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Wie, ihr mochtet es nicht? O.O

— feeling confident
A Crown for Cold Silver - Alex Marshall

Ich bin ein bisschen irritiert, dass so viele Rezensent_innen von „A Crown for Cold Silver“ davon sprechen, dass der Autor unbekannt sei, weil Alex Marshall ein Pseudonym ist. Es ist zwar korrekt, dass Alex Marshall nicht der wahre Name des Schriftstellers ist, aber es handelt sich um ein weiches Pseudonym. Es ist kein Geheimnis, wer sich dahinter verbirgt: Jesse Bullington. Bevor er die Low Fantasy – Trilogie „The Crimson Empire“ schrieb, veröffentlichte Bullington drei übernatürliche historische Romane. Es ist nicht ungewöhnlich, anlässlich eines Genrewechsels ein Pseudonym zu implementieren. Rätselraten ist also nicht nötig. Alias oder nicht, für mich war der Autor ohnehin nicht ausschlaggebend, als ich entschied, „A Crown for Cold Silver“ zu kaufen. Es war das Rachemotiv.

 

Alt werden stinkt. Von der Frau, die Zosia einst war, ist nicht mehr viel übrig. Fort ist ihre Jugend, dahin ihr kobaltblaues Haar, das ihr den Namen verlieh, unter dem sie jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auf dem Stern kannte. Aber an der Seite ihres Ehemannes Leib war all das in Ordnung. Mit Leib konnte sie ihre düstere Vergangenheit hinter sich lassen – die Rebellion, die Kobalt-Kompanie, ihre Fünf Schurken, sogar die Krone. Sie inszenierte ihren Tod und verschwand in die Anonymität eines kleinen Bergdorfes am Rande des Karmesinroten Königreichs. 20 Jahre ist das nun her. Sie glaubte, Leib und sie wären sicher. Ein furchtbarer Irrtum. Eines Morgens reitet eine Kavallerieeinheit in ihr Dorf und metzelt die gesamte Bevölkerung nieder. Zosia kann als einzige entkommen. Sieht aus, als wäre sie doch noch nicht so ganz vergessen. Fest entschlossen, herauszufinden, wer ihr ans Leder will und für das Massaker verantwortlich ist, sinnt Zosia auf Rache. Es wird Zeit, dass Cold Cobalt von den Toten aufersteht.

 

Abgesehen von der Ratlosigkeit bezüglich der wahren Identität des Autors Alex Marshall irritierten mich die Rezensionen zu „A Crown for Cold Silver“ aus einem weiteren Grund: der Trilogieauftakt kam bei anderen Leser_innen weniger gut an, als ich erwartet hatte. Ich mochte das Buch sehr und war völlig von den Socken, als ich herausfand, dass ich die Geschichte und besonders die Charaktere komplett anders wahrgenommen hatte. Ich verstehe gar nicht, wie es möglich ist, dass unsere Meinungen so weit auseinandergehen. Ich kann ihnen lediglich darin zustimmen, dass sich „A Crown for Cold Silver“ zieht. Ja, es ist langatmig und erfordert Geduld, aber da es sich um den Beginn eines Dreiteilers handelt, kann ich Alex Marshall das gemächliche Tempo verzeihen. Dadurch erhielt ich viel Zeit, um eine Bindung zu den zahlreichen Figuren aufzubauen, was mir im Gegensatz zu anderen Rezensent_innen mühelos gelang. Ich fand sie glaubhaft, faszinierend und liebenswürdig, von den prominenten Akteuren bis zum letzten Statisten. Die zentrale Antiheldin Zosia eroberte mein Herz im Sturm. Ich verfiel ihrem spröden Charme im Handumdrehen und konnte mir problemlos vorstellen, dass diese eindrucksvolle Frau 20 Jahre zuvor eine Revolutionsarmee anführte. Es gefiel mir, dass so viele Figuren nicht mehr jung sind, weil ich mich an der latenten Altersdiskriminierung in der Fantasy störe. Ebenso freute mich, dass Alex Marshall ein beeindruckend emanzipiertes Frauenbild vermittelt. Starke weibliche Charaktere sind in „A Crown for Cold Silver“ die Regel, nicht die Ausnahme und ein Geschlechterkonflikt war für mich überhaupt nicht erkennbar. Zosia ist in den mittleren Jahren und blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Unterstützt von der Kobalt-Kompanie und ihren fünf engsten Gefährten, den Fünf Schurken, putschte sie sich auf den Thron des Karmesinroten Königreichs. Der Realität des Regierens hielten ihre Träume von einer gerechten Zukunft jedoch leider nicht stand. Enttäuscht gab sie auf, fingierte ihren eigenen Tod und lief davon. Ich fand diese Hintergrundgeschichte sehr originell, weil Revolutionen in High und Low Fantasy meist positiv konnotiert sind. Selten wird illustriert, wie schwierig der Weg zur Gerechtigkeit ist und noch seltener ist Scheitern eine reelle Option. Als Zosia nach dem Massaker ihr Dorf verlässt, muss sie feststellen, dass sich die Lage im Königreich seit ihrem „Tod“ nicht verbessert hat. Die aktuelle Königin Indsorith und die Kirche der Burnished Chain konkurrieren erbittert miteinander, worunter das einfache Volk natürlich zu leiden hat. Dieser Konflikt bildet die Basis der Trilogie. Es geht allerdings um deutlich mehr als politisches Gerangel und Zosias privaten Rachefeldzug, denn die Chain entpuppt sich als gefährlich fanatische Institution, die mit dunklen Mächten kokettiert, um eine Neuordnung der Welt zu erzwingen. Dennoch eignet sich selbstverständlich niemand besser, sie aufzuhalten, als die in die Jahre gekommene Ex-Generalin auf mörderischer Mission.

 

Es tut mir leid, dass „A Crown for Cold Silver” einige Leser_innen nicht begeistern konnte. Ich verstehe ihre Kritik, kann mich dieser aber nur begrenzt anschließen. Ich fand den Trilogieauftakt toll. Die Geschichte hat es in sich, nichts ist, wie es scheint und alle Figuren verfolgen eigene Ziele und Pläne, was ich als äußerst spannend empfand. Außerdem ist das Buch einfach witzig. Alex Marshall beweist einen beiläufigen, subtilen Sinn für Humor, der immer wieder hervorblitzt, ohne die Ernsthaftigkeit der Handlung zu untergraben oder sie ins Lächerliche zu ziehen. Low Fantasy muss nicht zwangsläufig grimmig oder düster sein, sie darf die Leser_innen durchaus zum Lachen bringen. Mir hat die Lektüre deshalb viel Spaß bereitet und ich freue mich auf die Folgebände. Es gibt noch so viel, was ich wissen möchte! Warum gründete Zosia einst die Kobalt-Kompanie? Wie lernte sie ihre Fünf Schurken kennen? Wie genau soll die neue Weltordnung der Burnished Chain aussehen? Ich fand „A Crown for Cold Silver“ wirklich vielversprechend – schade, dass es nicht allen anderen Leser_innen ebenso erging.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/17/alex-marshall-a-crown-for-cold-silver

Jugendliteratur, verkleidet als Buch für Erwachsene

— feeling cold
The Wolves of Winter - Tyrell Johnson

Autor_innen müssen ehrlich zu sich selbst sein. Die eigene Arbeit realistisch einschätzen zu können, ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um schriftstellerisch erfolgreich zu sein. Tyrell Johnsons Debütroman „The Wolves of Winter“ ist das Ergebnis einer aufrichtigen Bewertung seiner Fähigkeiten. Obwohl Johnson mit Fantasy-Literatur aufwuchs und diese liebt, wusste er, als Autor würde er in diesem Genre stets nur durchschnittlich sein. Sein Stil, seine Stimme verlangten nach einem modernen Setting. Er entschied, seine Kreativität in postapokalyptischer Science-Fiction auszuleben, die ihm ebenso erlaubte, eine eigene Welt zu erschaffen. Mit „The Wolves of Winter“ führt er seine Leser_innen in eine Zukunft, in der menschliches Überleben nur in den ungastlichen Gegenden der Erde möglich ist.

 

Schließt Lynn McBride die Augen, fantasiert sie von Wärme, von einer Welt ohne Eis und Schnee. Öffnet sie ihre Augen wieder, begrüßt sie die winterlich harsche Wirklichkeit des kanadischen Yukon. In den Jahren, seit eine verheerende Grippepandemie ihre Familie in den Norden trieb, entwickelte sich Lynn zu einer taffen Überlebenskünstlerin. Ihr verstorbener Vater wäre stolz auf sie. Sie lernte, zu jagen und ihre kleine Siedlung zu ernähren. Sie lernte, sich zu behaupten. Doch als ihr eines Tages in der Wildnis der undurchsichtige Jax begegnet, muss sie all ihr Können aufwenden, um ihre Familie zu beschützen. Denn Jax bewahrt ein furchtbares Geheimnis, das sie alle in Gefahr bringt. Er weiß etwas, dass die ehemalige Regierungsbehörde Immunity um jeden Preis geheim halten will und das Lynns Leben für immer verändern wird…

 

Ich möchte ebenso ehrlich wie Tyrell Johnson sein. Ich habe überhaupt keine Lust, diese Rezension zu schreiben. Ich mochte „The Wolves of Winter“ nicht und die Gründe dafür sind so typisch für das Genre, dass ich unmotiviert bin, sie aufzuzählen. Da ich mich als Buchbloggerin euch gegenüber allerdings verpflichtet fühle, kneife ich jetzt meinen Gluteus Maximus zusammen und beiße mich durch.
„The Wolves of Winter“ fokussiert die 23-jährige Lynn McBride, die mit ihrer Familie im kanadischen Yukon lebt, seit die Welt den Bach runterging. Johnsons Katastrophenszenario ist klassisch: ein Angriff auf das Pentagon, Krieg, die globale Ausbreitung der Grippe, Zusammenbruch der Zivilisation. Diese Variante ist vielleicht etwas uninspiriert, aber vorstellbar und mir gefiel es, dass die Menschheit von einer scheinbar banalen Krankheit in die Knie gezwungen wurde. Da die Viren Kälte nicht vertragen, zogen die McBrides nach Norden und errichteten mitten in der Wildnis eine winzige Siedlung. Die Familie besteht aus der Ich-Erzählerin Lynn, ihrem älteren Bruder Ken, ihrer Mutter, ihrem Onkel Jeryl und dessen Ziehsohn Ramsey. Körperlich abwesend und dennoch präsent ist Lynns verstorbener Vater, den sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Himmel lobt. Alle paar Seiten durfte ich mir anhören, wie toll er doch war, was mich ziemlich nervte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter und ihrem Bruder erschien dagegen lächerlich blass. Ihre Beziehung zu Jeryl ist deutlich intensiver – keine Überraschung, schließlich ist er der einzige Kandidat für einen Vaterersatz. Ihre Fixierung auf männliche Bezugspersonen überzeugte Lynn, dass Weiblichkeit und Gefühle Schwäche bedeuten. Trotz ihres Alters ist sie eine Heldin, wie man sie häufig in Young Adult – Literatur findet: ultrataff, distanziert, arrogant, bissig und unsympathisch. Sie ist nicht mal zu Tieren nett. Meist ist sie allein in der verschneiten Wildnis unterwegs, weshalb ich oft das Gefühl hatte, eine langweilige Survival-Doku zu lesen, ungeachtet der eindrucksvollen Naturbeschreibungen. Ich fand Lynn übertrieben maskulin und fragte mich, wieso Tyrell Johnson überhaupt eine weibliche Hauptfigur wählte. Natürlich eröffnete sich ihm so ein billiger Weg, seinen Leser_innen den Charakter seiner postapokalyptischen Welt zu vermitteln. „The Wolves of Winter“ enthält zwei Vergewaltigungsszenen (ohne Penetration), die illustrieren sollen, wie hart Lynns Realität ist. Noch einmal zum Mitschreiben: niemals sollten Autor_innen ihren Figuren so etwas antun, nur um zu beweisen, wie schrecklich die Welt ist, in der sie leben, besonders nicht, wenn – wie in diesem Fall – der Täter völlig irrelevant für die Geschichte ist. Tyrell Johnson nutzt die Vergewaltigungen, um Lynns Misstrauen erst gegenüber Jax, später gegenüber Immunity zu rechtfertigen. Immunity, eine ehemalige Seuchenschutzbehörde, inszeniert er als Bösewicht, was sich mir bis zum Ende nicht ganz erschloss. Ihre Methoden sind brutal und aggressiv, entsprechen jedoch der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Lynns Zweifel an ihren Absichten empfand ich angesichts ihres Wissensstandes als haltlos und unbegründet. Sie zieht nicht einmal in Betracht, mit ihnen zusammenzuarbeiten, obwohl sie nach einem Heilmittel für die Grippe forschen. Lieber riskiert sie für einen dubiosen Typen, den sie erst kurz kennt, ihr Leben. Es geht ja nur um die Zukunft der Menschheit.

 

„The Wolves of Winter“ ist ein verkleideter Young Adult – Roman, der sich als Buch für Erwachsene ausgibt. Es spielt keine Rolle, dass die Protagonistin Lynn zu alt für diese Kategorisierung ist, die inhaltlichen Abläufe erinnerten mich unverwechselbar an Jugendliteratur. Leider schließt das die üblichen Mängel ein, die ich schon so oft kritisieren musste: Logiklöcher, eine übertrieben harte Heldin und unmotivierte Gewalt gegenüber den Figuren. Das Schlimme daran ist, dass all diese Punkte nicht nur meiner Fantasie entspringen; ich habe mehrere Interviews mit Tyrell Johnson gelesen, die sie bestätigen, obwohl er diese Aspekte natürlich nicht als Defizite auffasst. Johnson erwähnte außerdem, dass er eventuell eine Fortsetzung schreiben möchte. Von mir aus darf „The Wolves of Winter“ gern ein Einzelband bleiben. Ich würde einen Folgeband ohnehin nicht lesen.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/16/tyrell-johnson-the-wolves-of-winter

Hätte man Claude Monet gesagt, seine Gemälde sind zu kompliziert?

— feeling amazing
Tod eines Gottes - Tim Straetmann, Steven Erikson

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Die Stadt des blauen Feuers“ als auch „Tod eines Gottes“. Im Original erschien der achte Band unter dem Titel "Toll the Hounds", für den deutschen Markt wurde dieser geteilt. +++

 

Nach der Zerstörung Mondbruts fanden die Tiste Andii in Schwarz-Korall eine neue Heimat. Sie hüllten die Stadt in ewige Nacht, eine Reminiszenz an Kurald Galain. Doch Mutter Dunkel ist noch immer taub für die Nöte ihrer Kinder. Vor den Toren Schwarz-Koralls entstand der Kult des Erlösers: aus ganz Genabackis pilgern Menschen zum Grabhügel des gefallenen Schild-Amboss Itkovian und bitten um seinen Segen. Der Erlöser stellt keine Ansprüche. Er schließt ausnahmslos jede Seele in seine Arme. Er ist wehrlos, verletzlich gegenüber denjenigen, die seinen Kult zu missbrauchen gedenken. Denn Itkovian ist nicht der einzige Aufgestiegene, dessen Einfluss in Schwarz-Korall spürbar ist. Aus den Tiefen des Chaos steigt der Sterbende Gott empor, der süßes Vergessen verspricht. Seine Anhänger_innen planen, den Erlöser zu überwältigen und Schwarz-Korall zu übernehmen. Mehr denn je brauchen die Andii die Führung ihres Lords Anomander Rake, dieser schaut jedoch sorgenvoll nach Darujhistan.
In der Stadt des blauen Feuers kündigt sich eine gewaltige Konvergenz an. Reisende nähern sich der Metropole, Schlitzer kehrt in Begleitung seiner Gefährten zurück in die Straßen seiner Jugend, malazanische Veteran_innen und die Assassinengilde liefern sich blutige Scharmützel, das Azath-Haus speit Totgeglaubte aus und in der Ferne ist das Geheul furchteinflößender Hunde zu hören. Darujhistan ist in Aufruhr. Leben und Tod tanzen Hand in Hand und noch immer giert der Verkrüppelte Gott nach jedem Fetzen Macht, dem er habhaft werden kann. Im Schatten der Konvergenz richtet er seinen Blick auf das verfluchte Schwert Dragnipur, dessen schwarzes Herz tausende Seelen knechtet. Sein Träger ist Anomander Rake und so obliegt es dem Sohn der Dunkelheit, Schwarz-Korall und Darujhistan gleichermaßen vor dem Gift zweier wahnsinniger Götter zu bewahren. Ein Gott muss sterben, damit ein anderer aufgehalten werden kann.

 

Ich bin während der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ widerwillig zu einer Einsicht gelangt: ich schaffe es nicht mehr, eigenständig alle Handlungsstränge, Figuren und Entwicklungen in „Das Spiel der Götter“ von Steven Erikson auseinanderzuhalten. Ich glaube, wäre es mir vergönnt, die Reihe hintereinanderweg zu lesen, fiele es mir deutlich leichter, den komplexen Inhalt in meinem Gedächtnis zu strukturieren, doch da der Verlag blanvalet mit der Veröffentlichung der letzten Bände nicht hinterherkommt, besteht diese Möglichkeit nicht. Ich muss langsam lesen und hilflos zuschauen, wie Teile des gewaltigen Epos in meiner Erinnerung verblassen.

 

Zwischen der Lektüre des siebten Doppelbandes „Der Goldene Herrscher“ und „Im Sturm des Verderbens“ und der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ verging ein Jahr. Das war definitiv zu lang. Ich hatte immense Schwierigkeiten, mich zu orientieren und in die Handlung zu finden, die mich nach dem Ausflug in das Königreich Lether zurück nach Genabackis führte. Anfangs schämte ich mich sehr für meine Gedächtnislücken und scheute mich, mir einzugestehen, dass ich allein kein Land sehen würde. Irgendwann wurde mir glücklicherweise jedoch bewusst, wie albern ich mich verhielt. Wollte ich zulassen, dass mein unangebrachter Stolz meine Leseerfahrung überschattete? Nein. Ich zog einige der von Fans erstellten Wikis zu Rate und half meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Ab diesem Zeitpunkt lief die Lektüre wesentlich besser, weil ich nicht länger mit dem diffusen Gefühl kämpfte, entscheidende Details vergessen zu haben. Es ist keine Schande, sich nicht alle Puzzleteile von „Das Spiel der Götter“ merken zu können und vielleicht war es sogar vorprogrammiert, weil die Reihe an Komplexität kaum zu übertreffen ist. Dafür gibt es die Wikis. Anderen Leser_innen kann ich deshalb nur empfehlen, diese Krücke sofort zu nutzen. Stellt ihr fest, dass euer Gedächtnis euch im Stich lässt, zögert nicht, nachzuschlagen, was ihr nicht mehr wisst. Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass die Lektüre viel mehr Spaß macht, wenn man sich nicht ständig fragt, ob man dieses oder jenes Detail nun eigentlich wissen sollte oder nicht.

 

Gleich zu Beginn von „Die Stadt des blauen Feuers“ nimmt Steven Erikson eine Veränderung der Erzählsituation vor. In diesem Doppelband ist es nicht der Autor, dem die Leser_innen lauschen. Er leiht seine Stimme einer populären Figur seines Epos: Kruppe. Der nimmersatte dicke kleine Mann ist ein exzentrischer Charakter, dessen spezieller Erzählstil unverkennbar ist, obwohl Erikson ihn an der kurzen Leine hält. Er lässt ihn nur gelegentlich abschweifen und schwadronieren. Für mich besteht kein Zweifel, dass Kruppe als Chronist dieses Bandes eine hervorragende Wahl war. Niemand eignet sich besser, um der außergewöhnlichen Konzeption der Geschichte Leben einzuhauchen. „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ involvieren erneut zahlreiche Perspektivwechsel. Ich freute mich über das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Karsa Orlong, Schlitzer aka Crokus Junghand, Rallik und Torvald Nom, Anomander Rake, Kallor, den Malazanern Tippa, Blend und Fahrig und vielen weiteren Figuren, die ich ins Herz schloss, doch die heimlichen Stars der Handlung sind dieses Mal unscheinbar wirkende Nebenfiguren, deren Leben in faszinierender Wechselwirkung mit den prominenten Charakteren der Reihe stehen. Immer wieder kehrt Erikson zu ihnen zurück und begleitet sie durch Momentaufnahmen ihres Alltags, wodurch sie sich schnell als unerkannte Bindeglieder qualifizieren, deren Rollen unverzichtbar für den inhaltlichen Verlauf sind. Sie sind das Rückgrat der Geschichte, der rote Faden. Ich liebe es, wie viel Respekt Erikson seinen Figuren dadurch ausdrückt. Kein Leben ist unwichtig, jedes hat seine Daseinsberechtigung und aus der Perspektive des Schicksals, die er so gern einnimmt, eben auch eine Aufgabe.

Zusätzlich erwartet die Leser_innen eine grobe inhaltliche Strukturierung nach Kapiteln. Darujhistan und Schwarz-Korall dienen als zentrale Schauplätze, die abwechselnd im Fokus stehen.


Die Rückkehr nach Darujhistan empfand ich als bedeutungsvoll, weil dort mit „Die Gärten des Mondes“ alles begann. Trotz meiner Mutmaßung, dass sich „Das Spiel der Götter“ in Lether entscheiden könnte, nehme ich an, dass das Epos in Darujhistan enden wird. Ein Abschluss, der den Kreis schließt, passt einfach zu Steven Erikson.

Schwarz-Korall ist die neue Heimat der Tiste Andii. In der Stadt, die einst zur Domäne des Pannionischen Sehers gehörte, herrscht ewige Nacht, eine vollkommene Dunkelheit, die Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermag und eine Manifestation des Gewirrs Kurald Galain darstellt. Ich konnte mich mit diesem Bild nicht so recht anfreunden. Es fällt mir noch immer schwer, Dunkelheit als Perfektion zu begreifen und sie nicht negativ zu interpretieren.


Steven Erikson beweist durch die Historie der Andii erneut sein Talent für die exquisite, tragische Schönheit von Leid. Die Begegnung mit dem Magier Endest Silann, ein Vertrauter von Anomander Rake, lehrte mich, wie sehr die Andii seit Jahrtausenden unter der Abwesenheit ihrer Göttin Mutter Dunkel leiden. Ihre Ablehnung ist eine schwärende Wunde im kollektiven Bewusstsein des Volkes. Die Andii sind Waisen. Ihr Schmerz ist keineswegs rein spiritueller Natur, er ist greifbar und real. Ihre Welt, ihre gesamte Kultur steht still, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, während ihr Körper gezwungen ist, weiterzuleben. Wenn sie sterben, finden ihre Seelen keine Ruhe, keinen Frieden, weil dort niemand ist, der sie aufnimmt. Sie verpuffen im Äther und warten im Nichts. Diese Aussicht finde ich zutiefst beängstigend und entmutigend. Sie zahlten einen sehr hohen Preis für den Wunsch ihres Lords nach Veränderung. Anomander Rake beendete den blutigen Bürgerkrieg ihres Volkes, doch indem er sie einte, verärgerte er Mutter Dunkel und verstümmelte die Identität der Andii. Er ist ihre einzige noch existierende Verbindung zu Kurald Galain, was erklärt, wieso sie ihn trotz seiner Entscheidungen verehren. Meiner Ansicht nach haben die Andii viel mit den T’lan Imass gemein, die ebenso verloren waren, bis ein Ritual die Ketten ihrer Unsterblichkeit sprengte. Ich hoffe, dass Erikson auch ihrem Volk irgendwann Erlösung schenkt.

 

Das Motiv der Erlösung spielt im achten Band von „Das Spiel der Götter“ eine essenzielle Rolle. Vor den Toren Schwarz-Koralls sammeln sich die Gläubigen des Kults des Erlösers. Er ist kein Unbekannter – als er noch am Leben war, hörte er auf den Namen Itkovian und war der Schild-Amboss der Grauen Schwerter. Es wundert mich überhaupt nicht, dass Itkovian mit seinem Tod aufstieg. Sein Opfer als Schild-Amboss rührte mich damals zu Tränen, warum sollte er nicht auch die Figuren in Eriksons Universum anziehen? Dieses Opfer bestimmt seinen Charakter als Aufgestiegener. Der Erlöser richtet nicht. Er lehnt niemanden ab, schickt niemanden fort, nicht einmal diejenigen, deren Absichten böswillig sind. Er kann sich nicht verteidigen, weil Aggression nicht seiner Natur entspricht. Er erduldet. Deshalb ist er den Angriffen des Sterbenden Gottes ausgeliefert. Ich dachte ursprünglich, „der Sterbende Gott“ sei lediglich ein weiterer Titel des Verkrüppelten Gottes. Es dauerte, bis ich begriff, dass es sich um zwei Entitäten handelt, die ihren Anhänger_innen unterschiedliche Wege zur Erlösung anbieten. Getrieben von Rachegelüsten deklariert der Verkrüppelte Gott Leiden als Pforte zum Seelenheil; der Sterbende Gott hingegen verspricht totale Selbstaufgabe. Schwer zu sagen, was nun schlimmer ist. Indem er die beiden Gottheiten gegenüberstellt, untersucht Erikson divergierende Formen von Fanatismus, die zwar verschiedene Bedürfnisse in den Gläubigen erfüllen, sich in ihrem grundsätzlichen Egoismus jedoch stark ähneln. Persönlich halte ich den Sterbenden Gott für das kleinere Übel, weil seine Pläne, den Erlöser als Hülle zu übernehmen, um seinen eigenen Verfall aufzuhalten, im Vergleich zu den gewaltigen Manipulationen und Intrigen des Verkrüppelten Gottes beinahe kleingeistig wirken. Sein Status als ultimativer Erzfeind der Reihe bleibt unangetastet und unbestritten.

 

Die Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ hielt für mich außerdem eine bahnbrechende Erkenntnis bereit. Mir wurde bewusst, dass alle Ereignisse in „Das Spiel der Götter“, inklusive des Feldzugs des Verkrüppelten Gottes, auf eine einzige Person zurückzuführen sind. Alles, was ich bisher erleben durfte, nahm seinen Anfang mit Kallor. Vermutlich hätte ich das schon weitaus früher schnallen können, aber irgendwie ging diese Information wohl an mir vorbei. Ich war von dieser Offenbarung aus zwei Gründen verblüfft: erstens hatte ich angenommen, dass ich erst ganz am Ende des Epos erfahren würde, weshalb der Verkrüppelte Gott nach Rache sinnt und zweitens habe ich mit einer wesentlich komplizierteren Antwort gerechnet. Der Verkrüppelte Gott, der auch der Angekettete genannt wird, lechzt danach, sich für das zu rächen, was ihm vor Jahrtausenden angetan wurde. Was ihm angetan wurde, geschah, um Kallor zu stoppen. Kallor ist der Archetyp des bösen Königs; er könnte im Grunde sogar eine Märchenfigur sein. Da Steven Erikson jedoch alles andere als ein gutmütiger Märchenonkel ist und er eine Vorliebe für ambivalente Grautöne hat, charakterisierte er Kallor komplex, widersprüchlich und erstaunlich menschlich. Kallor wurde verflucht. Er ist verdammt, auf ewig ein sterbliches Leben zu führen, niemals aufzusteigen und in all seinen Bestrebungen nach Macht zu scheitern. Deprimierend, nicht wahr? Ich möchte nicht behaupten, dass Kallor diesen Fluch nicht verdient hätte. Er ist ein grausamer, gewissenloser Mann, der Loyalität nur für sich selbst empfindet. Ich mag ihn nicht mal besonders, denn er tötete eine meiner Lieblingsfiguren. Trotz dessen weckte seine tragische Existenz mein Mitgefühl. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal. Der Fluch raubte Kallor vieles, vor allem allerdings die Möglichkeit, aufzugeben. Kallor hat keine andere Wahl, als einfach immer weiterzumachen, obwohl er weiß, dass er versagen wird. Was wäre die Alternative? Er kann nicht sterben, soll er also den Kopf in den Sand stecken und seinen Alterungsprozess abwarten, bis er sich nicht mehr bewegen kann? Keine gute Option. Nein, ich kann verstehen, dass Kallor munter weiterhin seine Ziele verfolgt und den Fluch meist schlicht ignoriert. Dennoch versäumt es Erikson nicht, anzudeuten, dass er leidet. Kallor ist eine Variante des Sisyphos.

 

Da Kallor sich mit Freuden in die Entwicklungen von „Das Spiel der Götter“ einmischt, hat er selbstverständlich auch seinen Platz im großen Showdown des achten Bandes in „Tod eines Gottes“. Dieser ist die Klimax eines haarsträubend vielschichtigen Plans, der sowohl den Sterbenden als auch den Verkrüppelten Gott in ihre Schranken weisen soll und – soweit ich es verstanden habe – aus der Feder von Anomander Rake stammt. Ich war zutiefst beeindruckt von seiner Strategie, deren Gelingen primär vom Timing zahlloser Faktoren abhing. Ich denke, mehr als seine schwarze Haut, mehr als seine Fähigkeiten und sein Alter war es die Konzeption dieses Plans, die mir vergegenwärtigte, dass er kein Mensch ist. Kein Mensch hätte sich das ausdenken können. Rakes Geist übertrifft die Prozessleistung eines sterblichen Hirns um ein Vielfaches. Ich bewundere ihn und staunte mit offenem Mund, als am Ende von „Tod eines Gottes“ wieder einmal Zahnrad um Zahnrad ineinander klickte. Der achte Band ist wie bereits die Vorgängerbände eine epische Symphonie, deren Absicht sich ganz zum Schluss offenbart. Leider wurde die Geschichte auch erst mit diesem Showdown richtig spannend. Vorher las sich der Doppelband durchaus etwas schwerfällig, weil das Taktieren der verschiedenen Fraktionen im Vordergrund steht. Langweilig ist „Das Spiel der Götter“ nie, doch die Vorbereitungen des aufregenden Abschlusses wiesen wenig Action und dafür reichlich tiefgründige Gespräche und philosophische Überlegungen zu den Themen Leiden und Erlösung auf. Die Lektüre war anstrengend und wurde selten aufgelockert.

 

Ich habe lange über die Verschlungenheit dieses Bandes nachgedacht, um herauszufinden, wieso mich die Komplexität der Reihe weder schreckt noch stört. Oft genug habe ich anderen Autor_innen vorgeworfen, dass sie die inhaltlichen Ziele ihrer Geschichten auch einfacher hätten erreichen können. Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass ich nicht wüsste, wie Steven Erikson auf all die Verwicklungen hätte verzichten sollen, ohne Abstriche zu machen. „Das Spiel der Götter“ kann nicht anders erzählt werden. Vielleicht könnte es gradliniger sein, doch dann wäre es nicht mehr brillant. Das Genie dieses Epos entsteht durch die unzähligen winzigen Details, die nur zusammen das Gesamtbild erschaffen können. Keine Figur, keine Szene ist irrelevant; alles hat Bedeutung für das große Ganze, was man erst erkennt, wenn man genau hinsieht und die Kausalketten zurückverfolgt. Meiner Meinung nach hilft es, sich „Das Spiel der Götter“ als impressionistisches Gemälde vorzustellen. Steht man direkt davor, sind die fleckig, punktartig angeordneten Farben sichtbar. Betrachtet man es hingegen aus einiger Entfernung, vermischen sich die Farben und enthüllen ihre Wirkung und Atmosphäre. Dieser Vergleich erklärt meinem Empfinden nach exakt, warum diese High Fantasy – Reihe von ihrem komplexen Detailreichtum lebt und sich jede Kritik in diese Richtung erübrigt. Claude Monet würde schließlich auch niemand sagen, er hätte seine Meisterwerke mit durchgängigen Pinselstrichen einfacher fertigstellen können.

Hätte man Claude Monet gesagt, seine Gemälde sind zu kompliziert?

— feeling sweat
Die Stadt des blauen Feuers - Steven Erikson

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Die Stadt des blauen Feuers“ als auch „Tod eines Gottes“. Im Original erschien der achte Band unter dem Titel "Toll the Hounds", für den deutschen Markt wurde dieser geteilt. +++

 

Nach der Zerstörung Mondbruts fanden die Tiste Andii in Schwarz-Korall eine neue Heimat. Sie hüllten die Stadt in ewige Nacht, eine Reminiszenz an Kurald Galain. Doch Mutter Dunkel ist noch immer taub für die Nöte ihrer Kinder. Vor den Toren Schwarz-Koralls entstand der Kult des Erlösers: aus ganz Genabackis pilgern Menschen zum Grabhügel des gefallenen Schild-Amboss Itkovian und bitten um seinen Segen. Der Erlöser stellt keine Ansprüche. Er schließt ausnahmslos jede Seele in seine Arme. Er ist wehrlos, verletzlich gegenüber denjenigen, die seinen Kult zu missbrauchen gedenken. Denn Itkovian ist nicht der einzige Aufgestiegene, dessen Einfluss in Schwarz-Korall spürbar ist. Aus den Tiefen des Chaos steigt der Sterbende Gott empor, der süßes Vergessen verspricht. Seine Anhänger_innen planen, den Erlöser zu überwältigen und Schwarz-Korall zu übernehmen. Mehr denn je brauchen die Andii die Führung ihres Lords Anomander Rake, dieser schaut jedoch sorgenvoll nach Darujhistan.
In der Stadt des blauen Feuers kündigt sich eine gewaltige Konvergenz an. Reisende nähern sich der Metropole, Schlitzer kehrt in Begleitung seiner Gefährten zurück in die Straßen seiner Jugend, malazanische Veteran_innen und die Assassinengilde liefern sich blutige Scharmützel, das Azath-Haus speit Totgeglaubte aus und in der Ferne ist das Geheul furchteinflößender Hunde zu hören. Darujhistan ist in Aufruhr. Leben und Tod tanzen Hand in Hand und noch immer giert der Verkrüppelte Gott nach jedem Fetzen Macht, dem er habhaft werden kann. Im Schatten der Konvergenz richtet er seinen Blick auf das verfluchte Schwert Dragnipur, dessen schwarzes Herz tausende Seelen knechtet. Sein Träger ist Anomander Rake und so obliegt es dem Sohn der Dunkelheit, Schwarz-Korall und Darujhistan gleichermaßen vor dem Gift zweier wahnsinniger Götter zu bewahren. Ein Gott muss sterben, damit ein anderer aufgehalten werden kann.

 

Ich bin während der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ widerwillig zu einer Einsicht gelangt: ich schaffe es nicht mehr, eigenständig alle Handlungsstränge, Figuren und Entwicklungen in „Das Spiel der Götter“ von Steven Erikson auseinanderzuhalten. Ich glaube, wäre es mir vergönnt, die Reihe hintereinanderweg zu lesen, fiele es mir deutlich leichter, den komplexen Inhalt in meinem Gedächtnis zu strukturieren, doch da der Verlag blanvalet mit der Veröffentlichung der letzten Bände nicht hinterherkommt, besteht diese Möglichkeit nicht. Ich muss langsam lesen und hilflos zuschauen, wie Teile des gewaltigen Epos in meiner Erinnerung verblassen.

 

Zwischen der Lektüre des siebten Doppelbandes „Der Goldene Herrscher“ und „Im Sturm des Verderbens“ und der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ verging ein Jahr. Das war definitiv zu lang. Ich hatte immense Schwierigkeiten, mich zu orientieren und in die Handlung zu finden, die mich nach dem Ausflug in das Königreich Lether zurück nach Genabackis führte. Anfangs schämte ich mich sehr für meine Gedächtnislücken und scheute mich, mir einzugestehen, dass ich allein kein Land sehen würde. Irgendwann wurde mir glücklicherweise jedoch bewusst, wie albern ich mich verhielt. Wollte ich zulassen, dass mein unangebrachter Stolz meine Leseerfahrung überschattete? Nein. Ich zog einige der von Fans erstellten Wikis zu Rate und half meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Ab diesem Zeitpunkt lief die Lektüre wesentlich besser, weil ich nicht länger mit dem diffusen Gefühl kämpfte, entscheidende Details vergessen zu haben. Es ist keine Schande, sich nicht alle Puzzleteile von „Das Spiel der Götter“ merken zu können und vielleicht war es sogar vorprogrammiert, weil die Reihe an Komplexität kaum zu übertreffen ist. Dafür gibt es die Wikis. Anderen Leser_innen kann ich deshalb nur empfehlen, diese Krücke sofort zu nutzen. Stellt ihr fest, dass euer Gedächtnis euch im Stich lässt, zögert nicht, nachzuschlagen, was ihr nicht mehr wisst. Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass die Lektüre viel mehr Spaß macht, wenn man sich nicht ständig fragt, ob man dieses oder jenes Detail nun eigentlich wissen sollte oder nicht.

 

Gleich zu Beginn von „Die Stadt des blauen Feuers“ nimmt Steven Erikson eine Veränderung der Erzählsituation vor. In diesem Doppelband ist es nicht der Autor, dem die Leser_innen lauschen. Er leiht seine Stimme einer populären Figur seines Epos: Kruppe. Der nimmersatte dicke kleine Mann ist ein exzentrischer Charakter, dessen spezieller Erzählstil unverkennbar ist, obwohl Erikson ihn an der kurzen Leine hält. Er lässt ihn nur gelegentlich abschweifen und schwadronieren. Für mich besteht kein Zweifel, dass Kruppe als Chronist dieses Bandes eine hervorragende Wahl war. Niemand eignet sich besser, um der außergewöhnlichen Konzeption der Geschichte Leben einzuhauchen. „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ involvieren erneut zahlreiche Perspektivwechsel. Ich freute mich über das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Karsa Orlong, Schlitzer aka Crokus Junghand, Rallik und Torvald Nom, Anomander Rake, Kallor, den Malazanern Tippa, Blend und Fahrig und vielen weiteren Figuren, die ich ins Herz schloss, doch die heimlichen Stars der Handlung sind dieses Mal unscheinbar wirkende Nebenfiguren, deren Leben in faszinierender Wechselwirkung mit den prominenten Charakteren der Reihe stehen. Immer wieder kehrt Erikson zu ihnen zurück und begleitet sie durch Momentaufnahmen ihres Alltags, wodurch sie sich schnell als unerkannte Bindeglieder qualifizieren, deren Rollen unverzichtbar für den inhaltlichen Verlauf sind. Sie sind das Rückgrat der Geschichte, der rote Faden. Ich liebe es, wie viel Respekt Erikson seinen Figuren dadurch ausdrückt. Kein Leben ist unwichtig, jedes hat seine Daseinsberechtigung und aus der Perspektive des Schicksals, die er so gern einnimmt, eben auch eine Aufgabe.

Zusätzlich erwartet die Leser_innen eine grobe inhaltliche Strukturierung nach Kapiteln. Darujhistan und Schwarz-Korall dienen als zentrale Schauplätze, die abwechselnd im Fokus stehen.


Die Rückkehr nach Darujhistan empfand ich als bedeutungsvoll, weil dort mit „Die Gärten des Mondes“ alles begann. Trotz meiner Mutmaßung, dass sich „Das Spiel der Götter“ in Lether entscheiden könnte, nehme ich an, dass das Epos in Darujhistan enden wird. Ein Abschluss, der den Kreis schließt, passt einfach zu Steven Erikson.

Schwarz-Korall ist die neue Heimat der Tiste Andii. In der Stadt, die einst zur Domäne des Pannionischen Sehers gehörte, herrscht ewige Nacht, eine vollkommene Dunkelheit, die Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermag und eine Manifestation des Gewirrs Kurald Galain darstellt. Ich konnte mich mit diesem Bild nicht so recht anfreunden. Es fällt mir noch immer schwer, Dunkelheit als Perfektion zu begreifen und sie nicht negativ zu interpretieren.


Steven Erikson beweist durch die Historie der Andii erneut sein Talent für die exquisite, tragische Schönheit von Leid. Die Begegnung mit dem Magier Endest Silann, ein Vertrauter von Anomander Rake, lehrte mich, wie sehr die Andii seit Jahrtausenden unter der Abwesenheit ihrer Göttin Mutter Dunkel leiden. Ihre Ablehnung ist eine schwärende Wunde im kollektiven Bewusstsein des Volkes. Die Andii sind Waisen. Ihr Schmerz ist keineswegs rein spiritueller Natur, er ist greifbar und real. Ihre Welt, ihre gesamte Kultur steht still, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, während ihr Körper gezwungen ist, weiterzuleben. Wenn sie sterben, finden ihre Seelen keine Ruhe, keinen Frieden, weil dort niemand ist, der sie aufnimmt. Sie verpuffen im Äther und warten im Nichts. Diese Aussicht finde ich zutiefst beängstigend und entmutigend. Sie zahlten einen sehr hohen Preis für den Wunsch ihres Lords nach Veränderung. Anomander Rake beendete den blutigen Bürgerkrieg ihres Volkes, doch indem er sie einte, verärgerte er Mutter Dunkel und verstümmelte die Identität der Andii. Er ist ihre einzige noch existierende Verbindung zu Kurald Galain, was erklärt, wieso sie ihn trotz seiner Entscheidungen verehren. Meiner Ansicht nach haben die Andii viel mit den T’lan Imass gemein, die ebenso verloren waren, bis ein Ritual die Ketten ihrer Unsterblichkeit sprengte. Ich hoffe, dass Erikson auch ihrem Volk irgendwann Erlösung schenkt.

 

Das Motiv der Erlösung spielt im achten Band von „Das Spiel der Götter“ eine essenzielle Rolle. Vor den Toren Schwarz-Koralls sammeln sich die Gläubigen des Kults des Erlösers. Er ist kein Unbekannter – als er noch am Leben war, hörte er auf den Namen Itkovian und war der Schild-Amboss der Grauen Schwerter. Es wundert mich überhaupt nicht, dass Itkovian mit seinem Tod aufstieg. Sein Opfer als Schild-Amboss rührte mich damals zu Tränen, warum sollte er nicht auch die Figuren in Eriksons Universum anziehen? Dieses Opfer bestimmt seinen Charakter als Aufgestiegener. Der Erlöser richtet nicht. Er lehnt niemanden ab, schickt niemanden fort, nicht einmal diejenigen, deren Absichten böswillig sind. Er kann sich nicht verteidigen, weil Aggression nicht seiner Natur entspricht. Er erduldet. Deshalb ist er den Angriffen des Sterbenden Gottes ausgeliefert. Ich dachte ursprünglich, „der Sterbende Gott“ sei lediglich ein weiterer Titel des Verkrüppelten Gottes. Es dauerte, bis ich begriff, dass es sich um zwei Entitäten handelt, die ihren Anhänger_innen unterschiedliche Wege zur Erlösung anbieten. Getrieben von Rachegelüsten deklariert der Verkrüppelte Gott Leiden als Pforte zum Seelenheil; der Sterbende Gott hingegen verspricht totale Selbstaufgabe. Schwer zu sagen, was nun schlimmer ist. Indem er die beiden Gottheiten gegenüberstellt, untersucht Erikson divergierende Formen von Fanatismus, die zwar verschiedene Bedürfnisse in den Gläubigen erfüllen, sich in ihrem grundsätzlichen Egoismus jedoch stark ähneln. Persönlich halte ich den Sterbenden Gott für das kleinere Übel, weil seine Pläne, den Erlöser als Hülle zu übernehmen, um seinen eigenen Verfall aufzuhalten, im Vergleich zu den gewaltigen Manipulationen und Intrigen des Verkrüppelten Gottes beinahe kleingeistig wirken. Sein Status als ultimativer Erzfeind der Reihe bleibt unangetastet und unbestritten.

 

Die Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ hielt für mich außerdem eine bahnbrechende Erkenntnis bereit. Mir wurde bewusst, dass alle Ereignisse in „Das Spiel der Götter“, inklusive des Feldzugs des Verkrüppelten Gottes, auf eine einzige Person zurückzuführen sind. Alles, was ich bisher erleben durfte, nahm seinen Anfang mit Kallor. Vermutlich hätte ich das schon weitaus früher schnallen können, aber irgendwie ging diese Information wohl an mir vorbei. Ich war von dieser Offenbarung aus zwei Gründen verblüfft: erstens hatte ich angenommen, dass ich erst ganz am Ende des Epos erfahren würde, weshalb der Verkrüppelte Gott nach Rache sinnt und zweitens habe ich mit einer wesentlich komplizierteren Antwort gerechnet. Der Verkrüppelte Gott, der auch der Angekettete genannt wird, lechzt danach, sich für das zu rächen, was ihm vor Jahrtausenden angetan wurde. Was ihm angetan wurde, geschah, um Kallor zu stoppen. Kallor ist der Archetyp des bösen Königs; er könnte im Grunde sogar eine Märchenfigur sein. Da Steven Erikson jedoch alles andere als ein gutmütiger Märchenonkel ist und er eine Vorliebe für ambivalente Grautöne hat, charakterisierte er Kallor komplex, widersprüchlich und erstaunlich menschlich. Kallor wurde verflucht. Er ist verdammt, auf ewig ein sterbliches Leben zu führen, niemals aufzusteigen und in all seinen Bestrebungen nach Macht zu scheitern. Deprimierend, nicht wahr? Ich möchte nicht behaupten, dass Kallor diesen Fluch nicht verdient hätte. Er ist ein grausamer, gewissenloser Mann, der Loyalität nur für sich selbst empfindet. Ich mag ihn nicht mal besonders, denn er tötete eine meiner Lieblingsfiguren. Trotz dessen weckte seine tragische Existenz mein Mitgefühl. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal. Der Fluch raubte Kallor vieles, vor allem allerdings die Möglichkeit, aufzugeben. Kallor hat keine andere Wahl, als einfach immer weiterzumachen, obwohl er weiß, dass er versagen wird. Was wäre die Alternative? Er kann nicht sterben, soll er also den Kopf in den Sand stecken und seinen Alterungsprozess abwarten, bis er sich nicht mehr bewegen kann? Keine gute Option. Nein, ich kann verstehen, dass Kallor munter weiterhin seine Ziele verfolgt und den Fluch meist schlicht ignoriert. Dennoch versäumt es Erikson nicht, anzudeuten, dass er leidet. Kallor ist eine Variante des Sisyphos.

 

Da Kallor sich mit Freuden in die Entwicklungen von „Das Spiel der Götter“ einmischt, hat er selbstverständlich auch seinen Platz im großen Showdown des achten Bandes in „Tod eines Gottes“. Dieser ist die Klimax eines haarsträubend vielschichtigen Plans, der sowohl den Sterbenden als auch den Verkrüppelten Gott in ihre Schranken weisen soll und – soweit ich es verstanden habe – aus der Feder von Anomander Rake stammt. Ich war zutiefst beeindruckt von seiner Strategie, deren Gelingen primär vom Timing zahlloser Faktoren abhing. Ich denke, mehr als seine schwarze Haut, mehr als seine Fähigkeiten und sein Alter war es die Konzeption dieses Plans, die mir vergegenwärtigte, dass er kein Mensch ist. Kein Mensch hätte sich das ausdenken können. Rakes Geist übertrifft die Prozessleistung eines sterblichen Hirns um ein Vielfaches. Ich bewundere ihn und staunte mit offenem Mund, als am Ende von „Tod eines Gottes“ wieder einmal Zahnrad um Zahnrad ineinander klickte. Der achte Band ist wie bereits die Vorgängerbände eine epische Symphonie, deren Absicht sich ganz zum Schluss offenbart. Leider wurde die Geschichte auch erst mit diesem Showdown richtig spannend. Vorher las sich der Doppelband durchaus etwas schwerfällig, weil das Taktieren der verschiedenen Fraktionen im Vordergrund steht. Langweilig ist „Das Spiel der Götter“ nie, doch die Vorbereitungen des aufregenden Abschlusses wiesen wenig Action und dafür reichlich tiefgründige Gespräche und philosophische Überlegungen zu den Themen Leiden und Erlösung auf. Die Lektüre war anstrengend und wurde selten aufgelockert.

 

Ich habe lange über die Verschlungenheit dieses Bandes nachgedacht, um herauszufinden, wieso mich die Komplexität der Reihe weder schreckt noch stört. Oft genug habe ich anderen Autor_innen vorgeworfen, dass sie die inhaltlichen Ziele ihrer Geschichten auch einfacher hätten erreichen können. Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass ich nicht wüsste, wie Steven Erikson auf all die Verwicklungen hätte verzichten sollen, ohne Abstriche zu machen. „Das Spiel der Götter“ kann nicht anders erzählt werden. Vielleicht könnte es gradliniger sein, doch dann wäre es nicht mehr brillant. Das Genie dieses Epos entsteht durch die unzähligen winzigen Details, die nur zusammen das Gesamtbild erschaffen können. Keine Figur, keine Szene ist irrelevant; alles hat Bedeutung für das große Ganze, was man erst erkennt, wenn man genau hinsieht und die Kausalketten zurückverfolgt. Meiner Meinung nach hilft es, sich „Das Spiel der Götter“ als impressionistisches Gemälde vorzustellen. Steht man direkt davor, sind die fleckig, punktartig angeordneten Farben sichtbar. Betrachtet man es hingegen aus einiger Entfernung, vermischen sich die Farben und enthüllen ihre Wirkung und Atmosphäre. Dieser Vergleich erklärt meinem Empfinden nach exakt, warum diese High Fantasy – Reihe von ihrem komplexen Detailreichtum lebt und sich jede Kritik in diese Richtung erübrigt. Claude Monet würde schließlich auch niemand sagen, er hätte seine Meisterwerke mit durchgängigen Pinselstrichen einfacher fertigstellen können.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/10/steven-erikson-die-stadt-des-blauen-feuers-tod-eines-gottes

Kein Zirkusspektakel

— feeling sad
The Troupe - Robert Jackson Bennett

Hände hoch: wer hat schon einmal „Dinner for One“ gesehen? Ich stelle mir ein Meer erhobener Hände vor. Aber wusstet ihr, dass der Silvestersketch aus der US-amerikanischen Bühnenunterhaltungsform Vaudeville hervorging? Das Vaudeville war eine Vorstufe des Varietés im 19. Jahrhundert. Die Vorführungen bestanden aus mehreren in sich abgeschlossenen Nummern, die von Schauspiel, Gesang, Tierdressur, Bauchrednern bis zu Akrobatik und Tanz reichten. Die Theater, die eher an Schaubuden erinnerten, gehörten weitgehend zu großen Ketten, weshalb die Künstler_innen häufig durch das ganze Land tourten. Viele spätere Berühmtheiten wie zum Beispiel die Drei Stooges begannen ihre Karriere im Vaudeville. In seinem Roman „The Troupe“ entführt der Autor Robert Jackson Bennett seine Leser_innen in diese bunte, exotische Welt.

 

Der 16-jährige George Carole ist ein musikalisches Wunderkind. Sein Pianospiel ist beinahe magisch. Niemand versteht, warum er sich ausgerechnet im Vaudeville eine Anstellung suchte. Sein Talent könnte ihm die Türen der großen Konzerthäuser öffnen und seine Taschen füllen. Aber George interessiert sich nicht für Reichtum und Ruhm. Er hat nur einen Wunsch: er möchte seinen Vater kennenlernen. Dieser ist niemand geringeres als der berühmt-berüchtigte Heironomo Silenus. Die Shows seiner Truppe sind in Vaudeville-Kreisen legendär; sie gelten als einzigartig, mystisch, lebensverändernd. Als es George tatsächlich gelingt, Silenus auf sich aufmerksam zu machen und Teil seines Ensembles zu werden, steht ihm jedoch eine entsetzliche Offenbarung bevor. Die skurrile Künstlergruppe führt ein Leben auf der Flucht, im ewigen Krieg gegen die Dunkelheit, die droht, die Welt zu verschlingen. Sie sind die einzigen, die das göttliche Geheimnis kennen und sich dem abgrundtief Bösen entgegenstellen. George wird in einen uralten Kampf hineingezogen, der ihm mehr abverlangt, als er vielleicht zu geben bereit ist…

 

Robert Jackson Bennett veröffentlichte „The Troupe“ 2012. Damit erschien der Urban Fantasy – Roman zwei Jahre vor „City of Stairs“, dem ersten Band der „Divine Cities“-Trilogie, die ich begeistert feierte. Es ist immer ein bisschen ungünstig, sich rückwärts durch das Werk eines Autors oder einer Autorin zu lesen. Zwei Jahre erscheinen wenig, können in der Entwicklung eines schriftstellerischen Stils aber durchaus einen Unterschied machen. „The Troupe“ wirkte auf mich, als hätte Bennett seine individuelle Stimme damals noch nicht so ganz gefunden. Sein formidabler Schreibstil war noch nicht ausgereift, blitzt jedoch schon manchmal auf. Besonders das Ende des Einzelbands, das ein weiteres Mal beweist, was für ein Händchen der Autor für berührende, poetische Abschlüsse hat, zeichnet seinen zukünftigen Werdegang bereits vor. Zuvor las sich das Buch für mich hingegen etwas zäh und träge. Ich konnte lange nicht erkennen, worauf Bennett hinauswollte und war ein bisschen enttäuscht, dass „The Troupe“ meine Erwartungen nicht erfüllte. Als ich erfuhr, dass die Handlung im Rahmen des Vaudevilles spielen sollte (und den Begriff gegoogelt hatte), rechnete ich mit einer Art fahrender Freakshow voller bizarrer Figuren, die reihenweise groteske Auftritte absolvieren. Tatsächlich ist die Truppe, der der Protagonist George beitritt, wesentlich kleiner und unspektakulärer, als ich mir vorgestellt hatte. Sie besteht aus Heironomo Silenus, einer orientalischen Tänzerin namens Colette, dem Bauchredner Kingsley, der Starken Frau Franny und dem Cellisten Stanley. Die fünf sind zweifellos skurril, doch meinem Empfinden nach wurde ihre Ausstrahlung von der Tragik ihrer Biografien dominiert. Sie wirkten schnell nicht mehr faszinierend oder kapriziös auf mich, sondern wie ein ziemlich jämmerlicher Haufen, dem das Vaudeville kaum etwas bedeutet. Das Setting dient ihnen lediglich als Tarnung. Ihre Exzentrik und jeweilige Verbindung mit dem Übernatürlichen stehen nicht im Mittelpunkt der Geschichte, sondern ihre Mission: der Krieg gegen die abstrakte Bedrohung der Dunkelheit, den Bennett in den Kontext eines kreativen Schöpfungsmythos integriert, dessen schlichte, bezaubernde Schönheit eher an ein Märchen als an christliche Narrative erinnert. Die Truppe war anders, als ich angenommen hatte, sie überraschten mich dadurch allerdings sehr oft und verhielten sich unvorhersehbar, wodurch „The Troupe“ eine charismatische, charakterzentrierte Form der Spannung aufrechterhielt. Niemand ist in diesem Buch wirklich heldenhaft, nicht einmal George, den Bennett unverfälscht, ehrlich und erfrischend fehlbar portraitiert. Daher war ich fähig, meine Erwartungshaltung zu korrigieren und der hässlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen: der Kampf gegen das Böse ist nicht glorreich, sondern produziert kaputte Persönlichkeiten, die zu traumatisiert sind, um als Held_innen betrachtet zu werden und dennoch Hoffnung vermitteln.

 

Als ich „The Troupe“ ausgelesen hatte und das Buch zuschlug, dachte ich zuerst, wie unsagbar traurig diese Geschichte ist. Das ist sie definitiv. Wer auf einen bunten, schrillen, fröhlichen Roman hofft, wird enttäuscht werden. Robert Jackson Bennett ist kein Autor für seichte, oberflächliche Unterhaltung. Er skizziert in diesem Einzelband ein Bild exquisiter, ästhetischer Tragik, kein Zirkusspektakel. Ich war von dessen bedeutungsschwerer Tiefe selbst überrascht und versuche immer noch, das Gefühl der Trauer abzuschütteln, das mich überfällt, wenn ich über das Buch nachdenke. Daher fiel mir die Bewertung ziemlich schwer. Einerseits negierte „The Troupe“ beinahe alle Erwartungen, die ich vor der Lektüre entwickelt hatte. Andererseits habe ich viel mehr bekommen, als ich jemals vermutet hätte, nur auf eine andere Art und Weise. Deshalb vergebe ich vier Sterne. Euch rate ich, euch für eine emotional fordernde Erfahrung zu wappnen, solltet ihr „The Troupe“ lesen wollen. Dieses Buch sticht mitten ins Herz.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/03/robert-jackson-bennett-the-troupe

Lebe in vollen Zügen - als bestmögliche Version deiner selbst

— feeling kiss
Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie - Lauren Oliver, Katharina Diestelmeier

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ von Lauren Oliver begründete meine Liebe zu Young Adult – Literatur. Ich stolperte über diesen Roman, als ich gerade begann, meine Bibliothek zu organisieren, zu strukturieren und hemmungslos zu erweitern. Bücher spielten in meinem Leben immer eine Rolle, doch erst in dieser Phase fing ich an, mich wirklich für Literatur zu interessieren und mir eigenständig – ohne den Einfluss meiner Eltern – eine Sammlung aufzubauen. „Wenn du stirbst“ hatte erheblichen Anteil daran, dass ich Lesen als ernstzunehmendes Hobby begriff und war ein Meilenstein auf der niemals endenden Erforschung meines Literaturgeschmacks. Als ich im November 2018 für eine Challenge ein Buch lesen sollte, in der eine Figur denselben Tag wieder und wieder erlebt, beschloss ich daher, diese Aufgabe mit einem Reread dieses für mich sehr wichtigen Buches zu erfüllen.

 

Samantha Kingston starb am Abend des 12. Februars in einem Autounfall, der auch ihre drei besten Freundinnen Lindsay, Elody und Ally das Leben kostete. Deshalb ist Sam mehr als überrascht, als sie am nächsten Morgen einfach wieder in ihrem Bett aufwacht, als wäre nichts geschehen. War der Unfall ein Traum? Sam ist erleichtert und dankbar, am Leben zu sein, doch schon bald fallen ihr beunruhigend viele Parallelen auf. Es ist nicht morgen. Es ist exakt derselbe Tag, der 12. Februar. Wieder und wieder durchlebt Sam den Tag, an dem sie starb. Nichts ändert sich – nur sie selbst. Tief in ihrem Inneren weiß Sam, dass sie noch nicht bereit ist, zu gehen. Sie hat noch etwas zu erledigen. Ein Unrecht zu begleichen. Erst dann wird sie weiterziehen und Frieden finden können.

 

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ ist meiner Meinung nach noch immer ein absolut perfekter Young Adult – Roman. Es freut mich sehr, dieses Urteil fällen zu können, da ein Reread ja stets ein gewisses Risiko birgt. Einige Jahre nach der ersten atemberaubenden Lektüre nahm ich das Buch nun natürlich anders wahr – schließlich bin ich selbst gealtert und hoffentlich etwas gereift – doch ich empfand meine persönliche Weiterentwicklung nicht als hinderlich, sondern als Gewinn, obwohl ich jetzt noch weniger zur Zielgruppe zähle. Damals fand ich „Wenn du stirbst“ einfach nur großartig, bewegend und fesselnd. Heute bin ich in der Lage, zu analysieren, warum es ein hervorragendes Mysterydrama der Jugendliteratur ist. Das Buch bietet eine unglaubliche Bandbreite an Identifikationsmöglichkeiten, Emotionen und Themen, die vor allem für eine junge Leserschaft relevant sind, aber auch Erwachsene berühren können. Die intensive Mischung aus Mystik, Philosophie und selbstironischer Melancholie transportiert die Botschaft mühelos: jede Tat hat Konsequenzen und zieht Kreise, die nicht immer vorhersehbar oder überschaubar sind. Die Protagonistin Samantha und ihre drei besten Freundinnen Lindsay, Elody und Ally bilden eine Clique beliebter Mädchen, die vermutlich in jeder US-amerikanischen High-School zu finden ist. Sie genießen ihre Popularität, nutzen sie aus und finden es völlig normal, ihren Mitschüler_innen grausame Streiche zu spielen. Ihnen ist nicht klar, wie verletzend sie sich verhalten. Sie sind sich der fatalen Auswirkungen ihres Benehmens nicht bewusst. Das heißt jedoch nicht, dass in ihren eigenen Leben permanent eitel Sonnenschein herrschen würde. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, was ich aus Sams Ich-Perspektive unmittelbar erfuhr. Obwohl sie nicht immer die besten Entscheidungen trifft, empfand ich eine intime Bindung zu ihr und verstand sie in jeder Sekunde. Darin besteht die Stärke der Autorin Lauren Oliver: es gelingt ihr, jugendliche Persönlichkeiten realistisch und facettenreich abzubilden, wodurch jede ihrer Handlungen nachvollziehbar ist. Das mehrmalige Erleben desselben Tages erlaubt Sam, hinter die Fassade der Menschen in ihrem Umfeld zu blicken, die sie bisher lediglich durch ihren persönlichen Filter sah. Sie lernt, wie begrenzt ihr Wahrnehmungsspektrum war und wie sehr unsere Leben miteinander verknüpft sind. Lauren Oliver holt aus der speziellen Struktur ihrer Geschichte das Maximum heraus. Die Ausgangssituation des 12. Februars ist immer gleich; Sam verändert lediglich Details und provoziert somit eine Vielfalt unterschiedlicher Reaktionen. Dadurch lernte ich alle Charaktere sehr umfassend kennen. Für mich ist Sam eine Heldin, die über sich hinauswächst und ihren Horizont im Alleingang erweitert, weil außer ihr niemand weiß, was los ist. Ihr Mut, sich dem Unangenehmen zu stellen und sich selbst zu reflektieren, ihr Wille, zu kämpfen und ihre Situation in die eigene Hand zu nehmen, beeindruckte mich zutiefst. Sie hätte ebenso gut weglaufen oder gar nichts verändern können – stattdessen versucht sie wirklich alles, um die Lage zu bessern. Erst für sich, dann für andere. Ich bewundere sie. Ihr Tod lässt Sam begreifen, wie wertvoll das Leben ist. Jedes Leben.

 

Meiner Ansicht nach ist „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ der schriftgewordene Beweis, dass Young Adult – Literatur nicht schal oder oberflächlich sein muss. Ich gebe zu, dass die Lektion, die Lauren Oliver ihre Protagonistin Sam lehrt, etwas vorhersehbar ist. Dennoch finde ich, dass die Autorin Sams Reise zur Erkenntnis originell, ergreifend und inspirierend gestaltete. Es ist eine wahrhaft ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die die Probleme von Teenagern ernstnimmt und diese ohne idealistische Verklärung schildert. Der Tod ändert einfach alles. Er verschiebt Prioritäten, Wahrnehmung und stellt das Gewissen auf eine harte Probe. Möchtest du, dass auf deiner Beerdigung über dich als egoistische, gewissenlose Person gesprochen wird? Nein. Natürlich nicht. Deshalb finde ich die Botschaft, die Lauren Oliver vermittelt, so wichtig: lebe in vollen Zügen – als bestmögliche Version deiner selbst.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/02/lauren-oliver-wenn-du-stirbst-zieht-dein-ganzes-leben-an-dir-vorbei-sagen-sie

Atheist auf Götterjagd

— feeling angel
AERA - Die Rückkehr der Götter - Markus Heitz

2012, als sich alle Welt wegen des Mayakalenders in die Hose machte, beschäftigte sich der Fantastik-Autor Markus Heitz mit den damit verbundenen Vorhersagen. Er fand heraus, dass dort keineswegs die Rede vom Weltuntergang war. Vielmehr versprachen die Prophezeiungen Veränderung. Er grübelte, was in unserer modernen Zeit als gravierende Veränderung durchgehen könnte. Eine Idee nahm Gestalt an: eine reelle Manifestation antiker Götter. Doch sein Zeitplan ließ es nicht zu, sie sofort umzusetzen. Erst 2015 hatte Heitz genug Luft, um sich diesem Gedankenspiel zu widmen. Dann sollte es schnell gehen. Er entschied, „AERA: Die Rückkehr der Götter in 10 E-Book-Episoden zu veröffentlichen und die Printausgabe hintenanzustellen. Da ich Printausgaben jedoch bevorzuge, wartete ich auf das Taschenbuch und las die irre Geschichte 2018 am Stück.

 

Die Welt erbebt im Angesicht göttlicher Präsenz. Sieben Jahre ist es her, seit die antiken Götter zurückkehrten und die Menschheit ins Chaos stürzten. Sie eroberten die Moderne im Sturm, lösten Kriege aus und demonstrierten ihre uneingeschränkte Macht. Im Jahr 2019 hat sich die Lage beruhigt. Eine neue Ordnung ist entstanden. Doch einige Zweifler gibt es noch immer. Malleus Borreau blieb Atheist. Er glaubt nicht, dass es sich bei den Entitäten, denen aufopferungsvoll gehuldigt wird, wahrhaft um Götter handelt. Sein Misstrauen stigmatisiert ihn als Außenseiter und ist das Geheimnis seines beruflichen Erfolgs. Als Ermittler bei Interpol untersucht er Verbrechen, die mit den Göttern in Zusammenhang stehen. Sein neuster Fall bringt jedoch sogar seine ehernen Überzeugungen ins Wanken. Auf der ganzen Welt verschwinden religiöse Artefakte. Leichen bezeugen die Skrupellosigkeit der Diebe und an den Tatorten taucht ein rätselhaftes Symbol auf. Ein Symbol, das Malleus schon einmal gesehen hat und das ihm noch immer Albträume beschert…

 

Betrachten wir die moderne Welt. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft. Technischer Fortschritt. Ist die Menschheit auf das Unmögliche vorbereitet? Sind wir bereit, Glaube und Mythologie Gewissheit werden zu lassen? Laut Markus Heitz sind wir es nicht. Nach der Lektüre von „AERA: Die Rückkehr der Götter“ bin ich überzeugt, dass wir dankbar sein können, dass seine Vision fiktiv ist. Im sensiblen Gefüge unserer Gesellschaft ist einfach kein Platz für Omnipotenz. Die Götter vergangener Religionen sind den Menschen zu ähnlich: aggressiv, rachsüchtig, destruktiv. Sie brächten das Schlechteste in uns zum Vorschein. Der Glaube war schon immer eine beliebte Ausrede für entsetzliche Gräuel. Meiner Meinung nach würde sich diese Tendenz durch die physische Anwesenheit von Zeus und Konsorten potenzieren. Heitz teilt diese Ansicht offenbar, denn die Ermittlungen seines Protagonisten Malleus Borreau, die selten die Götter selbst, sondern meist Menschen betreffen, belegen, mit welch kalter Leidenschaft wir uns im Namen des Glaubens gegenseitig Schreckliches antun. Die episodische Konzeption von „AERA“ ist deutlich spürbar: die Leser_innen begleiten Malleus auf seinen Reisen von Fall zu Fall quer über den Erdball, die durch die übergreifende Handlungslinie der gestohlenen Artefakte lose verbunden sind. Auf diese Weise erlaubte mir Heitz, zahlreiche Facetten seiner beeindruckend realistisch ausgearbeiteten alternativen Realität zu erleben. Meinetwegen hätte er gern konkrete politische, soziale und ökonomische Implikationen illustrieren und stärker auf die positiven Aspekte göttlicher Präsenz eingehen können, ich möchte ihm die Schwerpunktentscheidung, sich auf die Abbildung von Vielfalt zu konzentrieren und dafür auf Detailreichtum zu verzichten, jedoch nicht ankreiden. Ich kann nachvollziehen, dass Malleus‘ Wahrnehmung im Fokus steht, weil er eine überaus interessante Position in der Geschichte einnimmt. Er verkörpert einen grundsätzlich blasphemischen Gedanken: die Annahme, dass nicht alles, was Götter tun, rechtmäßig oder automatisch legitim ist. Auch sie können Verbrechen begehen, die Schwierigkeit besteht nur darin, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Heitz deutet somit an, dass wir in einer Welt leben, in der sich selbst das Göttliche dem Irdischen beugen muss – eine faszinierende Theorie. Das Problem daran war für mich, dass er eine Hauptfigur entwickeln musste, die dieser Theorie gerecht wird. Ich empfand Malleus als vollkommen überzeichnet. Alle Eigenschaften, die ihn als guten Ermittler charakterisieren, erschienen mir übertrieben. Er wirkte allen, sogar den Göttern und mir als Leserin, soweit überlegen, dass ich ihn unglaubwürdig fand und keine Chance hatte, seine Fälle selbstständig zu lösen. Malleus‘ arrogante, sexistisch gefärbte Superiorität stand daher zwischen uns, sodass ich nicht fähig war, Sympathie für ihn aufzubauen. Seine atheistische Einstellung konnte ich ebenfalls nicht nachempfinden. Würde Heitz‘ Gedankenspiel aus „AERA“ Wirklichkeit, ich würde voll drauf einsteigen. Ich würde mir einen Kult aussuchen und dessen glühendste Anhängerin werden.

 

„AERA: Die Rückkehr der Götter“ ist deutlich weniger fantastisch, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Ausgangssituation erscheint skurril – doch die Konsequenzen, die Markus Heitz porträtiert, sind absolut vorstellbar. Die Lektüre war spannend, ich wünschte nur, ich hätte gemeinsam mit dem Protagonisten Malleus Borreau ermitteln dürfen, statt ihm lediglich dabei zuzusehen. Dennoch erlaubten mir seine Fälle, das Verhältnis von Menschlichkeit und Göttlichkeit aus einer sehr modernen Perspektive zu analysieren. Unsere Spezies kam dabei nicht gut weg. Man darf uns gar nicht erst in die Nähe von göttlicher Macht lassen, denn uns fällt garantiert eine Möglichkeit ein, diese für den eigenen Vorteil zu missbrauchen. Für mich ergab „AERA“ ein ernüchterndes Fazit: die Menschheit könnte mit dem Weltuntergang vermutlich besser umgehen als mit Göttern, die auf Erden wandeln.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/27/markus-heitz-aera-die-rueckkehr-der-goetter

Enttäuschte Erwartungen

— feeling surprised
Die Braut: Thriller - Anita Terpstra, Simone Schroth

Laut Amnesty International wurden in den USA seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976 1.465 Menschen hingerichtet. Am 01. Juli 2017 gab es 2.817 Todeszelleninsassen, darunter 53 Frauen. Die Todesstrafe in den USA ist ein Thema, das mich seit Jahren begleitet. Für mich sind staatlich sanktionierte Hinrichtungen nicht nur eine Frage von Richtig oder Falsch, obwohl ich mich als Gegnerin verstehe. Es ist ein komplexes moralisch-ethisches Dilemma, über das ich in Abständen immer wieder grübele. 2018 beschloss ich, mich der Thematik durch den Thriller „Die Braut“ von der niederländischen Autorin Anita Terpstra, den ich als Rezensionsexemplar von Random House erhielt, aus einer anderen Perspektive zu nähern. Ich wollte herausfinden, was Frauen bewegt, eine Beziehung mit einem Todeszelleninsassen einzugehen.

 

Viele junge Mädchen malen sich ihre Hochzeit aus. Für einige wird ihr Traum eines Tages wahr. Für Mackenzie Walker nicht. Sie heiratet ihren Verlobten Matt Ayers in einem winzigen schmucklosen Raum. Gäste sind nicht gestattet. Vor den Fenstern befinden sich Gitter und nach der Zeremonie wird Matt zurück in eine Zelle geführt. Matt ist ein Gefängnisinsasse im Todestrakt. Niemand begreift, warum Mackenzie einen Mann ehelicht, dem vorgeworfen wird, mehrere junge Frauen entführt, gefangen gehalten und gefoltert zu haben. Ihr schlagen Unverständnis und purer Hass entgegen, sie erhält Drohungen. Aber Mackenzie lässt sich nicht einschüchtern und versucht, die Polizei davon zu überzeugen, in eine andere Richtung zu ermitteln. Als ihre Bemühungen fehlschlagen, trifft sie einen waghalsigen Entschluss: sie wird Matt aus dem Gefängnis holen. Ein Ausbruch ist ein riskantes Unternehmen. Noch riskanter wäre es jedoch, ihn in der Todeszelle auf seine Hinrichtung warten zu lassen. Denn für Mackenzie hängt alles davon ab, dass ihr Ehemann überlebt…

 

„Die Braut“ war nicht die richtige Lektüre, um eine Antwort auf meine Frage zu finden, wieso sich einige Frauen auf Gefängnisinsassen im Allgemeinen und Todeskandidaten im Speziellen einlassen. Der offizielle Klappentext führte mich auf den Holzweg, denn dieser Thriller von Anita Terpstra handelt nicht von der psychologischen Motivation, einen Todeszelleninsassen zu heiraten. Meine Erwartungshaltung wurde fundamental enttäuscht. Der Inhalt basiert fast ausschließlich auf einer überraschenden Wendung am Ende des zweiten Drittels, die für mich viel zu spät kam, um noch irgendetwas zu retten. Terpstra bemühte sich, ihre Leser_innen an der Nase herumzuführen. Glückwunsch, es ist ihr gelungen. Leider verlor sie mich auf dem Weg dorthin. Die Protagonistin Mackenzie war nicht die Person, die ich zu treffen gehofft hatte. Vor der Wendung fand ich sie naiv und unreflektiert. Ich mochte sie nicht. Sie hinterfragt den Ursprung ihrer Entscheidung, den verurteilten Straftäter Matt Ayers zu heiraten, nicht ein einziges Mal. Ich verstand nicht, warum sie an Matts Schuld zweifelte. Weil er ihr sagte, er sei unschuldig? Bitte. In jedem Gefängnis der Welt sitzen hunderte „Unschuldige“. Auf einige trifft das sicher sogar zu, aber in Mackenzies Fall hatte ich eher das Gefühl, dass sie ihre persönlichen Unzulänglichkeiten auf Matt projiziert. Dennoch: ihr stures Festhalten an einer alternativen Theorie förderte Indizien zutage, die ich nicht ignorieren konnte. Sie überzeugte mich davon, dass einige Fakten nicht zusammenpassten. Terpstra hatte mich dazu verleitet, Mackenzie zu glauben und anzunehmen, ich wüsste, was vor sich geht. Das Problem war, dass ich diesen Handlungsabschnitt insgesamt einfach lahm fand. Die gut gemachte Wendung erwischte mich dann tatsächlich kalt und lenkte „Die Braut“ in eine deutlich interessantere Richtung. Theoretisch müsste ich mit dem Wissen, das ich nun nach der Lektüre über den inhaltlichen Verlauf besitze, die ersten beiden Drittel noch einmal lesen, um zu überprüfen, wie konsequent die Autorin vorgegangen ist. Aspekte, die mir besonders in Mackenzies Verhalten als Mängel aufgestoßen waren, wurden erklärt, relativiert und erhielten eine neue Perspektive. Doch der Schaden war bereits angerichtet. Nicht nur konnte ich mich nicht überreden, die Protagonistin doch noch in mein Herz zu schließen, der Beginn des letzten Drittels erstickte in mir auch jegliche Hoffnung auf einen substanziellen, psychologischen Thriller. Konzeptionell ist es ein pfiffiges Buch, das sich für mich flüssig las. Ich war erstaunt, wie schnell ich durch war. Der inhaltliche Themenschwerpunkt enttäuschte mich hingegen, was wohl der Grund dafür ist, dass ich die Geschichte selbst nicht sehr aufregend oder spannend fand. Ich wollte etwas lernen, ein kurioses, spezifisches Phänomen begreifen – ich habe das Buch nicht ausgesucht, weil ich mit Ermittlungsarbeit konfrontiert werden wollte, unabhängig davon, wie ungewöhnlich diese gestaltet war. „Die Braut“ konnte mich nicht mehr begeistern, weil es schlicht nicht das bot, was ich erwartet hatte.

 

Mir ist bewusst, dass meine Wahrnehmung von „Die Braut“ entscheidend von meiner eigenen Erwartungshaltung geprägt war. Deshalb habe ich entschieden, in der Bewertung nicht allzu streng vorzugehen, denn ich sehe die Schuld für diese etwas missglückte Leseerfahrung bei mir selbst und bei der Person, die den offiziellen Klappentext verfasste. Anita Terpstra kann nichts dafür, dass ihr Roman mein Interessengebiet verfehlte. Ich möchte betonen, dass ich glaube, „Die Braut“ hätte auf mich völlig anders gewirkt, hätte ich nicht bereits im Vorfeld zu wissen geglaubt, wovon dieser Thriller handelt. Statt eine Empfehlung auszusprechen oder euch davon abzuraten, das Buch zu lesen, möchte ich daher eine Warnung formulieren: „Die Braut“ ist ein ausgefallener Ermittlungsthriller. Es geht darin nicht um die psychologischen Faktoren, die Frauen motivieren, Häftlinge zu heiraten. Hoffentlich kann euch dieser Hinweis eine ähnliche Enttäuschung ersparen.

 

Vielen Dank an das Bloggerportal von Random House und den Verlag blanvalet für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/26/anita-terpstra-die-braut

In Worldbuilding und Charakterkonstruktion verloren

— feeling misdoubt
Wheel of the Infinite - Martha Wells

Im Rahmen meiner Mission, weibliche High Fantasy – Autorinnen ausfindig zu machen, stieß ich auf den Einzelband „Wheel of the Infinite“ von Martha Wells. Die Texanerin wurde in den letzten 25 Jahren für einige prestigeträchtige Awards der spekulativen Fiktion nominiert und unter anderem mit dem Locus, Nebula und Hugo Award ausgezeichnet. Warum hatte ich noch nie von ihr gehört? Wieso musste ich aktiv nach Frauen in der High Fantasy suchen, um über sie zu stolpern? Wells ist das Problem allzu bewusst. In einer Rede auf der World Fantasy Convention 2017 forderte sie ihre Hörer_innen auf, sich an all die vergessenen Frauen in der Geschichte und ihren Einfluss auf Wissenschaft und Kunst zu erinnern. Botschaft angekommen. Martha Wells ist eine perfekte Kandidatin für die Sektion der „schreibenden Schildmaiden“ in meinem Bücherregal.

 

Lange Zeit lebte Maskelle im Exil, fern ihrer Heimat Dulvapore. Sie wagte nie, in die mystische Stadt zurückzukehren. Zu schmerzhaft waren die düsteren Erinnerungen an den Wahnsinn, der sie als Verräterin und Mörderin brandmarkte. Nun führen sie die rätselhaften Wege des Schicksals an der Seite des zurückhaltenden Schwertkämpfers Rian erneut in die Straßen ihrer Jugend. Sie wurde einberufen, weil sie gebraucht wird. Der Höhepunkt der Hundertjahreszeremonie steht kurz bevor. Doch das Rad der Unendlichkeit, das die Welt alle 100 Jahre erneuert, zeigt unerklärliche schwarze Flecken. Maskelles Macht als Stimme der Ahnen ist vielleicht das einzige, das eine Katastrophe verhindern kann, denn wird der Zerfall nicht aufgehalten, bevor der Zyklus des Rades vollendet ist, könnte die Realität selbst irreparablen Schaden nehmen. Wird es Maskelle gelingen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und derselben Magie zu vertrauen, die sie einst betrog?

 

Ich hege den Verdacht, dass Martha Wells vielleicht ein wenig die Prioritäten verrutschten, als sie „Wheel of the Infinite“ schrieb. Das Buch begann sehr vielversprechend, entpuppte sich dann allerdings als seltsame Komposition, dessen Handlung völlig ungleichmäßig getaktet ist. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin tatsächlich eine Geschichte erzählen wollte oder ob sie lediglich einen Rahmen für die Entwicklung ihrer Figuren und ihres Universums brauchte, denn diese beiden Punkte dominieren. Das ist für einen Einzelband eigenartig – normalerweise sind es Reihenauftakte, die sich der Etablierung der Umstände widmen. Möglicherweise wäre „Wheel of the Infinite“ als erster Band einer Reihe überzeugender gewesen, da Wells mehr Raum zur Verfügung gestanden hätte, um allen Aspekten ihrer Geschichte gerecht zu werden. Ich glaube, sie hat sich irgendwann in Worldbuilding und Charakterkonstruktion verloren, sodass die Handlung nur noch mitlief, was ihr im letzten Drittel des Romans auf die Füße fiel. Sie war zu langsam, zu zaghaft, und musste die Ereignisse, die bisher ohnehin einen geringen Stellenwert eingenommen hatten, überhastet zu einem Abschluss bringen. Ich kam deshalb nicht mehr wirklich mit und litt unter ernsten Visualisierungsschwierigkeiten. Bedauerlich, da ich bis dahin durchaus Freude an „Wheel of the Infinite“ hatte. Das gewissenhafte, subtile und kontinuierliche Worldbuilding imponierte mir und ich mochte die starke Protagonistin Maskelle, deren Lebenserfahrung ihre reife, erwachsene Ausstrahlung prägte. Maskelle ist nicht mehr jung und blickt auf eine bewegte, schmerzvolle Vergangenheit zurück. Vor vielen Jahren wurde sie in Dulvapore Opfer ihrer eigenen Magie, beging schreckliche Verbrechen und ist seit ihrer Flucht nicht mehr zurückgekehrt. Sie gilt als Ausgestoßene, wird aufgrund ihrer Verbindung zu den Ahnen jedoch noch immer mit Respekt und Ehrfurcht behandelt. In ihrer Rolle als „Stimme des Widersachers“ soll sie nun die Welt retten und das Rad der Unendlichkeit heilen, bevor es die Realität verändern kann. Ich habe das religiöse System, das dieser Ausgangssituation zugrunde liegt, nicht völlig verstanden. Mir war nicht klar, ob die Ahnen nun Geister oder Götter sind und ob diese Unterscheidung überhaupt von Bedeutung ist. Darüber hinaus wirkte es, als würde der Glaube an die Ahnen in anderen Gebieten des Universums nicht praktiziert. Generell schien die fernöstlich anmutende Stadt, die mich oft eher an ein Gemälde als an ein reelles Setting erinnerte, einen Sonderstatus aufzuweisen. Dulvapore ist fortschrittlicher, zivilisierter, kultivierter und friedlicher als der Rest der Welt, was Wells durch Maskelles Begleiter Rian, der aus einem fernen Königreich stammt und ihr als Referenz dient, betont. Rian unterstützt Maskelle bei ihren Bemühungen, die Zerstörung des Rades aufzuhalten und die Quelle seines Verfalls zu ermitteln. Stück für Stück finden sie Antworten, die mich verblüfften und erahnen ließen, wie sich „Wheel of the Infinite“ hätte entwickeln können, hätte Martha Wells eingangs zügiger gearbeitet. Sie zieht das Tempo gegen Ende rasant an; ich raste auf den finalen Showdown zu, an dem ich nicht teilnehmen durfte, weil alle Beteiligten ohnmächtig waren und befand mich plötzlich auf der letzten Seite. Vorbei.

 

Ich verstehe Martha Wells‘ Impuls, Figuren und Universum in „Wheel of the Infinite“ ausführlich zu erkunden. Maskelle und die Stadt Dulvapore sind zweifelfrei faszinierend. Letztendlich ist die Geschichte aber dennoch der wichtigste Aspekt eines Buches, den sie darüber sträflich vernachlässigte. Worldbuilding und Charakterkonstruktion sollten die Handlung niemals überstrahlen. Sie enttäuschte mich, weil dieser Einzelband unausgeglichen ist. Nichtsdestotrotz kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass „Wheel of the Infinite“ kein typisches Beispiel für Wells‘ schriftstellerisches Schaffen ist. Überwiegend erschienen ihre Werke im Kontext von Mehrteilern. Deshalb bleibe ich optimistisch und gebe ihr eine weitere Chance. Vielleicht kann mich „The Cloud Roads“ doch noch von ihr überzeugen.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/20/martha-wells-wheel-of-the-infinite

Die Krux mit der Ich-Perspektive

— feeling smile
The Sacred Lies of Minnow Bly - Stephanie Oakes

Stephanie Oakes‘ Debütroman „The Sacred Lies of Minnow Bly“ nahm einige Umwege, bis er veröffentlicht wurde. Während ihres Studiums sollte sie Gedichte zu einem Thema ihrer Wahl schreiben. Sie entschied sich für Märchen und stieß bei ihren Recherchen auf „Das Mädchen ohne Hände“. Die grausame Erzählung inspirierte sie, eine Märchenadaption zu schreiben. Zuerst konzipierte sie eine dystopische Version, die von Agent_innen und Verlagen allerdings abgelehnt wurde. Sie musste einsehen, dass ihre Geschichte nicht funktionierte. Die Rahmenbedingungen stimmten nicht: „The Sacred Lies of Minnow Bly“ verlangte nach einem realistischen Setting. Sie schrieb das gesamte Manuskript neu. Ihre Protagonistin Minnow, die Maid ohne Hände, wurde das Opfer einer Sekte im modernen Montana und das Buch endlich akzeptiert. Bei mir landete der Roman, weil mich die psychologischen Aspekte von Sekten interessieren.

 

Das Gefängnis macht der 17-jährigen Minnow Bly keine Angst. Angst machen ihr nur die dunklen Visionen ihrer Vergangenheit, besonders diejenigen dieser letzten Nacht. Der Nacht, in der ihr Heim niederbrannte.
Minnow lebte 12 Jahre in einer Sekte. Die Community war ihr Zuhause und alles, was sie kannte. Sie glaubte an die Worte des Propheten Kevin, an seine Erklärungen, an seine Weisheit und an seine strengen Regeln. Bis sie zu zweifeln begann und ihm nicht mehr glaubte. Als sie sich verliebte, erfuhr sie am eigenen Leib, wozu Kevin fähig war – und wozu sie selbst fähig ist. Minnow möchte am liebsten vergessen. Das Feuer. Die Toten. Doch sie muss sich ihren Erinnerungen stellen. Denn um eines Tages in Freiheit leben zu können, muss sie zuerst ihren Geist befreien.

 

Ich bin etwas zwiegespalten. „The Sacred Lies of Minnow Bly” ist ein spannender, eindringlicher Young Adult – Thriller, der mich fesselte und einige tiefgründige Themen anspricht, wie Identität, Glaube und freier Wille. Ich fand ihn gut. Aber ich glaube, er hätte noch besser sein können, hätte Stephanie Oakes auf Minnows Ich-Perspektive verzichtet.
Eingangs ist diese Wahl nicht hinderlich. Im Gegenteil. Durch Minnows Augen begreifen die Leser_innen schnell, dass sie sich in einer prekären Lage befindet. Sie hat etwas Schlimmes getan und ist vor etwas noch Schlimmerem davongelaufen. Außerdem offenbart sich bereits auf der ersten Seite Minnows auffälligstes äußerliches Merkmal: ihr wurden beide Hände amputiert. Sie landet in einer Vollzugsanstalt für jugendliche Straftäterinnen. Dort, im Gefängnis, beginnt ihre eigentliche Geschichte, die sie Stück für Stück in Rückblenden aufdröselt. Dadurch entsteht graduell ein bestürzendes Bild des subtilen Horrors der Community. Das Leben der Sektenmitglieder wurde allein vom selbsternannten Propheten Kevin bestimmt; sein Wort war Gesetz. Er befahl ein striktes Patriarchat, Polygamie und einschneidende Regeln, deren Übertretung heftige physische Strafen nach sich zog. Wie in Sekten üblich herrschte Kevin mit Zuckerbrot und Peitsche. Ich hätte jedoch gern erfahren, wie er seine Anhänger_innen ursprünglich von seinen Visionen überzeugen konnte und wie sich die Anfänge der Community gestalteten, denn Minnow erwähnt, dass sadistische Maßregelungen erst später Normalität wurden. Ich hatte mir eine fundierte psychologische Schilderung der komplexen emotionalen Vorgänge in einer Sekte erhofft – doch aus Minnows Ich-Perspektive war das nicht möglich, weil ihr diese nicht bewusst sind. Ich denke darüber hinaus, dass Stephanie Oakes Minnow übertrieben unabhängig charakterisierte, um ihren Leser_innen die Bindung zu erleichtern. Minnows frühe, intuitive Ablehnung der Glaubensgrundsätze der Community erschien mir unwahrscheinlich. Schwer vorstellbar, dass sie sich nach einer Indoktrinierung seit frühester Kindheit als einzige gegen Kevins Gehirnwäsche wehren konnte. Ein realistisches psychologisches Profil hätte allerdings Denk- und Verhaltensmuster involviert, die für die junge Zielgruppe des Romans kaum nachzuvollziehen gewesen wären. Deshalb entschied Oakes vermutlich auch, Minnows persönliche Entwicklung im Gefängnis im Zeitraffer zu zeigen. „The Sacred Lies of Minnow Bly“ umspannt etwa ein Jahr – ihr Aufarbeitungsprozess ist demzufolge verkürzt und klammert frustrierende Rückschläge weitgehend aus. Trotz der Vorteile des Settings, das Minnow mit begrenzten, kontrollierten Reizen konfrontiert, und kleinerer Rebellionen fügt sie sich zu nahtlos in ihr Schicksal. Meiner Meinung nach konnte Stephanie Oakes aus Minnows Innenperspektive das Potential ihrer Geschichte nicht völlig ausschöpfen, weil eine realitätsnahe Darstellung ihres emotionalen und psychologischen Zustandes das Mitgefühl ihrer Leser_innen behindert hätte. Minnow sollte eine Heldin sein, kein seelisches Wrack voller hässlicher Abgründe. Hätte Oakes hingegen eine auktoriale Erzählsituation gewählt, hätte sie Minnows Empfindungen durch äußere Faktoren relativieren können. Das hätte selbstverständlich mehr schriftstellerischen Aufwand bedeutet, doch ich bin überzeugt, dass sich dieser gelohnt hätte. Aus einem guten Buch hätte ein großartiges Buch werden können.

 

Ich kann jede Entscheidung, die Stephanie Oakes während des Schreibprozesses von „The Sacred Lies of Minnow Bly“ traf, nachvollziehen. Das Young Adult – Genre unterliegt nun einmal gewissen Beschränkungen, die die Autorin berücksichtigen musste. Sympathie für die Figuren ist obligatorisch. Ich verstehe, dass sie dieser keinesfalls im Weg stehen wollte. Ich zolle ihr Achtung dafür, dass sie das heikle Thema des Buches für ihre junge Leserschaft verdaulich gestaltete und sich an einer Märchenadaption in einem realistischen Rahmen versuchte. Daher bin ich von diesem Thriller nicht enttäuscht, obwohl meine Erwartungen nicht gänzlich erfüllt wurden. Ich hätte die Geschichte eben einfach anders aufgezogen. Aber ich bin ja auch nur die Leserin, nicht die Autorin.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/19/stephanie-oakes-the-sacred-lies-of-minnow-bly

Die Toten, die Untoten und der Zauberer

— feeling ghost
Grave Peril - Jim Butcher

Jim Butcher schrieb den ersten Band der „Dresden Files“ für einen Schreibkurs. Seine Dozentin Debbie Chester beeinflusste seine Karriere daher maßgeblich. Soweit ich es verstanden habe, verdanken wir ihr sogar Bob, Harrys sprechenden Schädel. Als Butcher seine Lehrerin fragte, ob er Harry einen Assistenzcharakter schreiben könnte, ermahnte sie ihn, daraus keinen „Talking Head“ zu machen. In der englischen Fachsprache ist ein „Talking Head“ eine Figur, die ausschließlich für Informationen integriert wird, ohne eine echte Persönlichkeit zu besitzen. Tja. Butcher ist eine Nervensäge. Deshalb wurde Bob buchstäblich ein „Talking Head“. Als Geist in einem Schädel passt er gut zum Thema des dritten Bandes „Grave Peril“ – in diesem geht es nämlich um rachsüchtige Geister.

 

Die Geisterwelt ist verrückt geworden. Das Nevernever war zwar noch nie ein Ort, der die mentale Gesundheit fördert, aber was in letzter Zeit drüben los ist, setzt wirklich neue Maßstäbe. Die Barrieren zur Welt der Lebenden weichen auf. Zornige, blutrünstige Geister schießen wie Pilze aus dem Boden und terrorisieren die Bewohner_innen Chicagos. Harry Dresden – Berufszauberer und Privatdetektiv – hat alle Hände voll zu tun, sie zurück ins Jenseits zu schicken. Ohne Michael, ein Krieger Gottes, mit dem er im letzten Jahr einige übernatürliche Fälle löste, wäre er aufgeschmissen. Ihre wilde Geisterjagd quer durch die Stadt bekämpft allerdings nur das Symptom, nicht die Ursache. Irgendjemand muss für das Ungleichgewicht im Nevernever verantwortlich sein. Alle Hinweise deuten auf Bianca, die lokale Vampirkönigin. Harry würde ihr gern aus dem Weg gehen, denn sie hegt noch immer einen Groll auf ihn. Doch ihm bleibt keine andere Wahl und eines interessiert ihn sowieso brennend: was hat eine Untote mit den Toten am Hut?

 

Hm. Ich muss feststellen, dass die „Dresden Files“ in meinem Gedächtnis schnell verblassen. Bei allen drei Bänden, die ich bisher gelesen habe, musste ich sehr tief in meinen Erinnerungen graben, um eine Inhaltsangabe schreiben zu können. Das liegt vermutlich daran, dass sie völlig actionüberladen sind, was auch für den dritten Band „Grave Peril“ gilt. Die rasante Abfolge der Ereignisse geriet erneut äußerst dramatisch. Es geschieht so unglaublich viel in so unglaublich kurzer Zeit, dass ich Schwierigkeiten hatte, alle Details auf dem Schirm zu behalten. Im Nachhinein fühlte ich mich komplett übersättigt und außer Puste. Ich glaube, ich kann all den Input gar nicht so schnell verarbeiten, wie Jim Butcher ihn mir präsentiert und erinnere mich deshalb später nicht mehr ähnlich zuverlässig wie bei anderen Büchern. Bezüglich „Grave Peril“ kommt erschwerend hinzu, dass ich recht lange dachte, ich hätte etwas verpasst. Das Buch beginnt ansatzlos mit einer Geisterjagd. Harry muss eine zornige Seele daran hindern, unschuldige Babys zu töten. Begleitet wird er dabei von Michael. Michael? Wer bitteschön ist Michael? Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich den Gotteskrieger kennen sollte, denn zwischen ihm und Harry herrschte eindeutig eine gewisse Vertrautheit, die Butcher allerdings unkommentiert ließ. Ich zweifelte an mir selbst und recherchierte, ob zwischen „Grave Peril“ und dem vorangegangenen Band „Fool Moon“ eine Kurzgeschichte erschien, die Michaels Auftauchen erklärte. Fehlanzeige. Stattdessen stieß ich auf die Rezension einer anderen Leserin, die genau denselben Punkt bemängelte. Michael wird nie richtig in die Geschichte eingeführt. Er ist einfach da. Es stellte sich heraus, dass ich blind in eine Zeitsprungfalle getappt war. Seit „Fool Moon“ war etwa ein Jahr vergangen, doch Butcher setzte mir neue Figuren und Umstände vor, als sei dieser Zeitsprung nie passiert. Das war irritierend, verunsichernd und für die weitere Entwicklung der Handlung ungünstig, denn der Ursprung des Geisterchaos‘ liegt in einem Fall, den Harry und Michael innerhalb dieses Jahres bearbeiteten. Schon blöd, wenn man den Bösewicht nie kennenlernen durfte. Irgendwann konnte ich mich glücklicherweise damit abfinden – ich ignorierte einfach alles, was ich nicht verstand oder sich komisch anfühlte. Dadurch war ich für die weiteren Überraschungen in „Grave Peril“ einigermaßen gewappnet. Ein bisschen verdattert war ich trotzdem, als sich offenbarte, dass es in diesem Band eigentlich gar nicht um Geister geht. Tatsächlich geht es um Vampire. Nachdem Butcher in „Fool Moon“ die Spezies der Werwölfe vorstellte, widmet er sich nun den Blutsaugern und erläutert, dass sich die Vampirpopulation in drei Höfe teilt (Schwarz, Rot und Weiß), deren Mitglieder unterschiedliche Fähigkeiten und Charakteristiken besitzen. Ich fand seine Strategie, von Geistern auf Vampire zu kommen, ungelenk und unnötig kompliziert. Er rennt mit der Kirche ums Dorf. Ich weiß, dass Butcher die ersten Bände der „Dresden Files“ detailliert plottete, doch man merkt eben, dass er unerfahren war. Vieles wirkte arg zufällig.

 

Meiner Meinung nach ist „Grave Peril“ der tapsige Versuch eines damals noch ziemlich grünen Autors, einen neuen Handlungsabschnitt in seiner Reihe zu beginnen. Vermutlich war Jim Butcher ein Plan für die weiteren Bände der „Dresden Files“ eingefallen; um diesen umzusetzen musste er „Storm Front“ und „Fool Moon“ fix hinter sich lassen. Seine Leser_innen vor vollendete Tatsachen in Form eines Zeitsprungs und neuer Figuren zu stellen, war dafür sicherlich nicht die beste Taktik, aber wahrscheinlich wusste Butcher es einfach nicht besser. Deshalb ist dieser dritte Band nicht so recht schlüssig. Dennoch ist er unterhaltsam; eine zügige Lektüre für Zwischendurch, die es verzeiht, wenn man nicht hundertprozentig aufmerksam ist. Brain candy per Definition. Für mich geht die Reise mit Harry Dresden weiter, denn ich glaube, dass sich meine Geduld und Nachsicht mit Protagonist und Autor irgendwann auszahlen werden. Irgendwann wird Jim Butcher aus den Kinderschuhen herausgewachsen sein. Ich kann warten.

Eine Welt der Stille

— feeling hypnotized
Der Finder: Endzeit Thriller - Michael  Schreckenberg

Deutsche Autor_innen zu recherchieren ist oft eine ermüdende Angelegenheit. Die schreibende Zunft unseres Landes scheint schüchtern zu sein: Websites sind schlicht und professionell gehalten, Wikipedia-Artikel enthalten kaum mehr als die Randdaten. Um etwas über die Persönlichkeit des Autors oder der Autorin herauszufinden, muss man mühsam mit der Lupe suchen. Nicht so Michael Schreckenberg. Der Autor des postapokalyptischen Romans „Der Finder“ ist freigiebig mit seinen Gedanken. Er führt einen Blog namens schreckenbergschreibt, in dem er über alles fachsimpelt, was ihn beschäftigt – häufig politische und gesellschaftliche Themen. Ich finde das großartig. Nicht nur schwingen wir in unseren Überzeugungen voll auf einer Wellenlänge, ich verstehe jetzt auch viel besser, wieso „Der Finder“ so und nicht anders genau diese Geschichte erzählt. Weiter so, Herr Schreckenberg! Die ganzen Likes sind übrigens von mir. ;-)

 

Zuerst bemerken sie die Stille. Die gespenstische Abwesenheit menschlicher Geräusche. Dann begreifen ihre Augen, was ihre Ohren längst wissen: sie sind allein. Alle Menschen sind verschwunden. Ganz plötzlich, von heute auf morgen. Nur eine kleine Gruppe Hinterbliebener sammelt sich in Leverkusen. Sie sind keine Fremden. Sie kennen einander seit vielen Jahren. Sie entscheiden, zu überleben. Sie verlassen die Städte, ziehen ins Bergische Land und errichten eine neue, einfachere Zivilisation. Alle bringen sich ein, leisten, was sie können. Daniel ist der Finder ihrer Gemeinschaft. Es ist seine Aufgabe, zu finden, was übrigblieb. Nützliche Gegenstände, kleine Hoffnungsträger, andere Überlebende. Antworten. Doch seine einsamen Reisen sind nicht ungefährlich. Nacht für Nacht erwacht tief im Wald ein unsichtbares Übel mit bestialischem Geheul. Und es kommt näher…

 

Wodurch zeichnet sich eine hervorragende Postapokalypse aus? Meiner Meinung nach muss ein solches Buch mehr leisten, als eine packende Geschichte zu erzählen und eine beklemmende Zukunftsvision zu präsentieren. Es muss die Köpfe der Leser_innen füllen. In einem solchen Buch bin ich keine Beobachterin, sondern Teil der Geschichte. „Der Finder“ von Michael Schreckenberg ist eines jener seltenen Einhörner. Ich fand es grandios. Während der Lektüre war ich mental nicht mehr in der Realität verankert, ich unternahm eine Reise in Schreckenbergs menschenleere Welt. Wann immer ich gezwungen war, in die Wirklichkeit zurückzukehren, hatte ich Schwierigkeiten, mich zu orientieren und zu akklimatisieren. Dieser Roman ist ein echter Pageturner, der Fantasie und Vorstellungskraft kräftig ankurbelt, ohne die gängigen Klischees des Genres zu bedienen. Michael Schreckenberg macht vieles anders als seine Kolleg_innen und dafür applaudiere ich ihm euphorisch. „Der Finder“ spielt in Deutschland, was ich allein schon als erfrischende Abwechslung empfand. Vor allem beeindruckte mich jedoch die Taktung der Geschichte. „Der Finder“ braucht keine lange Einführung. Bereits auf Seite 40 ist die Situation klar und die Gruppe um den Ich-Erzähler Daniel verlässt Leverkusen. Da wird nicht lange diskutiert, es ist logisch, den Gefahren der verlassenen Städte (z.B. Brände) zu entkommen, nur mitzunehmen, was unbedingt notwendig ist und bereits abzustecken, wer welche Fähigkeiten mitbringt. Ihre pragmatische Herangehensweise inspirierte mich. Ich fragte mich, inwiefern ich der Gemeinschaft nutzen könnte, übte beinahe ein leidenschaftliches Plädoyer für meine Hündin ein. Keine 10 Seiten weiter sind die Siedler in ihrem zukünftigen Heim angekommen und beginnen sofort mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft. Trotz dieses zügigen Tempos erschien mir die Handlung keineswegs hektisch, sondern ruhig und ausgeglichen, ein Effekt, den ich Daniel zurechne. Daniel ist ein äußerst angenehmer Protagonist, dessen bedachte Ausstrahlung die Atmosphäre maßgeblich beeinflusst. Er schildert selbst große Gefühle sachlich und nüchtern. Dadurch konnte Schreckenberg sich auf die Ereignisebene konzentrieren und die emotionale Ebene zurückhaltend ausarbeiten, was mir wiederum viel Spielraum für eigene Gefühle bot. Drama nimmt in „Der Finder“ allerdings ohnehin einen untergeordneten Stellenwert ein. Die Siedlergemeinschaft zeichnet sich durch außerordentliche Harmonie aus. Selbstverständlich treten durch das erzwungene Zusammenleben Konflikte auf, aber Verrat, Intrigen und Machtkämpfe sind ihnen fremd. Alle versuchen einfach, sich entsprechend ihrer Möglichkeiten einzubringen. Ihre gleichberechtigte, kommunistisch anmutende Gesellschaft entwickelt sich völlig natürlich und friedlich, weil sich niemand egoistisch verhält. Negative Impulse kommen fast ausschließlich von außen. Passend dazu verzichtet Schreckenberg auf die billigen Spezialeffekte übertrieben actionlastiger Szenen und baut Spannung stattdessen über die zunehmende Bedrohung durch eine mysteriöse Lebensform auf, die die Siedler „Heuler“ nennen. Diese hält er bis kurz vor Schluss aufrecht – bis er erläutert, was es mit den Heulern auf sich hat und was mit all den Menschen geschah, die verschwanden. Zweifellos konzipierte er ein abgefahrenes Szenario – aber wieso sollte das eigentlich nicht plausibel oder akzeptabel sein? Für mich war es das.

 

„Der Finder“ ist ein rundum gelungenes Buch, dessen spezielle Wirkung mich begeisterte. Es ist eine der besten Postapokalypsen, die ich je gelesen habe. Ein kleiner patriotischer Teil in mir jubelt darüber, dass Deutschland noch immer bemerkenswerte Dichter und Denker im Format eines Michael Schreckenberg hervorbringt. Ich freue mich, dass ich diesen Diamanten entdeckte und werde mir auf jeden Fall die lockere Fortsetzung „Nomaden“ besorgen. Ach, was rede ich, vermutlich werde ich alles lesen, was Schreckenberg je geschrieben hat. Euch möchte ich „Der Finder“ als besonderen Schatz vehement ans Herz legen. Es ist herausragend. Eine klare Leseempfehlung!

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/12/michael-schreckenberg-der-finder

Lauf, Atticus, lauf!

— feeling cyclop
Hunted - Kevin Hearne

„Hunted“ ist in der Benennung der Reihe „The Iron Druid Chronicles“ von Kevin Hearne ein kleiner Hickser. Die Titel der ersten drei Bände enthalten alle den Anfangsbuchstaben „H“ („Hounded“, „Hexed“ und „Hammered“), Band vier und fünf das „T“ („Tricked“ und „Trapped“) und die letzten drei Bände das „S“ („Shattered“, Staked und „Scourged“). Der Symmetrie zuliebe hätte der sechste Band eigentlich ebenfalls einen Titel mit einem „T“ tragen müssen. Tatsächlich sollte er ursprünglich „Tracked“ heißen. Letztendlich entschieden Hearne und sein Verlag jedoch, dass „Hunted“ die inhaltlichen Entwicklungen besser widerspiegelte, da „to track“ eben nicht nur „jemanden verfolgen“ bedeutet, sondern auch „jemanden beobachten/überwachen“. Ein nachvollziehbarer Einwand, denn was in „Hunted“ passiert, ist definitiv keine Überwachung. Es ist eine Jagd.

 

Atticus, Granuaile und Oberon sind auf der Flucht. Atticus‘ Entscheidung, den Gott Bacchus aus dem Verkehr zu ziehen, kam im griechisch-römischen Pantheon nicht gut an. Jetzt sind ihnen gleich zwei Jagdgöttinnen auf den Fersen: Artemis und Diana. Atticus würde gerne einfach in Tír na nÓg Däumchen drehen, bis sie sich beruhigt haben, aber das ist nicht möglich. Die Portale zur irischen Ebene wurden blockiert. Stinkt nach einer Verschwörung. Ohne die Hilfe der Morrigan, die ihnen einen Vorsprung verschaffte, wären sie niemals entkommen. Sie riet ihm, sich quer über Europa bis zum englischen Windsor Forest durchzuschlagen, das Hoheitsgebiet von Herne dem Jäger. Es ist ihr letztes Geschenk an ihn. Atticus, Granuaile und Oberon nehmen die Beine in die Hand. Doch die wilde Jagd ist nicht ihr einziges Problem. Ragnarök rückt näher. Atticus muss all seine grauen Zellen anstrengen, will er die Griechen und Römer austricksen, bevor Loki das Universum in Brand steckt. Irgendwelche Vorschläge?

 

Verrückt. Obwohl ich nach der Lektüre des letzten Bandes „Trapped“ bemängelte, dass mich Atticus‘ ständiger Krisentango nervt und ich mir lautstark Abwechslung wünschte, gefiel mir „Hunted“ erstaunlich gut. Trotz des Jagdmotivs. Oder gerade deswegen. Die aufregende Flucht vor den griechisch-römischen Göttinnen der Jagd ist die eine große Baustelle des sechsten Bandes der „Iron Druid Chronicles“. Natürlich ist die drohende Apokalypse in Form von Ragnarök weiterhin präsent – Loki und Hel lassen sich schwer ignorieren – und Atticus vermutet, dass ihm irgendjemand in Tír na nÓg bösgewillt ist, weil niemand unbemerkt die Portale dorthin schließen kann, aber hauptsächlich läuft er um sein Leben. Dadurch wirkte „Hunted“ wesentlich fokussierter als „Trapped“, denn Atticus hat schlicht keine Zeit, die vielen kleineren Brände zu löschen, die er sich im Verlauf der Reihe einbrockte. Artemis und Diana sind furchteinflößende Gegnerinnen, die seine gesamte Aufmerksamkeit und all seine geistige Beweglichkeit einfordern. Im Grunde sind sie unsterblich. Sie sind zwar verwundbar und können vorübergehend besiegt werden, doch kaum ist man sie los, erstehen sie der Mythologie entsprechend schon wieder auf. Ich fühlte mich während der Lektüre oft hoffnungslos und zweifelte mehrfach daran, dass Atticus, Granuaile und Oberon sie überlisten können. Mir unterlief der Fehler, Atticus‘ Intelligenz zu unterschätzen. Durch seine witzigen Sprüche und seine lässige Persönlichkeit vergaß ich, wie clever er ist. Er ist ein Fuchs. Ich wäre niemals darauf gekommen, dass hinter seinem Zwist mit dem griechisch-römischen Pantheon eine größere Verschwörung stecken könnte und war verblüfft, was er sich alles einfallen lässt, um Artemis und Diana kaltzustellen. Er konnte einige der Sympathiepunkte, die er im letzten Band einbüßte, wieder wettmachen. Ein entscheidender Faktor dafür war eine gesteigerte emotionale Verbindlichkeit, die ich als echten Fortschritt empfand. In den letzten Bänden fehlte mir Atticus‘ Bewusstsein für den Schaden, den er (unabsichtlich) anrichtete. In „Hunted“ hatte ich das Gefühl, dass er sich den Konsequenzen seines Handelns erstmals stellt. Das betraf nicht nur Ragnarök, sondern auch seine Beziehung zur Morrigan. Ihr Opfer erschüttert ihn. Natürlich erhält er auf seiner Flucht durch Europa kaum Gelegenheit, sich mit seinen Gefühlen für sie auseinander zu setzen, aber Kevin Hearne vermittelt einen klaren Eindruck dessen, was er empfindet. Das gefiel mir, ebenso wie die überraschenden Kapitel aus Granuailes Ich-Perspektive, die mein positives Bild von ihr bestätigten. Hearne gelang der Stimmenunterschied zwischen ihr und Atticus, er sollte ihn allerdings noch verfeinern. Die ehrlichen Einblicke in das Innenleben der beiden entschädigten mich beinahe für die mittelmäßige Umsetzung der Europareise. Schon klar, die drei müssen rennen, Sightseeing ist nicht drin. Dennoch fand ich die geringe Interaktion mit dem Setting, diese wenig aussagekräftige Abfolge distinktiver Landschaften, schwach. Eine spannende Verfolgungsjagd vor einer leider zu blassen Kulisse.

 

Es wird ernst in den „Iron Druid Chronicles“. Ich sehe in „Hunted“ den etwas verspäteten Beginn der neuen Handlungslinie, die mir für „Trapped“ versprochen wurde. Die Situation gewann für Atticus, Granuaile und Oberon an Dringlichkeit, die Phase des Versteckens und Herumalberns ist vorbei. Ich spürte jetzt den Zeitsprung von 12 Jahren, der sich bereits im Vorgänger hätte bemerkbar machen müssen. Die Flucht vor den Jagdgöttinnen weckt Atticus unsanft auf. Er kriegt endlich seinen Hintern hoch, bereitet sich auf Ragnarök vor und schließt zum Wohle des Universums ungewöhnliche Allianzen. Zeit wurde es. Ich verzeihe Kevin Hearne die Verzögerung, einerseits aus Sympathie, andererseits aus dem festen Glauben heraus, dass er Atticus nun auf den rechten Weg führt und ihn mal was richtig machen lässt. Zu lange betrieb er lediglich Schadensbegrenzung. Er muss ein echter Held werden. Leicht wird das nicht. Aber wann war die Rettung des Universums jemals leicht?

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/06/kevin-hearne-hunted

Stark, Kumpel, bist du's?

— feeling confident
Kill City Blues - Richard Kadrey

Sandman Slim“ soll verfilmt werden. Mein Kumpel Stark auf der Leinwand. Eine seltsame Vorstellung. Die Pläne für eine Verfilmung reichen weit zurück. In einem Interview von 2012 sprach der Autor Richard Kadrey bereits konkret darüber. Diese Realisierung kam offenbar nicht zustande, denn laut aktuelleren Berichten kaufte Studio 8 die Rechte an der Reihe 2016. 2018 wurde öffentlich, dass Chad Stahelski Regie führen und Kerry Williamson die Drehbuchadaption schreiben soll. Über Schauspieler_innen ist noch nichts bekannt. Kadrey selbst weigert sich, Ideen vorzuschlagen. Er habe die äußerliche Erscheinung seines Helden bewusst vage gehalten, damit seine Leser_innen sich ihr eigenes Bild machen können. Einen Schauspieler zu nennen, würde diesen Effekt ruinieren. Aus demselben Grund kommt es für mich nicht in Frage, mir eine Verfilmung anzusehen. Ich bleibe lieber bei den Büchern. Mittlerweile bin ich beim fünften Band „Kill City Blues“ angekommen.

 

Ruhestand – hach, was wäre das schön. Leider ist das für James Stark aka Sandman Slim – Ex-Höllengladiator, Ex-Himmelssöldner und Ex-Luzifer – einfach nicht drin. Er rettete die Welt, doch die Gerüchte über die Macht des Qomrama Om Ya verbreiteten sich in Windeseile und jetzt ist jeder dahergelaufene Möchtegernschurke scharf auf das Ding. Diese Leute meinen es ernst. Wieder einmal wird Stark zur Zielscheibe und beschließt, zu verhindern, dass das Qomrama Om Ya in falsche Hände gerät. Er beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen. Nach einigen Wochen ohne Ergebnis hat er die Nase gestrichen voll und tut, was er am besten kann: kräftig auf den Busch klopfen und schauen, was hervorkriecht. Während einer seiner… Erkundungsmissionen fällt ein Name. Kill City. Ausgerechnet. Die verlassene Mall voller primitiver, feindlicher Sub-Rosa-Clans und Monster ist nicht gerade ein Ausflugsziel, das Stark freiwillig gewählt hätte. Aber nun ja, was tut man nicht alles, um die Welt zu schützen?

 

„Kill City Blues“ braucht eine Weile, um in Fahrt zu kommen. Deshalb teile ich diesen fünften Band der Sandman Slim“-Reihe in zwei Hälften unterschiedlicher Qualität. Die erste Hälfte gestaltete sich ziemlich verwirrend und chaotisch. Ich stieg nicht dahinter, welche Parteien das Qomrama Om Ya aus welchen Gründen besitzen wollen und Stark deshalb bedrohen. Ich fand die Situation unübersichtlich. Meine visuelle Assoziation war eine – zugegeben sehr brutale – Kabbelei unter Hühnern. Ich glaube, hätte nicht irgendwer angefangen, auf Stark zu schießen, hätte er sich mit Freuden zurückgelehnt und die Show genossen. Da er Kugeln aber nun mal ziemlich persönlich nimmt, mischt er sich in die Suche ein. Es schockierte mich, wie zahm und zivilisiert er dabei zuerst vorgeht. Meine Befürchtung, Kadrey könne seinen Biss verloren haben, die ich aus dem letzten Band „Devil Said Bang“ mitbrachte, potenzierten sich. Stark fragt herum. Er fragt! Er ist beinahe nett! Niemand stirbt! Ich kramte bereits mental ein schwarzes Kleid heraus, um angemessen um meinen Kumpel zu trauern, der einfach nicht mehr derselbe war. Die Mühe hätte ich mir sparen können, denn in der zweiten Hälfte von „Kill City Blues“ dreht Kadrey auf und legt eine Kehrtwende hin, die mir einen erleichterten Seufzer entlockte. Plötzlich war Stark wieder Stark. Es fühlte sich an, als hätte sich der Autor endlich auf den Kern der Reihe und das Wesen seines Protagonisten besonnen. Halleluja! Stark ist zwar wesentlich intelligenter, als er auf den ersten Blick erscheint, was mich immer wieder überrascht, aber weder ist er ein Stratege noch ein netter Kerl. Er ist unvernünftig und impulsiv. Er ist jemand, der so lange mit einem Knüppel auf den sprichwörtlichen Busch einprügelt, bis alles, was herausfällt, um Gnade winselt. Genau das macht er in der zweiten Hälfte von „Kill City Blues“. Er findet zu seiner alten Form zurück. Trotzdem gibt es Hinweise auf eine charakterliche Weiterentwicklung, die ich sehr begrüße. Stark arbeitet in Kill City erstmals in einem größeren Team. Das war interessant, obwohl ich ihn dennoch für einen Einzelgänger halte, der die Vorteile einer Gruppe nicht nutzt und handelt, als wäre er allein. In diesem Zusammenhang muss ich zähneknirschend zugeben, dass mir Candy in diesem Band besser gefiel. Sie benimmt sich weniger waghalsig und ich glaubte ihr, dass sie sich ernsthafte Sorgen um Stark macht. Eventuell erlaube ich ihr, die Frau in seinem Leben zu bleiben. Außerdem habe ich den Eindruck, dass Stark langsam zu einer inneren Balance zwischen den beiden Seiten seiner Persönlichkeit findet. Ich gönne ihm das sehr, denn er braucht diesen Frieden. Er muss beide Seiten akzeptieren lernen; gegen eine anzukämpfen, macht ihn nur unglücklich. Beide sind ein Teil von ihm, er wird niemals ein ruhiges oder gewaltfreies Leben führen, was er Stück für Stück einzusehen scheint. Sein verändertes Verhältnis zu Kasbian ist meiner Meinung nach Ausdruck dessen. Nach all der Zeit, in der sie widerwillige Mitbewohner waren, stecken sie in „Kill City Blues“ zum ersten Mal vorsichtig die Grenzen ihrer Beziehung ab. Werden sie am Ende vielleicht doch noch Freunde?

 

„Kill City Blues“ stimmt mich optimistisch. Der fünfte Band der Sandman Slim“-Reihe knüpft insgesamt zwar noch nicht an die Qualität der ersten drei Bände an, aber ich denke, Richard Kadrey ist auf dem Weg dahin. In der zweiten Hälfte des Buches lockert er die Zügel für Stark, sodass dieser endlich wieder der unbequeme Bastard sein darf, den ich liebe. Er erlaubt ihm sogar einen abenteuerlichen Kurztrip in die Hölle, den ich atemlos verfolgte. Ich hoffe, dass der Autor nun nicht länger versucht, aus Stark etwas zu machen, was er nicht. Die Handlung von „Kill City Blues“ deutet an, dass er auf einen inhaltlichen Abschluss und die nächste Stufe im Leben seines Protagonisten zusteuert. Wenn es nach mir geht, kann dieser Übergang gar nicht schnell genug stattfinden. Schluss mit alten Göttern und der Frage, wer die Hölle regiert – auf zu Neuem!

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/05/richard-kadrey-kill-city-blues

Habe ich das Buch überhaupt gelesen?

The Breedling and the City in the Garden (The Element Odysseys) - Kimberlee Ann Bastian

Kennt ihr die irische Legende von Stingy Jack? Vielleicht kennt ihr ihn als Jack O’Lantern, zu dessen Ehren an Halloween Kürbislaternen aufgestellt werden. Der Sage zufolge trickste Jack den Teufel am Abend vor Allerheiligen aus, sodass dieser niemals seine Seele beanspruchen würde. Als Jack starb, wiesen ihn sowohl Himmel als auch Hölle ab. Er wurde auf die kalte, dunkle Erde zurückgeschickt, um dort auf ewig unter den Sterblichen zu wandeln. Aber der Teufel hatte Mitleid mit ihm und schenkte ihm ein Stück Kohle, das Jack in einer ausgehöhlten Rübe aufbewahrte. Daraus leitete sich der Volksglaube ab, dass eine Rüben- oder Kürbislaterne vor dem Teufel und bösen Geistern schützt. Außerdem inspirierte die Legende die Autorin Kimberlee Ann Bastian dazu, ihren Debütroman „The Breedling & The City in the Garden“ zu schreiben, Auftakt der Reihe „The Element Odysseys“, den ich als Rezensionsexemplar via Netgalley erhielt.

 

Jahrhundertelang kannte Bartholomew nur die Grenzen seines Käfigs, in den ihn seine Meister als Strafe für seinen Ungehorsam sperrten. Der unsterbliche Seelenfänger traf eine Wahl. Er wählte den Widerstand, um ein Geheimnis zu schützen. Seiner magischen Kraft beraubt siechte er in seinem Gefängnis dahin, ohne Hoffnung auf Freiheit. Bis sich unerwartet eine Tür in die menschliche Welt öffnete und Bartholomew sich in einem Inferno wiederfand. Desorientiert und traumatisiert wäre er in den Flammen des brennenden Waisenhauses gestorben, hätte ihn nicht der junge Charlie Reese gerettet. Nun sind ihre Schicksale verknüpft. Unter Charlies Führung versuchen sie, in Chicagos Straßen der 30er Jahre einen Hinweis auf Bartholomews ursprüngliche Mission und das Geheimnis zu aufzuspüren, das er von seinen Meistern bewahrte. Doch Gefahren lauern an jeder Ecke und schon bald muss Bartholomew entscheiden, ob er bereit ist, für seinen Auftrag Charlies Seele zu riskieren.

 

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, ob meine Inhaltsangabe den Kern von „The Breedling & The City in the Garden“ erfasst. Ich weiß es nicht, weil ich nur eine vage Vorstellung davon habe, worum es in diesem historischen Urban Fantasy – Roman geht. Die Lektüre war eine absurde Verschwendung meiner kostbaren Lesezeit. Ich habe aus dem Klappentext auf Goodreads mehr über den Inhalt der Geschichte erfahren, als durch das Buch selbst. Meinem Empfinden nach wollte Kimberlee Ann Bastian besonders pfiffig sein und die Grundpfeiler ihres Reihenauftakts sehr subtil vermitteln – so subtil, dass ich sie nicht finden konnte. In meinem Kopf herrscht ein wildes Durcheinander verschiedener Elemente und Momentaufnahmen, an die ich mich erinnere, aber ich bin nicht fähig, sie zu einem konsistenten Gesamtbild zu kombinieren oder sie mit der Legende von Jack O’Lantern in Zusammenhang zu bringen. Ein dauerhaftes Ärgernis war Bartholomew, den ich mir von Anfang an völlig anders vorgestellt hatte. Die kleine Kröte ist ein Kind. Ich dachte, ich bekäme es mit einem zwielichtigen, erwachsenen Magier und Seelensammler zu tun. Ich war wie vom Donner gerührt, als er sich als etwa 8-jähriger Junge entpuppte. Nun könnte man argumentieren, dass er nur äußerlich ein Kind, in Wahrheit aber unsterblich und uralt ist. Dem muss ich vehement widersprechen. Bartholomew ist definitiv kindlich. Ein sensationell anstrengendes, bedürftiges und hilfloses Kind. Der arme Charlie tat mir schrecklich leid, weil er ihn ertragen musste. Ich mochte den 17-jährigen gern, aber meinem Verständnis von „The Breedling & The City in the Garden“ half das leider nicht. Die Handlungen, Entscheidungen und Reaktionen aller Figuren gaben mir Rätsel auf. Dafür, wie dialoglastig das Buch ist, wird schockierend wenig offenbart. Es gibt kaum Szenen, in denen sich niemand unterhält, was mir unfokussiert und langatmig erschien. Ich musste wichtige Informationen Krümelchen für Krümelchen aus dem stetigen Strom überflüssigen Geblubbers herausfiltern. Ein passendes Beispiel: Bartholomew fragt Charlie, wieso er im Waisenhaus war, was mit seinen Eltern geschah. Statt einfach die Frage zu beantworten, lässt sich Charlie erst einmal lang und breit über die Persönlichkeiten seiner Mutter und seines Vaters aus. So ist das ganze Buch: eine enervierende Abfolge zielloser Gespräche vor einer schemenhaften Kulisse. Die Atmosphäre der 1930er Jahre in Chicago kam überhaupt nicht rüber; ich könnte nicht einmal sagen, zu welcher Jahreszeit „The Breedling & The City in the Garden“ spielt. Von der Parallelwelt, aus der Bartholomew stammt, mal ganz zu schweigen. Über diesen nebulösen Ort erfuhr ich gar nichts. Ich vermute, dass die Entitäten, die wir als Elemente kennen, also Feuer, Erde, Wasser und Luft, laut Kimberlee Ann Bastians Entwurf Wesen aus dieser Parallelwelt sind, die in der menschlichen Realität dann zu entscheidenden Akteuren des christlichen Glaubens wurden. Das Feuer ist der Teufel, so in der Art. Klingt verdreht und unnötig kompliziert? Goldrichtig. Irgendwie besteht eine Verbindung zu Bartholomew, er muss irgendwas tun – ich habe keinen Schimmer, was. Ich weiß weder, wieso genau er gefangen war, noch welches Geheimnis er schützte oder was das alles mit Charlie zu tun hat. Aber es ist mir auch vollkommen egal.

 

Ich habe noch nie eine Rezension über ein Buch geschrieben, über das ich so wenig wusste wie über „The Breedling & The City in the Garden“. Es fühlt sich an, als hätte ich es gar nicht gelesen. Dieser Reihenauftakt ist unzusammenhängend, wirr und konfus. Ich musste mich durchquälen, war abwechselnd gelangweilt und genervt. Meiner Ansicht nach handelt es sich bei diesem Debüt um ein weiteres Rezensionsexemplar, das noch viel zu roh und unausgereift ist, um es Leser_innen vorzusetzen. Ich konnte nicht einmal erkennen, was Kimberlee Ann Bastian eigentlich erreichen wollte. Ich muss euch daher raten, einen weiten Bogen um „The Breedling & The City in the Garden“ zu machen und euch die Reihe „The Element Odysseys“ zu ersparen.

 

Vielen Dank an Netgalley und den Verlag Wise Ink Creative Publishing für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/02/27/kimberlee-ann-bastian-the-breedling-the-city-in-the-garden

Banditen, Knarren und Macht über Metalle

— feeling pirate
Jäger der Macht  - Brandon Sanderson

Die „Mistborn“-Reihe von Brandon Sanderson ist ein Mammutprojekt, das den Autor noch viele Jahre begleiten wird. Ursprünglich war es als Trilogie-Dreifaltigkeit geplant: es sollten drei Trilogien in unterschiedlichen Epochen erscheinen. Nach der ersten Trilogie entschied Sanderson allerdings, seinen Leser_innen den großen Zeitsprung mit einem Übergangsband zu erleichtern. Eine gute Idee, die sich verselbstständigte. Aus dem Einzelband „Jäger der Macht“ wurde die vierteilige Spin-Off-Reihe „Wax und Wayne“. Sie wird die zweite Trilogie jedoch nicht ersetzen. Es ist unklar, wann mit den nachfolgenden Dreiteilern zu rechnen ist. Ich empfinde „Wax und Wayne“ trotzdem als vollwertigen Bestandteil der „Mistborn“-Reihe und war neugierig, in „Jäger der Macht“ herauszufinden, wie sich die Welt der Nebelgeborenen nach 300 Jahren veränderte.

 

20 Jahre jagte Waxillium Ladrian Verbrecher im Rauland. Er war gut in dem, was er tat. Möglicherweise sogar der Beste, dank der seltenen Kombination seines ferrochemischen und allomantischen Talents. Doch nachdem seine Partnerin ermordet wurde, schwor Wax der Jagd nach Kriminellen ab und flüchtete vor seinen Erinnerungen nach Elantel, um dort die Geschäfte seiner Familie zu leiten. Nur wenige Monate nach seiner Ankunft regen sich erneut seine Ermittlerinstinkte. Die Stadt wird von einer spektakulären Verbrechenswelle in Angst und Schrecken versetzt. Könnte eine Verbindung zwischen den tollkühnen Zugüberfällen und den Entführungen reicher Töchter bestehen? Welchen Plan verfolgt die Allomanten-Räuberbande? Wax hatte gelobt, sich zur Ruhe zu setzen. Aber als er Besuch von seinem alten Freund Wayne erhält, der ihn um Hilfe bei seinen Nachforschungen bittet und er Opfer eines brutalen Mordanschlags wird, kann er nicht länger untätig bleiben. Elantel braucht ihn. Ein neuer Sheriff ist in der Stadt.

 

Ich verstehe, wieso „Jäger der Macht“ Brandon Sanderson dazu verleitete, nicht nur einen Einzelband, sondern eine gesamte Reihe zu schreiben. Die Interaktion von Magie und Technik ist faszinierend. Die metallischen Künste und Schusswaffen sind für einander geschaffen. Das klingt hart, ich weiß. Als ausgesprochene Waffengegnerin und überzeugte Pazifistin würde ich so einen Satz in der Realität niemals äußern. Doch im Kontext des „Mistborn“-Universums entspricht er einfach der Wahrheit. Die nostalgische Wild West – Romantik eines altmodischen Revolvers, dessen Kugeln mit Allomantie manipuliert werden, versprüht einen einzigartigen Charme. Ob Sanderson dieses Zusammenspiel plante, als er die Nebelgeborenen erschuf? Der Übergang in eine neue Ära ist ihm jedenfalls gelungen. 300 Jahre sind seit dem Kampf gegen Ruin vergangen und die Welt hat sich gewandelt. Sazeds Utopie verwirklichte sich leider nicht. Stattdessen entstand in einer Senke das Becken von Elantel, Zentrum der Zivilisation und Standort der Metropole Elantel, in der die Häuserstruktur der ersten Trilogie erhalten blieb und die offensichtlich nach Elant selbst benannt ist. Aufgrund solcher Anspielungen rate ich von einem Quereinstieg mit „Jäger der Macht“ ab. Außerhalb des Beckens ist die Kultiviertheit der Städte noch ein schöner Traum: direkt hinter einer Bergkette beginnt das Rauland, eine gesetzlose, archaische Ebene, in der nur wenige versuchen, Recht und Ordnung durchzusetzen. Assoziationen mit einer Wild West – Szenerie sind demzufolge nicht von der Hand zu weisen und meiner Meinung nach genau, was Sanderson mit „Jäger der Macht“ erreichen wollte, obwohl mich die Atmosphäre nicht gänzlich überzeugte. Ich erlebte kein buntes Kopfkino, trotz anschaulicher Handlungselemente wie maskierten Banditen und einer Verfolgungsjagd auf einem Zug. Der Protagonist Wax verbrachte als Gesetzeshüter 20 Jahre im Rauland, bevor er nach Elantel zurückkehrte, um den Tod seiner Partnerin zu vergessen und die Leitung seines Hauses zu übernehmen. Wax ist ein Zwillingsgeborener; er verfügt über ein allomantisches und ein ferrochemisches Talent. Wahre Nebelgeborene gibt es nicht mehr. Ich fand diese verwässerte Vermischung der Gaben realistisch und plausibel, denn sie erklärt, wieso Vin und Kelsier als Götter verehrt werden und sich um sie religiöse Konfessionen entwickelten, was mich zum Schmunzeln brachte. Das hätten die beiden wohl niemals erwartet. Wax ist ein typischer Held. Die Rechtschaffenheit kommt ihm quasi zu den Ohren raus, wodurch sein Verhalten vorhersehbar ist: komme, was wolle, Wax wird immer das Richtige tun und niemals fragwürdige Entscheidungen treffen. Er ist eine solide Hauptfigur und führt verlässlich durch die Geschichte, erschien mir aber zu langweilig. Ich mochte seinen Kumpel Wayne deutlich lieber, der herrlich unvernünftig und verrückt ist, ohne einen Hauch Bösartigkeit im Leib zu tragen. Gemeinsam ermitteln sie bezüglich einer Verbrechenswelle in Elantel, weshalb ich die Handlung von „Jäger der Macht“ als Krimi einstufe. Resultierend daraus ist der Spin-Off-Auftakt zügiger getaktet als die originale Trilogie. Das kam mir entgegen, doch der Funke ist noch nicht übergesprungen. Mit „Kinder des Nebels“ erging es mir allerdings ebenso. Erst die Folgebände holten mich ab. Also hoffe ich, dass dies wieder der Fall sein wird.

 

Ich glaube, dass ich mit Brandon Sanderson immer etwas Anlaufzeit brauchen werde. Seine einfach gestrickte, klassische Fantasy mit ihren unzweifelhaften Figurentypen ist für mich einfach etwas zu gradlinig und zu einseitig ausschattiert. Deshalb fand ich „Jäger der Macht“ zwar unterhaltsam, aber nicht überwältigend. Das heißt nicht, dass die Handlung keine Überraschungen bereithielte, doch von einer gerissenen Konstruktion kann nicht die Rede sein. Trotzdem mochte ich die an den Wilden Westen erinnernde Epoche dieses Bandes, weil sie hervorragend mit Allomantie und Ferrochemie harmoniert. Banditen, Knarren und Macht über Metalle – diese Kombination macht definitiv Spaß.

Quelle: http://wortmagieblog.wordpress.com/2019/02/26/brandon-sanderson-jaeger-der-macht

Ich lese gerade

Seveneves: A Novel
Neal Stephenson
Die große Enzyklopädie der Serienmörder
Fatima Awwad, Robert Zingerle, Jaques Buval, Mike Newton
Bereits gelesen: 40/534 pages
Grashalme
Walt Whitman
Bereits gelesen: 21 %
United States of America: Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart
Bernd Stöver