsächlich in durchschaubaren Andeutungen auf potentielle Entwicklungen in den nächsten Bänden äußern. Der akute Fall steht im Vordergrund. Ich muss zugeben, dass ich diesen niemals allein hätte lösen können. Das atemlose Chaos verschiedener Werwolf-Typen, die sowohl Harry als auch dem an Al Capone erinnernden John Marcone ans Leder wollen, war dann doch etwas zu verwirrend, um den Überblick zu behalten. Von mir aus hätte Jim Butcher „Fool Moon“ gern etwas gradliniger, dafür aber tiefgehender konzipieren können. Ich hoffe, dass ich nicht mehr lange gezwungen bin, an der Oberfläche herumzukratzen, bis es ans Eingemachte geht. Ich bin ungeduldig. Ich möchte endlich von Harry erobert werden.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/05/jim-butcher-fool-moon

Darum lese ich Bücher immer zu Ende

— feeling surprised
Blood Red Road - Moira Young

Als Moira Young gefragt wurde, wie ihr Traumberuf aussähe, wäre sie keine Autorin, antwortete sie sehr präzise. Sie besäße ein altmodisches, nichtkommerzielles Kino in einer kleinen Küstenstadt. Es gäbe gemütliche Plüschsessel, schwere rote Samtvorhänge, Popcorn mit echter Butter und einen Projektor in einer Nische. Sie würde nur Streifen zeigen, die sie selbst mag, zum Beispiel trashige B-Movies. Vermutlich seid ihr schon draufgekommen: Young liebt Filme. Diese Leidenschaft beeinflusste sogar den Entstehungsprozess ihres Debütromans „Blood Red Road“. Sie visualisierte die Geschichte der Protagonistin Saba wie einen Film, nutzte ihre Augen als Kamera. Kein Wunder, dass sich der Trilogieauftakt als actiongeladener Roadtrip entpuppte. ;)

 

Für die 18-jährige Saba ist ihr Zwillingsbruder Lugh der Mittelpunkt ihrer Existenz. Er ist ihr Licht, ihre Sonne, der einzige Grund, warum sie das Leben in der dürren Ödnis von Silverlake ertrug. Deshalb wird sie ihn retten. Sie wird seine Entführer bis ans Ende der Welt jagen. Lugh wurde verschleppt. Saba weiß nicht, welches Interesse die dunkel gekleideten Männer, die im Windschatten eines gewaltigen Sandsturms ihr Heim überfielen, an ihm haben und es ist ihr auch egal. Begleitet von ihrer kleinen Schwester Emmi zieht sie aus in die staubige, gesetzlose Weite der Dustlands. Sie würde alles tun, um Lugh zurückzubekommen. Sie lernt zu kämpfen, verbündet sich mit Rebellen und schließt unerwartete Freundschaften. Für Lugh greift sie die Grundfesten ihrer Zivilisation an und bedroht ein Drogenkartell, das sie ohne zu zögern töten würde. Sie riskiert ihr Leben und wächst über sich hinaus. Denn Saba ist mehr als Lughs Schatten. Sie ist eine Naturgewalt.

 

Es war eine schwere Geburt für mich und „Blood Red Road“. Zu Beginn dachte ich, das wird nie was mit uns. Ich mochte die Protagonistin und Ich-Erzählerin Saba nicht, fand ihre Fixierung auf ihren Zwillingsbruder Lugh ungesund, zweifelte daran, ob die beiden heimlich mehr als Geschwister sind (igitt) und hatte große Schwierigkeiten mit Moira Youngs Schreibstil, denn ich konnte mich zuerst nicht mit der fragmentarischen Umgangssprache und der fehlenden Abgrenzung von wörtlicher Rede anfreunden. Ich brauchte ewig, um in den Auftakt der „Dust Lands“ – Trilogie hineinzufinden. Deutlich über 100 Seiten. Doch dann änderte sich etwas. Saba änderte sich. Plötzlich holte mich ihre Geschichte ab und ich hatte überraschend Freude an der Lektüre. Es ist erstaunlich, wie abhängig mein Lesespaß von Sabas Attitüde war. Anfangs war sie mir unsympathisch, weil sich ihr Denken ausschließlich um Lugh drehte, obwohl ihre kleine Schwester Emmi direkt neben ihr stand und sie brauchte. Erst, als Saba begann, sich ehrlich um Emmi zu sorgen, stieg sie in meinem Ansehen, sodass ich in der Lage war, „Blood Red Road“ zu genießen. Sicher beabsichtigte Moira Young diese extreme Reaktion nicht, der intensive Fokus auf Saba ist hingegen gewollt. Im Zentrum der Geschichte stehen das Wachstum ihrer Beziehung zu Emmi und ihre persönliche Entfaltung. Young mutet der 18-Jährigen einiges zu und schickt sie auf einen rasanten, schnell voranschreitenden Roadtrip zur Rettung ihres entführten Bruders. Die Übergänge der ereignisreichen Handlung erschienen mir recht hart. Saba gleitet nicht sanft von einer Phase in die nächste, sondern erlebt ihre Reise im Stakkato. Manche Entwicklungen wirkten daher ruckartig; ich hatte das Gefühl, dass Young Saba zu einigen Entscheidungen zwang, die ihrem Charakter widersprachen, um raschen Fortschritt zu gewährleisten. Beispielsweise legt sie ihr Leben (und somit auch Emmis und Lughs) in die Hände einer Rebellengruppe, die sie kaum kennt, obwohl sie sonst beinahe lächerlich misstrauisch ist. Dieser abrupte Impuls passte nicht zu meinem Bild von ihr und irritierte mich. Rückblickend schätze ich, dass sie in der harschen endzeitlichen Realität der Dustlands wohl einfach jemandem vertrauen musste, weil sie nicht das Geringste von der gnadenlosen Welt außerhalb von Silverlake weiß. Young gestaltete das Worldbuilding ihrer Postapokalypse dementsprechend zurückhaltend und gibt nur dezente Hinweise auf eine Vergangenheit, die vermutlich mit unserer Wirklichkeit gleichzusetzen ist. Das war ein wenig frustrierend, der altmodische Western-Charme der Geschichte tröstete mich jedoch darüber hinweg. Ich fand die Mischung aus ruchlosen Städten, Banditen zu Pferde und der Atmosphäre einer endlosen, sandigen Prärie sehr aufregend. Kriminalität ist alltäglich, es gibt keine Gesetzeshüter oder Ordnungsinstanzen, folglich ist es naheliegend, dass Young ein Drogenkartell als Gegenspieler für Saba etablierte. Mir gefiel diese abwechslungsreiche, originelle Idee wirklich gut. Es passt in dieses Universum, dass die Menschen nicht durch ein repressives, überwachungsgestütztes Regime kontrolliert werden, sondern durch eine Droge, die das Kartell monopolisierte. In der Gesellschaft der Dustlands hat das Kartell absolute Macht. Sie können tun, was sie wollen, weshalb mir sogar der geistesgestörte Grund für Lughs Entführung plausibel erschien. So viel Macht steigt eben zu Kopf.

 

Nach meinem miesen Start mit „Blood Red Road“ habe ich nicht erwartet, dass mich der Trilogieauftakt so gut unterhalten würde. Manchmal lohnt es sich, dass ich Bücher grundsätzlich zu Ende lese. Hätte ich nach den ersten 100 Seiten aufgegeben, wäre ich niemals Zeugin der beeindruckenden und clever inszenierten Entwicklung geworden, die Moira Young für ihre Protagonistin Saba plante. Sie kultiviert eine Identität abseits ihrer Rolle als Lughs Zwilling, die inspirierend ist. Vor der atmosphärischen Kulisse einer postapokalyptischen Welt, die an den Wilden Westen erinnert, erlebt sie zahlreiche nervenaufreibende Abenteuer, findet zu sich selbst und konnte mich doch noch von sich überzeugen. Ich freue mich darauf, sie in den Folgebänden wiederzusehen. Dann hoffentlich ohne Anlaufschwierigkeiten.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/29/moira-young-blood-red-road

Wut und Negativität

— feeling angry
The Skull Throne - Peter V. Brett

Sie fielen tief. Als ihr Duell auf Leben und Tod seinen Höhepunkt erreichte, stürzte der Tätowierte Mann Arlen Bales sich selbst und seinen Gegner Ahmann Jardir, selbsternannter Shar’Dama Ka, in den Abgrund. Doch ihr Sturz war kein Zufall, kein Akt der Verzweiflung. Arlen braucht Jardir. Er verfolgt einen wahnwitzigen Plan, um den Krieg gegen die Dämonen ein für alle Mal zu beenden. Er glaubt, dass sie ihre Streitigkeiten beilegen müssen, um wie früher mit vereinten Kräften zu kämpfen. Können Arlen und Jardir Jahre der Enttäuschung und des Grolls im Namen der Menschheit hinter sich lassen?
Unterdessen versinken die Völker Krasias und des Nordens im Chaos. Erbitterte Machtkämpfe destabilisieren den zerbrechlichen Frieden. Krasia steht am Rande eines Bürgerkriegs um den Schädelthron, den vielleicht nicht einmal Jardirs durchtriebene Ehefrau Inevera verhindern kann. Im Norden bemühen sich Leesha und Rojer, die Herzogtümer Angiers und Miln zur Einigkeit zu bewegen, aber als Jardirs ältester Sohn mit seinen Truppen in Lakton einfällt, verhärten sich die Fronten. Von der Hitze des Krieges überwältigt drohen die Völker zu vergessen, wer ihr wahrer Feind ist…

 

Menschen sind dumm. Ich weiß, kein sehr positiver Ansatz für den Beginn einer Rezension, aber ich habe das dringende Bedürfnis, meinem Verdruss Luft zu machen. Ich ärgere mich maßlos über die niederschmetternd realistischen Entwicklungen, die uns Peter V. Brett im vierten Band des „Demon Cycle“, „The Skull Throne“, präsentiert. Wie kann man nur so dämlich sein, sich auf interne Kämpfe um Macht und Einfluss einzulassen, wenn Dämonen an die Tür klopfen? Arlen und Jardir werden nicht grundlos „Einiger“ genannt. Ohne ihre Autorität bricht die oberflächliche Einigkeit ihrer Völker zusammen und die schwelenden Konflikte eskalieren. Sie verkennen die Bedrohlichkeit der Situation, zeigen einen beschämenden Unwillen zur Veränderung und weigern sich, zurückzustecken, um zusammenzuarbeiten. Es ist zum Haare raufen. Ich wollte eingreifen und den Figuren Verstand einbläuen. Während sich die politische Elite um die Thronfolge in Krasia und um die Vorherrschaft über die Herzogtümer im Norden prügelt, leidet das einfache Volk unter ihren Entscheidungen. Peter V. Brett involvierte zwei neue Blickwinkel, die die Auswirkungen des Machtgerangels aus der Froschperspektive zeigen: die Sharum’ting Ashia und den jungen Spion Briar. Ich mochte beide gern, für Ashia schlägt mein feministisches Herz allerdings ein wenig lauter. Als weibliche Krieger sind die Sharum’ting im strikten Patriarchat Krasias eine revolutionäre Neuheit, die Inevera anstieß. Sie begründete diese Kaste nicht uneigennützig, erwies den Frauen ihres Volkes damit jedoch einen unschätzbaren Dienst. Zum ersten Mal in der jahrtausendealten Geschichte Krasias können Frauen durch die Tötung eines Dämons die gleichen Rechte wie Männer einfordern. Leider ist die äußerst konservative, traditionsbewusste Bevölkerung für Jardirs und Ineveras weitreichenden Reformen noch nicht bereit. Kämpfende Khaffit, kämpfende Frauen – sie erwarteten zu schnell zu viel von ihrem Volk. In Jardirs Abwesenheit flammt der Widerstand gegen die gesellschaftlichen Erneuerungen auf und trägt zur Instabilität Krasias bei, die Jardirs Söhne ausnutzen, um den Schädelthron zu beanspruchen. Allen voran der Erstgeborene Jayan. Ich weiß nicht, was in Jayans Erziehung schiefgelaufen ist, aber er ist zu einem widerwärtigen, grausamen Menschen herangewachsen, den man auf keinen Fall auf einem Thron sehen möchte. Um seine Machtübernahme zu verhindern und sich vor seinen Unterstützern zu schützen, geht Inevera eine weise, hochspannende Allianz ein: sie verbündet sich mit Abban. Ich hatte meine wahre Freude daran, zu erleben, wie dieses tödliche Duo trotz ihrer offensichtlichen Animositäten gemeinsam agiert. Ich finde es interessant, wie kontrastierend Peter V. Brett die Thematik des Überwindens alter Feindseligkeiten in „The Skull Throne“ nutzt. Inevera und Abban, Jardir und Arlen, selbst Leesha und Renna (die ich immer noch nicht mag) finden zu einem überraschenden Waffenstillstand für das höhere Wohl. Was im Kleinen möglich ist, scheitert im großen Rahmen kolossal. Dieser Kontrast potenzierte meine ohnmächtige Wut auf die kleingeistigen Machthaber, die einfach nicht begreifen wollen, was auf dem Spiel steht. Insofern war die Lektüre definitiv einzigartig, denn ich erinnere mich nicht, dass mich ein hervorragender High Fantasy – Roman jemals so zornig stimmte. Ich frage mich, ob Brett diese ungewöhnliche emotionale Resonanz beabsichtigte.

 

Ich erlebte eine sehr seltsame Leseerfahrung mit „The Skull Throne“. Denke ich an die Lektüre zurück, beschleichen mich überwältigende Gefühle von Wut und Negativität. Natürlich gefiel mir dieser vierte Band, denn er ist hochpolitisch, intelligent und illusionslos. Objektiv störten mich maximal kleinere Schönheitsmakel, wie die unausgeglichene Strukturierung, die Leesha meinem Empfinden nach mehr Raum als allen anderen Hauptfiguren zugestand oder eine Szene mit Rojer und seinen Ehefrauen, die mir moralisch fragwürdig erschien. Trotz dessen beeinflussten mich die inhaltlichen Entwicklungen der Geschichte so stark, dass ich zwar gefesselt war, aber keinen richtigen Spaß am Lesen hatte. Es wirkte alles so demoralisierend, besonders angesichts der Ausgangssituation für den finalen Band „The Core“: innerhalb der Völker grassiert weitreichende Uneinigkeit, die Spannungen zwischen ihnen führten zum Krieg und die einzigen, die die Geschlossenheit der Menschheit wiederherstellen könnten, haben sich verkrümelt, um einen selbstmörderischen Plan zu verfolgen. Tja. Keine rosigen Aussichten. Ich kann im Moment kein Potential für das Happy End erkennen, das ich mir wünsche. Ich hoffe, dass es Peter V. Brett gelingt, mich eines Besseren zu belehren. Ich möchte mich positiv an den „Demon Cycle“ erinnern.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/28/peter-v-brett-the-skull-throne

Auster mit Rasierklingen

— feeling bloody
No Dominion  - Charlie Huston

Charlie Huston, Autor der „Joe Pitt“-Romane, wusste früh, dass er seinen vampyrischen Detektiv nicht auf ewig begleiten würde. Obwohl er mit dem Gedanken spielte, die Reihe ohne festgelegten Abschluss zu konzipieren, langweilte ihn die Idee bereits, bevor er mit dem Schreiben begonnen hatte. Nach dem zweiten Band „No Dominion“ beschloss er, dass „Joe Pitt“ überschaubare fünf Bände umfassen sollte. Dadurch musste er harte Entscheidungen für seinen Protagonisten treffen, intensivierte aber auch seine Schreiberfahrung. Mich motiviert die Aussicht auf einen Abschluss, die Reihe konsequenter als bisher zu verfolgen.

 

Eigentlich möchte Joe Pitt nur in Ruhe gelassen werden. Leider ist er als unabhängiger Vampyr in Manhattan gezwungen, Aufträge der konkurrierenden Clans anzunehmen, um seinen Geldbeutel und Blutvorrat aufzustocken. Seit dieser schmutzigen Geschichte mit der Kleinen erlebt Joe allerdings eine Durststrecke. Ihm gehen die Ideen aus, also wendet er sich an seinen alten Freund Terry, Anführer der Society. Terry bietet ihm einen dubiosen Job an. Es kursiert eine neue Droge. Dass es überhaupt einen Stoff gibt, der nicht sofort vom Vyrus aus dem System gespült wird, ist überraschend genug, doch dieses Zeug hat es in sich. Falsch dosiert verwandelt es Vampyre in rasende Berserker. Joe soll herausfinden, wer die Droge herstellt. Bemüht, schnell Antworten zu finden, stößt er bald auf eine Spur. Diese führt tief in die Hood, in das Territorium von DJ Grave Digga. Sieht so aus, als wäre diese Sache deutlich größer, als er angenommen hatte. Aber Joe wäre nicht Joe, würde ihn das davon abhalten, einigen Leuten kräftig auf die Füße zu treten…

 

Joe Pitt ist eine der krassesten Romanfiguren, die ich kenne. Obwohl es über vier Jahre her ist, dass ich den ersten Band „Stadt aus Blut“ (damals noch auf Deutsch) gelesen habe, rangiert er noch immer unter den Top 10. Man muss kein Genie sein, um zu begreifen, dass sich Joe als Antiheld qualifiziert, meiner Ansicht nach ist er jedoch ein ungewöhnlich extremes Exemplar. Charlie Huston versucht gar nicht erst, ihn als Sympathieträger zu verkaufen. Er poträtiert ihn als durchschnittlichen Typen, der von seinem gewalttätigen Umfeld geprägt ist und Konflikte diesem entsprechend löst. Mein Verhältnis zu Joe ist schwierig. Zwar habe ich eine Schwäche für ihn, weil er in meinen Augen der Inbegriff eines verlorenen Jungen ist, den ich gern retten würde, aber er ist auch schroff, destruktiv, abweisend und gibt trotz seiner Rolle als Ich-Erzähler wenig von sich preis. Er ist verschlossen wie eine Auster und mit Rasierklingen gespickt. Ich kam kaum an ihn heran. Er verströmt eine greifbare, einschüchternde Aura der Gewaltbereitschaft, die sich in einigen sehr brutalen Szenen in „No Dominion“ Bahn bricht und die die gesamte Handlung begleitet. Das Gewaltpotential der Geschichte brodelt permanent knapp unter der Oberfläche, was allerdings nicht ausschließlich Joe geschuldet ist. Die angespannte Situation der Clans dominiert das Buch. Im zweiten Band verdeutlicht Charlie Huston, wie sensibel das Patt zwischen ihnen ist; bereits eine Kleinigkeit reicht aus, um das prekäre Gleichgewicht zu stören. Das Auftauchen einer neuen Droge ist nun wahrlich keine Lappalie. Die Droge dient Charlie Huston als Gelegenheit, die Wirkungsweise des Vyrus näher zu beleuchten. Es handelt sich dabei um eine bemerkenswert ausgefuchste parasitäre Lebensform mit sehr spezifischem Verhalten. Es gefiel mir, dass Huston sich nicht auf der etablierten Faktenlage ausruht und seinen wissenschaftlich-pragmatischen Ansatz des Vampyrismus in „No Dominion“ weiterentwickelt, weshalb ich mich gezwungen sah, meine Genre-Zuordnung zu überdenken und die Reihe als Science-Fiction einzustufen. Auf der Suche nach den Verantwortlichen gerät Joe zwischen die Fronten der Clans, wird manipuliert, getäuscht, belogen und muss einsehen, dass er ihrem Netz nicht entkommen kann. Egal, wie sehr er sich anstrengt, als Vampyr in Manhattan kann er nicht unabhängig existieren. Die Clans lassen das nicht zu. Seine Nachforschungen führen ihn erneut in das Revier der Enklave, deren Anführer Daniel ein gesondertes Interesse an Joe hat. Es ist offensichtlich, dass sie eine spezielle Beziehung und eine gemeinsame Vergangenheit haben, aber natürlich offenbart Joe keine Details. Ich verstehe nicht, was zwischen ihnen läuft. Daniel glaubt, es sei Joes Bestimmung, als Teil der Enklave zu leben, zu fasten, das Vyrus nahezu auszuhungern und dadurch eine neue Bewusstseinsebene zu erreichen. Ich finde Daniels spirituelle Herangehensweise an das Vyrus faszinierend, weil sie Hustons rationalem Ansatz einen Hauch übernatürlicher Mystik verleiht. Ist das Vyrus vielleicht doch mehr als ein Parasit? Ist es ein Weg zur Erleuchtung?

 

„No Dominion“ ist kein typischer Vampirroman. Wer auf melancholische Romantik mit spitzen Zähnen, alabasterfarbener Haut und diesem unwiderstehlichen Kitzel der Gefahr hofft: Finger weg von diesem Buch. In der „Joe Pitt“-Reihe spielt Vampyrismus lediglich eine untergeordnete Rolle. Primär handelt sie von blutigen, hässlichen Gangrivalitäten, die das Leben des Protagonisten ungewollt verkomplizieren. Joe definiert sich nicht über seine Existenz als Vampyr. Dieser Typ, der er jetzt ist – der war er schon, bevor er sich infizierte. Durch das Vyrus wurden lediglich die Karten neu gemischt.
Ich mochte die kompromisslose Härte in „No Dominion“ und das komplexe Verhältnis der Clans, das jeder Zeit eskalieren könnte. Meiner Meinung nach muss sich Charlie Huston in den Folgebänden allerdings vorsehen, dass er seinen Protagonisten nicht allzu unnahbar präsentiert. Ich hatte während der Lektüre oft das Gefühl, dass Joe meine Anwesenheit nur widerwillig akzeptierte und deshalb kaum Persönliches preisgab. Diese Ablehnung darf nicht zu weit führen. Von mir aus kann Joe ein gewalttätiger Mistkerl bleiben – aber er darf Hustons Leser_innen nicht ausschließen.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/22/charlie-huston-no-dominion

Nachrichten für die Geschworenen am Frühstückstisch

— feeling haha
Die volle Wahrheit - Terry Pratchett

Sir Terry Pratchett verstarb mit 66 Jahren am 12. März 2015. Sein Vermächtnis ist die „Scheibenwelt“, die ihm schwindelerregende Popularität als Fantasy-Autor verlieh. Das Gesamtwerk umfasst 41 Romane, die in verschiedene Zyklen kategorisiert werden können. Pratchett erwartete von seinen Leser_innen allerdings nie, seine Bücher in einer festgelegten Reihenfolge zu lesen. Die meisten Geschichten sind in sich abgeschlossen und verlangen kein Vorwissen. Deshalb habe ich bereits vor Jahren beschlossen, mich bei der Lektüre der „Scheibenwelt“ nicht an eine spezifische Chronologie zu halten, sondern frei nach Bauchgefühl zu lesen. „Die volle Wahrheit“ ist offiziell der 25. Band, der in meinem Bücherregal zu Hause ist, weil es darin um Pressefreiheit und Journalismus geht.

 

Ein Gerücht hält sich hartnäckig in Ankh-Morpork. Es heißt, die Zwerge könnten Blei in Gold verwandeln. Die neue Innovation der Druckerpresse ermöglicht es ihnen, auf fast magische Weise schnell beliebig viele Kopien eines Schriftstücks anzufertigen. Zufällig landet der junge William de Worde in ihrer Werkstatt, der sein Geld damit verdient, Adlige per Post mit Neuigkeiten aus der Stadt zu versorgen. Aus Versehen stellt er bei einem seiner Besuche die erste Tageszeitung der Scheibenwelt auf die Beine. Kaum gegründet, erhält die Ankh-Morpork-Times auch schon ihre erste Schlagzeile: der Patrizier wird des Mordes angeklagt! William und sein Team ziehen los, um Fragen zu stellen und finden rasch heraus, dass die Fakten nicht zusammenpassen. Es sieht ganz so aus, als wäre der Regent Opfer einer böswilligen Verschwörung geworden. Aber wieso? Wem könnte daran gelegen sein, ihn abzusetzen? Und was noch viel wichtiger ist: wird die Wahrheit überhaupt jemanden interessieren?

 

Ich vergesse oft, dass es sich bei „Scheibenwelt“-Romanen um lupenreine High Fantasy handelt. Irgendwie hat sich Terry Pratchett in meinem Bücherhirn seine eigene Nische geschaffen, weil sich die Geschichten aus der Scheibenwelt einfach nicht wie epische Fantasy anfühlen. Das liegt hauptsächlich daran, dass Pratchett sein kurioses, fantastisches Setting fröhlich nutzte, um Themen unserer Realität satirisch zu diskutieren. „Die volle Wahrheit“ ist seine Analyse der Frage nach Macht und Verantwortung der Medien. Da Ankh-Morpork zum Zeitpunkt der Handlung erst am Beginn der industriellen Revolution steht und die Druckerpresse der Zwerge unter Gunilla Gutenhügel (Gutenhügel, Gutenberg – kapiert?) folglich eine sensationelle Neuheit darstellt, richtete er seinen Fokus ausschließlich auf das Medium Tageszeitung. Eine vollständige Betrachtung hätte sowohl den Rahmen des Buches gesprengt, als auch den Gegebenheiten des Stadtstaates widersprochen. Ich bin aber sicher, dass es als ganzheitliche kritische Auseinandersetzung mit der Medienlandschaft interpretiert werden kann. Die Gründung der Ankh-Morpork-Times ist ein absurder Zufall, ihre Entwicklung ein rasanter, spaßiger Höllenritt, der mich unzählige Male zum Lachen brachte. Ich liebe es, dass Pratchett seine Kritik grundsätzlich in Humor verpackte, sodass sie niemals mahnend, wütend oder bevormundend wirkt, sondern stets ironisch amüsiert. Trotz der unterhaltsamen, schelmischen Mischung dummer und intelligenter Witze bildete er das zwiespältige Verhältnis der Presse mit Politik, Öffentlichkeit, Verwaltungs- und Ordnungsinstanzen sehr realistisch ab. Einerseits sind die Reporter der Times ungeliebte Störenfriede, die unbequeme Fragen stellen; andererseits bieten sie eine willkommene Plattform zur Selbstinszenierung. Pratchett arbeitete glasklar heraus, dass die Wahrheit in der medialen Berichterstattung häufig eher von Meinungen als von Faken geprägt ist, was den Protagonisten und Chefredakteur William de Worde beinahe verzweifeln lässt. Die Figuren in „Die volle Wahrheit“ sind gewohnt skurril und liebenswert, punkten meiner Ansicht nach jedoch besonders durch ihren Wiedererkennungswert aus dem Alltag. Wer kennt sie nicht, den ehrgeizigen Konzernchef, die rasende Reporterin, den eigenwilligen, exzentrischen Politiker oder das sensationslüsterne Konkurrenzblatt, das es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt? Viele Charaktere entsprechen Personenmodellen, die dank Pratchetts gekonnter, persiflierender Abstraktion allerdings keinesfalls austauschbar oder stereotyp erscheinen, stattdessen hervorragend nach Ankh-Morpork passen und somit den für seine Bücher typischen, individuellen Charme entfalten. Etwas ungewöhnlich in „Die volle Wahrheit“ ist hingegen der sparsame Einsatz von Fußnoten. Pratchett ist für seine ausufernden Zwischenbemerkungen berühmt, doch in diesem Roman hielt er sich erstaunlicherweise zurück. Das ist möglicherweise darin begründet, dass ich diesen Band zu einem seiner leichteren Werke zählen würde. Statt abstrakte philosophische oder theologische Theorien beleuchtet er gesellschaftliche Prozesse, die wunderbar für sich selbst sprechen. Eventuell empfand er umfangreiche Kommentare deshalb als überflüssig, was die Aussagekraft der Geschichte jedoch nicht im Geringsten schmälert. „Die volle Wahrheit“ ist ein großartiges Buch, mit dem ich unheimlich viel Freude hatte.

 

Terry Pratchett war ein genialer Autor, dessen satirische Geschichten immer voll ins Schwarze treffen. Er war mehr als ein Witzbold; er war eine Institution, eine Koryphäe im Bereich der humoristischen Fantasy und ein begnadeter Schriftsteller. Ich bedauere zutiefst, dass ihm die Chance genommen wurde, uns weitere Geschichten zu schenken und TOD ihn so früh abholen musste. Er wird schmerzlich vermisst. Glücklicherweise lebt sein brillanter Geist in Büchern wie „Die volle Wahrheit“ weiter. Ich werde nie müde, mit ihm über die Absurditäten unserer Rundwelt zu lachen, die er für seine „Scheibenwelt“ meisterhaft karikierte. Terry Pratchett ist unsterblich. Das ist die volle Wahrheit.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/21/terry-pratchett-die-volle-wahrheit

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